Gefährliche Mischung
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 12. Juni 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Nein, ich rede nicht von der Unsicherheit durch Ben Bernanke, von den steigenden Zinsen und steigenden Inflationsgefahren, von einem Abschwächen des Wirtschaftswachstums in den USA und von der Politik, den Selbstmorden in Guantanamo, dem Tod von Sarkawi, der Rache- und Anschlagsankündigung der El-Kaida...
Ich rede auch nicht von dem Ölpreis, der am Freitag um 5-6 % angestiegen ist, allein weil der iranische Präsident verkündet hatte, dass er die Urananreicherung während möglicher Verhandlungen mit den USA nicht einstellen werde und damit die Verhandlungen selbst in Frage stellte, eine Aussage, die er heute noch unterstrich.
Dafür, dass der Ölpreis derart deutlich zulegte und der Ölpreis natürlich einer der Gründe für die erhöhten Inflationsraten in den USA ist, dafür, dass das Wochenende bevorstand, ist der Markt in den USA aber eher moderat gefallen.
Freudlose Börse
Ich rede von etwas anderem: Dieses wunderschöne Wetter, nach all den düstren Tagen, welche uns den Frühlingsanfang verdorben hatten. Dazu gesellt sich eine stetig wachsende WM-Euphorie, gepaart mit fallenden Kursen an den Börsen – das ist die gefährliche Mischung, von der ich rede. Denn diese ist durchaus in der Lage, die Begeisterung für die Börse gründlichst zu beeinträchtigen – nein, Börse macht keine Freude zurzeit. Das ist jedoch nicht die einzige Auswirkung: Diese Mischung kann auch dazu führen, dass zu wenig Trader unterwegs sind, welche die Kurse stützen.
Dazu gesellen sich immer mehr Analysten, die nun ins Bärenlager wechseln und diverse Kursziele weit unterhalb der aktuellen Kurse prognostizieren. Ein gutes Zeichen! Die Börseneuphorie ist vorbei, die Marktteilnehmer werden pessimistisch – es wird wieder „hipp“ bearish zu sein. Insgesamt scheinen wir aber von der Stimmung her kurzfristig ein Bodenniveau erreicht zu haben. Die meisten Kursziele, welche ich höre, sind im Moment stark übertrieben. Spätetestens (!) bei 5300-5200 Punkte wird der Markt seinen Boden finden und zur Gegenbewegung ansetzen. Es wird aber auch von den nächsten US-Konjunkturzahlen abhängen.
Alles wartet auf die Erzeugerpreise
Und die werden schon Dienstag eintrudeln. Dann werden nämlich die neuesten Inflationszahlen vermeldet, die US-Erzeugerpreise für Mai. Viele Analysten werden Gott und die Welt, sprich Bernanke und die Fed hineininterpretieren.
Ich will Ihnen hier einmal anhand dieses Beispiels deutlich machen, wie schizophren man denken muss, um auf solche Konjunkturzahlen zu traden – und warum so oft gerade Börsenneulinge so verwundert über die Reaktionen der Börsen auf solche Zahlen sind.
Auf Zahlen traden
Ich vermute, die Zahlen werden schlechter (also höher) als erwartet ausfallen, das wird auch schon von einigen anderen so erwartet. Ich weiß ja, dass sich das vollkommen paradox anhört: Es wird erwartet, dass die Inflationszahlen schlechter als erwartet ausfallen – es hat etwas damit zu tun, dass es sich bei diesen „Erwartungen“ um den Durchschnitt der Schätzungen von Analysten handelt. Nachdem dieser Schnitt bekannt ist, hat der Rest der Analystenmeute eine gute Vergleichszahl und braucht sich somit nicht mehr auf einen genauen Wert festzulegen. Es geht dann nur noch darum, zu erahnen, ob der Wert höher oder tiefer liegen wird – sprich, es geht um eine Trefferquote von 50 %.
