Gefährliches Massendenken ...
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 10. September 2004 18:00 Uhr
ENL5454
In den frühen zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten Jahre alte Traditionen den Investoren immer wieder vermittelt, dass man mit Aktien vorsichtig umgehen müsse, weil sie hohe Risiken in sich bargen. 1921 bewertete die überwiegende Mehrheit der Investoren den Gegenwert eines Dollars körperschaftlicher Einkünfte mit lediglich fünf Dollar in Aktien. Doch geschah Ende der zwanziger Jahre irgendetwas, das dafür sorgte, dass die Aktien erwerbende Öffentlichkeit ihre Einstellung änderte.
Eine neue Ära war in den zwanziger Jahren angebrochen: Das Auto als Massenprodukt, die flächendeckende Versorgung mit Elektrizität und das Radio waren bahnbrechende Neuerungen jenes Jahrzehnts. Im Jahre 1929 waren leichtsinnige Investoren dann bereit, 33 Dollar für jeden Dollar Ertrag zu bezahlen – und glaubten dabei immer noch, dass es sich um einen fairen Preis handele. Dann aber kam der Crash und am Ende des Endes des Jahres fragten sich die Investoren: "Was bloß hat mich glauben lassen, dass General Electric so viel wert ist?" Der durchschnittliche Anleger hat auf diese Frage nie eine Antwort gefunden, weder damals noch heute.
Gruppen von Menschen denken weder, noch handeln sie wie Individuen dies tun. So verrückt einzelne Menschen sein können, in der Gruppe sind sie noch viel verrückter. Ihre veränderte Denk- und Handlungsweise im Gruppenverbund trägt alle Züge einer tumben Einfachheit, ja nicht selten die des Schwachsinnigen oder Wahnhaften.
Gustave Le Bon schrieb: "Die Menge denkt in Bildern. Diese Bilder provozieren wiederum eine Kette von anderen bildhaften Assoziationen, die inhaltlich jedoch nichts mit den vorangegangenen zu tun haben. Unser logisches Denken zeigt uns deutlich die fehlenden Zusammenhänge zwischen den Bildern auf, doch ist die Masse beinahe blind für diese Wahrheit und verwechselt den eigentlichen Gehalt eines Geschehens mit den Hirngespinsten, die der die Realität deformierende kollektive Geist ihm überstülpt. Bevor der Heilige Georg den Kreuzfahrern auf den Stadtmauern Jerusalems erschien, war er sicher nur von einem von ihnen wahrgenommen worden. Durch die Kraft der Suggestion wurde dieses Wunder jedoch sogleich von allen als reale Erscheinung akzeptiert. Nach diesem Schema funktioniert die kollektive Halluzination, der man so häufig in der Geschichte begegnen kann, immer. Es handelt sich um Hirngespinste, die alle Charakteristika des Authentischen zu tragen scheinen, da es Phänomene sind, die Tausende beobachtet zu haben glauben."
Im ungebremsten Spiel der Massen – egal ob sie einen Krieg bei CNBC verfolgen oder einer Wahlkampfrede lauschen – verschwimmen die Grenzen zwischen Wahrheit und Fiktion.
Große Menschenmengen können nicht unterscheiden zwischen Wahrheit und Fiktion. Wenn jemand vor einer Menschenmenge behauptet, dass Marsmenschen einen Angriff auf sie geplant hätten oder dass sie vom Internationalen Währungsfonds (IWF) schikaniert würden, wird jeder einzelne dieser Gruppe nicht in der Lage sein, ihm aufgrund seiner persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse zu widersprechen. Die Wahrheit ist, dass eine Gruppe sich über gar nichts sicher sein kann. Ihr Wissen ist vollkommen anders geartet als das des Einzelnen. Eine Menschenmenge nimmt Ereignisse oder Fakten immer nur in ihrer simpelsten und elementarsten Form wahr. Das individuelle Erleben – unendlich variantenreich und nuanciert – zählt dann fast nichts.
Eine Generation, die während der Zeit der Weltwirtschaftskrise oder der Weltkriege gelebt hat, wird sich wahrscheinlich an diese prägenden Ereignisse erinnern; nachvollziehen und verstehen wird sie sie allerdings nur anhand eines vereinheitlichten öffentlichen Gedächtnisses. Ein Mensch kann zur Zeit der Weltwirtschaftskrise glücklich gelebt haben, ohne irgendwie realisiert zu haben, dass er Teil eines großen Irgendwas gewesen ist. Berichtet man ihm aber davon, dass er die Weltwirtschaftskrise erlebt hat, so wird er seine persönlichen Erfahrungen in dieser Zeit neu überdenken, und so interpretieren, dass sie mit der gemeinschaftlichen Erinnerung vereinbar ist.