Gedanken zum Maispreis
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Agrar-Rohstoffe
vom 18. Juni 2008, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Thema Mais.
Wenn Sie schon länger den Trader´s Daily lesen, dann wissen Sie, dass ich für Mais seit ca. Sommer 2007 bullish bin. Und obwohl der Maispreis schon regelrecht explodiert ist, sollte er noch weiter steigen.
Dazu ein paar aktuelle Zahlen, welche das US-Landwirtschaftsministerium gerade veröffentlicht hat. Dazu müssen Sie wissen: Die USA sind der mit Abstand größte Mais-Produzent der Welt. (Alleine der Bundesstaat Iowa bringt es auf 8-9% der WELTERNTE.)
Und die Ernte dürfte in diesem Jahr unterdurchschnittlich ausfallen.
Nun, wundert Trader´s Daily-Leser(innen) nicht: Ich hatte Sie auf die schlechten Wetterverhältnisse in den „Mais-Bundesstaaten" hingewiesen, z.B. starke Regenfälle. Diese hatten die Aussaat verzögert.
Die neueste Schätzung des US-Landwirtschaftsministerium bestätigt das: Statt bisher erwarteten knapp 12,1 Milliarden Scheffeln rechnet das Ministerium nun mit einer Ernte von 11,7 Milliarden Scheffel. Ein Rückgang um 390 Mio. Scheffel.
(„Scheffel" ist eine schön altmodisch klingende Maßeinheit, in welcher Mais gemessen wird, entspricht ca. 25,4 Kilogramm.)
Auch die Ernte pro „Acre" (ca. 4.046 Quadratmeter) sinkt laut dieser Prognose auf 148,9 Scheffel je Acre. Das würde rund 6 Scheffel unter dem Durchschnittswert von 1990 bis 2007 bleiben.
Mit anderen Worten: In den USA steht eine unterdurchschnittliche Maisernte bevor.
Und das in einem Umfeld der steigenden Nachfrage! Da überrascht es nicht, dass das US-Landwirtschaftsministerium gleichzeitig einen Rückgang der Mais-Lagerbestände auf den niedrigsten Wert der letzten 13 Jahre prognostiziert.
Das alles sind Prognosen für den weiteren Jahresverlauf. Sie sind noch nicht vollständig im Maispreis „drin" (bzw. „eingepreist", wie es im Traderjargon heißt), so meine Einschätzung.
Ich bin der Ansicht, dass der Maispreis deshalb in den kommenden Wochen weiter steigen wird.
*** Und so wie es aussieht, ist selbst diese zurückhaltende Prognose des US-Landwirtschaftsministeriums noch zu optimistisch.
Denn in Iowa haben sich die starken Regenfälle der letzten Wochen diese Woche zu gerade sintflutartigen Regenfällen verstärkt. Seit Ende Mai regnet es Tag für Tag. Es gab zahlreiche Überschwemmungen, in der Hauptstadt des Bundesstaats (welche „Des Moines" heißt, hätten Sie es gewusst?) brach ein Damm, die Nationalgarde war im Einsatz. Und da stehen nun auch Maisfelder unter Wasser. Die Pflanzen könnten verfaulen, wenn das Wasser nicht bald abläuft.
Doch nach ablaufendem Wasser sieht es nicht aus, im Gegenteil: Der Nationale Wetterdienst prognostiziert für die kommenden Tage weitere starke Regenfälle.
*** Bis jetzt klang dieser Beitrag wohl eher „frisch, fromm, fröhlich, frei". Nach dem Motto:
Sehr schön, der Maispreis steigt - ich hatte es Ihnen ja prognostiziert - wer entsprechend gehandelt hat, konnte schon jetzt schöne Gewinne einfahren - und der Maispreis wird weiter steigen! Da kommen uns die Unwetter in Iowa gerade recht!
Nun, als ich von den Überschwemmungen in Iowa (siehe voriger Abschnitt) hörte, war mein erster Gedanke sinngemäß: „Ah, gut, dann wird der Maispreis weiter steigen!"
Ein paar Sekunden (oder vielleicht noch nicht einmal eine Sekunde, was ich nachträglich hoffe) freute ich mich...doch das Gefühl hielt wirklich nur sehr kurz an. Denn sehr schnell realisierte ich:
Freute ich mich wirklich gerade über eine Überschwemmung? Über eine schlechte Ernte?
Als ich dann, ein paar Sekunden später, im Deutschlandfunk hörte, dass in den Fluten in Iowa (der Fluss Cedar River ist auf den Rekordpegelstand von 9,5 Meter gestiegen) wahrscheinlich 15 Menschen ertrunken sind...da erstarrte, bildlich gesprochen, das Lächeln auf meinem Gesicht endgültig.
Bin ich zum Krisengewinnler geworden? (Und mit mir die Leser der „Rohstoff Signale", wo ich mehrere Scheine auf Mais empfohlen habe?) Überspitzt gesagt: Nehmen wir Nachrichten wie die von der Überschwemmung in Iowa mit Freude auf, weil sie uns selbst Gewinn bringt? Und wenn nicht mit offener Freude, dann mit Krokodilstränen: Die armen Menschen, nein natürlich freuen wir uns nicht über ein Unglück - gleichzeitig streichen wir zufrieden den Gewinn der Mais-Position ein? Wie stehe ich selber dazu?
Über diese Problematik grüble ich seit einiger Zeit.
Es gibt zwei offensichtliche Auswege: Solche Spekulationen völlig meiden - oder sie einfach durchziehen, ohne solche Gedanken wie die gerade beschriebenen.
Nach langem Nachdenken habe ich mich dazu entschieden,....
...nun, das teile ich Ihnen am besten morgen mit.
Bis dahin!
Ihr
Michael Vaupel (nachdenklich)