Gefahren durch Sparen
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 25. Oktober 2005 18:00 Uhr
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Ich hoffe, ich habe Sie nicht geschockt! Aber der Artikel "Möglicher Wendepunkt ..." gestern war natürlich nicht von mir, sondern von Martin Weiss, der wie jeden Montag den zweiten Artikel im Investor's Daily verfasst. Trotzdem erhielt ich einige besorgte E-Mails, ob ich denn meine Meinung geändert hätte. Nein, habe ich nicht. Noch (!) bin ich bullish, aber ich beobachte sehr genau, was passiert!
Ich möchte mich für dieses Versehen meinerseits entschuldigen. Ich hoffe doch, dass der überwiegenden Mehrheit dieser Umstand aufgefallen ist!
Wenn Sie meine Texte schon öfter gelesen haben, wissen Sie, dass ich grundsätzlich keinen direkten Zusammenhang zwischen der Börse und den aktuellen wirtschaftlichen Verhältnissen eines Landes sehe. Börse nimmt immer die wirtschaftliche Entwicklung die "erwartet" wird, vorweg. Die Börse steigt also, wenn die Investoren annehmen, dass es besser wird, egal wie schlecht die wirtschaftliche Verfassung gerade ist, und fällt, wenn die Börse schlechtere Zeiten erwartet, egal wie gut die wirtschaftliche Verfassung gerade ist. Im Moment sieht es sehr schlecht für Deutschland aus, aber endlich wird einmal Klartext geredet, vielleicht entsteht hieraus etwas Vernünftiges. Aus diesem Grund brechen die Börsen nicht ein, sie erwarten eine Verbesserung.
Börse ist anders
Es ist einer der Hauptfehler vieler sehr guter Volkswirtschaftler, dass Sie oft nicht sehen, dass Börse und die "aktuelle" Wirtschaftssituation nichts miteinander zu tun haben müssen. Sie haben ein ausgezeichnetes und umfassendes Wissen über volkswirtschaftliche Zusammenhänge, aber nicht von der Börse. Aus diesem Grund sind volkswirtschaftlich versierte Analysten oft schlechte Börsianer. Sie können an den Börsen wesentlich besser Geld verdienen, wenn Sie keine Ahnung von volkswirtschaftlichen Zusammenhängen habe, als wenn Sie viel Ahnung davon haben, aber keine von der Börse.
Martin Weiss erwartet seit sehr vielen Jahren den Zusammenbruch. Ich konnte mich dem bisher nicht anschließen.
Die Gefahren lauern an anderer Stelle
Auch ich sehe die Gefahren, aber ich sehe ganz andere Gründe dafür. Eines der Hauptprobleme in Deutschland ist diese absurde "Sparmentalität". Wie ich gestern dargelegt habe, führt ausgebremstes (gespartes) Geld zu deflationären Tendenzen. Diese haben wir immer noch in Deutschland, auch wenn durch die Energiepreise scheinbar Inflationsdruck aufkommt. Ich sehe ständig neue Billig Discounter, eine "Geiz ist Geil Aktion" folgt der nächsten: Der Tenor: Billich will ich! Deutlichere Deflationsanzeichen gibt es kaum. Erst wenn wieder: "Ich gönn mir was!" auf den Werbeflächen auftaucht, ist die Deflation vorbei.
Wie bekämpft man Deflation?
Das Problem: Deflation führt zu Arbeitslosigkeit, da der Binnenkonsum unter der Kaufzurückhaltung und den sinkenden Preisen massiv zu leiden hat. Auch das erleben wir gerade. Ich finde das so eindeutig, dass es fast weh tut.
Um Deflation zu bekämpfen, muss man zwei Dinge tun: Erstens die Leitzinsen senken, das hat die EZB getan (ein Löbchen in Richtung EZB), und zweitens: Der Staat muss massiv Geld in den Geldkreislauf pumpen, damit der deflationäre Teufelskreislauf aufgeknackt wird.
Letzteres bedeutet aber tatsächlich: Der Staat muss sich im Umfeld einer Deflation verschulden und im Umfeld einer Inflation entschulden. Seltsamerweise will das aber keiner hier einsehen. Und so wird die Quadratur des Kreises versucht: Sparen und Arbeitsplätze. Dass das sehr schwierig wird, wissen die Politiker.
Die schmerzenden Fesseln des Defizitkriteriums
Nun kann sich Deutschland nicht einfach verschulden, weil wir unter einem völlig unsinnigen Defizitkriterium zu leiden haben, das nebenbei auch noch von Deutschland selbst gefordert worden war. Damals ging es um den Euro, und in diesem Zusammenhang waren die Defizitskriterien auch sinnvoll, um Vertrauen in diese Währung aufzubauen. Doch aktuell ist die Situation eine ganz andere, nicht nur wegen des Crashs, sondern auch, weil Deutschland auch aufgrund der schlechten Situation in den neuen Bundesländer Schulden machen musste.
Ich weiß nicht, warum das hier keiner sieht. Ich sehe nur Volkswirtschaftler, denen Schulden ein Gräuel sind. Überall höre ich, dass Schulden schlecht sind – das ist etwas, was man der Bevölkerung leicht verkaufen kann. Denn bei einer Privatperson trifft das zu, aber schon bei einem Unternehmen sieht es anders aus, noch anders sind Schulden bei einem Staat zu bewerten.
Nun, das Defizitskriterium abzuschaffen, wird schwierig sein. Was bleibt, ist rumstochern und hoffen, dass die Weltwirtschaft weiter wächst und wir hier aus der Deflation rauskommen. Wenn ich mir Japan ansehe, weiß ich, dass das lange dauern kann.
Vielleicht hilft ein Stimmungsumschwung
Einer der wichtigsten Aspekte in Deutschland wird sein, das Vertrauen der Menschen in die Zukunft zu stabilisieren. Das könnte sie dazu bringen, weniger Vorsorge für die Zukunft zu treffen und mehr zu konsumieren. Es kann deswegen sein, dass die große Koalition sogar Sinn macht, denn endlich wird eine Seite nicht alles schlecht reden, was die andere Seite anstellt. Die Medien werden ebenfalls ruhiger sein, da sie, egal welcher großen politischen Richtung sie angehören, in dieser Koalition irgendwie vertreten sind. Vielleicht hebt sich allein schon dadurch die Stimmung.
Bernanke wird Notenbankchef
Übrigens: Ursache des oben genannten Fehlers war wahrscheinlich, dass gestern plötzlich die Nachricht aufkam, Bush werde um 19 Uhr Greenspans Nachfolger bekannt geben. Das passierte genau in dem Moment, als ich die Texte eingestellt habe. Dadurch geriet ich offenbar in leichte Hektik – das sollte einem Trader eigentlich nicht passieren.
Aber die Märkte haben den Nachfolger Bernanke positiv aufgenommen. Ich habe zu Bernanke eine zwiespältige Meinung. Ich werde es zudem vermissen, Greenspan nicht mehr Old Greeny nennen zu dürfen, und das "Old Bernie" hat sich Bernanke noch lange nicht verdient! Vielleicht fällt Ihnen ja ein geeigneter Spitzname für Bernanke ein.