Gefährliche Verschnaufpause
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 03. November 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Zum Ende der Woche mal keine leichte Kost, sondern wichtige Informationen…zu Zertifikate-Spezialkonstruktionen. Und zwar solchen, die sehr gut klingen, aber durchaus gefährlich sein können. Folgender Leserbrief hat mich darauf aufmerksam gemacht…ich zitiere, und zwar Trader´s Daily-Leser Thomas K.:
„Ich lese seit geraumer Zeit den Trader´s Daily und habe dabei manches gelernt. Z.B dass man beim Handel mit Optionsscheinen den Zeitwertverlust nicht aus den Augen lassen darf. Nun ja, daher investiere ich lieber in andere Hebelprodukte. Doch es scheint mir, als ob es da auch ganz extreme Zeitwertverluste geben kann. Beispiel GS0NCL von GoSa: ein long rolling turbo auf SilberSpot mit konstantem Hebel 10.“
“Schaut man sich den Kursverlauf der letzten drei Monate an, so erkennt man leicht, dass sich der Basiswert Silber um 8% verteuert hat, wogegen das Hebelprodukt 90% an Wert verloren hat. Schaut man sich die letzten 5 Tage an, hat sich Silber overall nicht bewegt, aber der Schein über 50% verloren. Das sieht mir ganz danach aus, als ob da bei diesem Zertifikat in der Konstruktion ein ganz massiver Zeitwert versteckt ist, oder liege ich da falsch?“
“Offenbar habe ich die Wirkungsweise nicht kapiert…(…) Dieses Zertifikat war für ´moderater Anstieg innerhalb einer Woche´ wohl völlig daneben….Es ist nur für den Minutenhandel sinnvoll? Oder GoSa versucht, die Anleger durch ´geschicktes´ Rollen über den Tisch zu ziehen. Kann man das nachrechnen? Die Hotline in Stuttgart wird mir da nicht helfen können (Übrigens, dank Ihrer regelmäßigen Hinweise darauf wusste ich, dass ich mit deren Hilfe einen zu Unrecht ausgelösten Stopp in einem anderen Zertifikat rückgängig machen konnte, war ne Angelegenheit von 5 Minuten!).“
Meine Antwort:
Ja, im Prinzip sind die „Rolling Turbos“ mit konstantem Hebel eine feine Sache. Denn die Funktionsweise ist grundsätzlich simpel: Die Entwicklung des Basiswertes vollzieht ein solcher Schein einfach mit einem konstanten Hebel nach, ohne Einflussfaktoren wie „die Griechen“ (Vega, Gamma…).
Aber, wie heißt es noch mal: Der Teufel steckt auch hier im Detail! Ich zitiere dazu aus den Angaben des Emittenten zu dieser Produktkategorie:
“Mit Rolling Turbos spekulieren Anleger mit einem konstanten Hebel auf steigende oder fallende Kurse des Basiswerts. Durch tägliches Rollen wird der Hebel des Rolling Turbos täglich wieder auf die ursprüngliche Hebelkraft eingestellt. Dabei werden Finanzierungs-Level, Stop-Loss-Level und Ratio täglich entsprechend angepasst. Im Falle eines Berührens der Stop-Loss-Barriere erfolgt kein automatischer Knock-Out sondern nur ein Stop-Loss, das heißt das Produkt legt nur eine Verschnaufpause bis zum nächsten Rollen ein.“
Entscheidend ist dabei der letzte Satz: „Im Falle eines Berührens der Stop-Loss-Barriere…“. Die „Verschnaufpause bis zum nächsten Rollen“ klingt ja ganz nett, denn wer möchte nicht mal verschnaufen, das gönnen wir gerne doch auch mal einem Zertifikat, oder? Nunja, je nachdem! Denn das kann ja auch bedeuten, dass der Basiswert gerade in dieser „Verschnaufphase“ deutlich in eine Richtung gelaufen ist. So kann er z.B. im Falle eines Long Rolling Turbos deutlich gestiegen sein. Wenn dann der Schein wieder „aktiviert“ wird, hat er diesen Anstieg verpasst, und schlimmer noch: Wenn es nach diesem Anstieg zu einer technischen Korrektur kommt, dann wird diese wieder voll mitgemacht.
Das ist besonders bei Scheinen wichtig, bei denen die Stop-Loss-Barriere sehr nah liegt. Das ist bei dem genannten Schein der Fall: Da beträgt der Abstand zur Stop-Loss-Barriere gerade mal rund 2%.
Dieser nahe Stop-Loss-Barriere ist bei diesem Schein in den letzten Monaten also offensichtlich mehrfach „gerissen“ worden. Und die „Verschnaufpausen“ waren für die Käufer des Scheins gar nicht gut. Das gilt insbesondere für Basiswerte, die in „Contango“ notieren, d.h. bei denen länger laufende Futures teurer sind als kürzer laufende. Denn dann ist jedes „Rollen“ in einen länger laufenden Future tendenziell ungünstig. Schlecht, wenn die „Verschnaufpause“ gerade bis zum Rolltermin dauert.
Fazit: „Long Rolling Turbos“ sind per se nicht schlecht, es können sehr gute Trading-Instrumente sein. Dazu sollten allerdings zwei Bedingungen erfüllt sein: Die Stop-Loss-Barriere sollte nicht allzu nahe liegen, und der Basiswert sollte nicht unbedingt in Contango notieren. (Der zweite Punkt ist nicht so wichtig, wenn Sie nur intraday oder auf Sicht von ein paar Tagen traden wollen und kein „Rollen“ ansteht).
Und nochmal mein alter Rat: Bitte traden Sie niemals mit Scheinen, deren Funktionsweise Sie nicht verstehen! Wenn Sie mal einen Verlust wegen einer falschen Markteinschätzung machen, dann ist das ganz normal und selbst für Profis unvermeidbar. Aber Verluste wegen Unkenntnis der Funktionsweise des gekauften Scheins SIND vermeidbar, und sollten deshalb von Ihnen auch vermieden werden.
Das war´s für diese Woche…ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende!
Michael Vaupel