Die Vorgaben sind schon schlecht
Nun weiß man, dass in letzter Zeit die US-Konjunkturdaten, die mit Inflation zu tun haben, eher immer am oberen Ende der Erwartungsspannen (als des gesamte Spektrums der Analystenschätzungen aus dem der Schnitt berechnet wird) gelegen haben. Man weiß, dass die Importpreise angestiegen sind, der Ölpreis, etc. Man muss also nicht einmal viel Ahnung haben, um zu vermuten, dass die Zahlen schlechter sein werden.
Das wiederum hat Auswirkungen auf die Börse. Wenn „allgemein“ erwartet wird, dass die Analystenerwartungen zu niedrig sind, der Markt damit rechnet, die Zahlen werden schlechter, dann werden sich die Märkte im Vorfeld darauf positionieren.
Wenige Stunden/Tage vorher kommen die Trader ins Spiel: Diese denken nun wie folgt: Es ist eingepreist, dass die Zahlen schlechter ausfallen. Wenn die Zahlen also wirklich schlechter werden, dann wird zwar der Markt kurzfristig einbrechen, aber das sollte nicht lange andauern. Anschließend werden die Akteure, die auf die Zahlen short gegangen sind, ihre Positionen eindecken, sprich zurückkaufen. Das kann dazu führen, dass der Markt kurze Zeit später (2-4 Stunden) wieder das Ausgangsniveau erreicht haben wird. In diesem Fall käme ein Trader, der im Vorfeld auf steigende Kurse gesetzt hat noch ohne Verluste aus diesem Trade heraus.
Wenn die Zahlen jedoch besser ausfallen sollten, oder nur die Erwartungen treffen, dann wird ein satter Gewinn aus diesem Trade.
Die einzige Gefahr ist, dass die Zahl „wesentlich“ schlechter ausfallen und anschließend die Stimmung kippt.
Gutes Verlust/Chancen Risiko
So gesehen hat dann ein Trader im Prinzip ein Verlustrisiko-Verhältnis von 1 zu 3.
Nur im letztgenannten Fall macht er einen Verlust. Wenn die Zahlen schlechter als erwartet ausfallen, aber nicht viel schlechter, ist es ein Nullsummenspiel. In allen anderen Fällen macht er einen Gewinn.
Auf lange Sicht wird mit so einem Verlustrisikoverhältnis Gewinn erwirtschaften. Für diesen einen Fall muss der Trader mit allem rechnen, es ist also wichtig die Zahlen sehr schnell zur Hand zu haben, um dann entsprechend schnell handeln zu können.
Mir ist das meistens zu stressig, ich orientiere mich beim kurzfristigen Traden eher nach charttechnischen Gesichtspunkten und meide es, im Markt zu sein, wenn Zahlen veröffentlich werden.
Zum Schluss kurz noch dies:
Ein erster Tropensturm über Kuba hat sich gebildet und eröffnet damit die Hurrikan Saison in den USA – schlecht für den Ölpreis – ein Hurrikan wird sich wohl nicht draus bilden.
Doch, ein P.S. muss noch sein:
P.S. Mein Kollege Martin Weiss schießt heute den Vogel ab: Den (12 %) Einbruch des Dax beschreibt er aus der Sicht eines Permabären als Zeichen der "instabilien realwirtschaftlichen Konstellation" und rät über Stop-Kurse zum Ausstieg, erwähnt sogar mögliche Kursrückgänge auf die Niveaus von 2003. Als Goldbulle sieht er hingegen in dem Einbruch des Goldpreises um 16 % nur eine "gesunde Konsolidierungsphase", die man zum nachkaufen nutzen solle. In beiden Indizes passierte eigentlich das Gleiche: Nach einem langem Aufwärtstrend brechen die Kurse ein - aber die Bewertung dieser Einbrüche geht kaum unterschiedlicher. Ob diese unterschiedliche Interpretation dann nicht doch ein wenig subjektiv gefärbt ist? Wer weiß...