Gast-Artikel: Der Fisch stinkt vom Kopf
Claus Vogt in Investoren Wissen
vom 2. März 2009, 16:00 Uhr
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Liebe Leser,
da der Fisch, wie es heißt, vom Kopf ausgehend zu stinken beginnt, lohnt es sich, in der aktuellen Situation einige der wichtigsten US-Entscheidungsträger etwas näher unter die Lupe zu nehmen. Schließlich befinden wir uns inmitten einer dramatischen Zeitenwende, deren Ausmaß vielleicht dem des Zusammenbruchs der Sowjetunion gleichkommen wird. Da kann es sicherlich nicht schaden, sich einige der Akteure näher anzuschauen.
Exakt am Höhepunkt der US-Immobilienblase, im Sommer 2006, gab Ben Bernanke, der Präsident der US-Notenbank, einen bemerkenswerten und denkwürdigen Kommentar zu den Vorgängen am US-Immobilienmarkt. Er sagte, die stark gestiegenen Immobilienpreise spiegelten lediglich die wirtschaftliche Stärke Amerikas wider. Derselbe Ben Bernanke schätzte ein Jahr später, als die laufende Krise gerade begonnen hatte, den sich aus ihr ergebenden Abschreibungsbedarf des Bankensektors auf „bis zu 100 Mrd. Dollar“.
Haben sie wirklich keine Ahnung - oder lügen sie?
Nun wissen Sie sicherlich, dass Bernanke als intellektueller Höchstleister gilt. Aber natürlich schützt ein großer Intellekt nicht vor dummen Taten, nicht vor Fehleinschätzungen und nicht vor Fehlprognosen. Wie auch immer: Eine überdurchschnittliche intellektuelle Ausstattung passt mit den oben genannten Äußerungen über die Immobilienblase einfach nicht zusammen. Dass auch nur halbwegs vernünftige Menschen, die mehr als eine ökonomische Grundausbildung genossen haben sowie über eine der größten Researchabteilungen der Welt verfügen – die Fed beschäftigt über 250 Ökonomen – nicht in der Lage gewesen sein sollen, die größte Spekulationsblase aller Zeiten zu erkennen, das halte ich für ausgeschlossen. Wenn das so ist, bleibt allerdings nur eine andere Erklärung: Der Mann hat uns ganz einfach belogen.
Warum lügen sie?
Natürlich schließt sich an dieser Stelle sofort eine weitere Frage an: Warum hat uns Bernanke – eigentlich ohne Not – belogen? Ich tue mich recht schwer damit, eine plausible Antwort auf diese Frage zu finden. Denn seine Beweggründe sind für einen Fed-Beobachter aus der Ferne sehr schwer zu durchschauen.
Aufgrund seiner steilen Karriere im Universitätsbetrieb fällt mir nur ein einziges Argument ein: intellektuelle Eitelkeit und akademischer Starrsinn. Bernanke baute einen großen Teil seiner akademischen Karriere auf der Frage nach der Ursache der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre auf. Seine Antwort steht im Widerspruch zu der der Österreichischen Schule. Er geht davon aus, dass die Spekulationsblase der 20er Jahre keine Rolle spielte, sondern ausschließlich die geld- und fiskalpolitischen Reaktionen auf das Platzen jener Blase entscheidend waren.
Wenn diese These stimmen würde, wäre es vollkommen belanglos, ob es eine US-Immobilienblase gab oder nicht. Dann reduziert sich die Leugnung ihres Vorhandenseins auf einen Kavaliersdelikt, das einem um Statur ringenden und staatsmännisch auftretenden Patrioten, der auf seine Wirtschaft stolz ist, nachgesehen werden kann. Dann wäre es sicherlich verfehlt, Bernanke als dreisten Lügner zu bezeichnen. Stattdessen muss er sich aber, nach allem was in den vergangenen anderthalb Jahren seit dem Platzen der Blase geschehen ist, den Vorwurf der Starrköpfigkeit und des unakademischen Festhaltens an widerlegten Thesen gefallen lassen.
Anstatt weiterhin seinen falschen Theorien anzuhängen, geböte es die intellektuelle Redlichkeit, ihre Widerlegung anzuerkennen und den geldpolitischen Handlungsempfehlungen abzuschwören, die auf ihnen basieren. Leider ist das Gegenteil der Fall. Bernanke verfolgt unbeeindruckt seine in den vergangenen Jahren immer wieder dargelegte Agenda, die im hemmungslosen Einsatz der Gelddruckmaschine die Problemlösung sieht.
Mit Ben Bernanke bleibt eines der mächtigsten Pöstchen, das die Welt der Politik zu vergeben hat, der Vorsitz der US-Notenbank, fest in der Hand derer, die aus Sicht der Österreichischen Schule die Grundlagen geschaffen haben für die aktuelle Krise und den überaus bedenklichen Sittenverfall der Finanzbranche.
Auch Geithner gehört zu den Verursachern der Krise
Die amerikanischen Notenbanker sind die geldpolitischen Väter der Spekulationsblasen der vergangenen Jahre und somit auch für die Folgen ihres Platzens verantwortlich. Der Haupttäter, Alan Greenspan, ist bereits im Ruhestand. Für viele seiner Mittäter gilt das natürlich nicht. Neben dem bereits abgehandelten Ben Bernanke ist Timothy F. Geithner einer dieser Mittäter.
Der heutige US-Finanzminister wurde im Oktober 2003 zum Präsidenten der Federal Reserve Bank of New York berufen, der wichtigsten „Filiale“ der Zentralbank. In dieser Funktion war er gleichzeitig Vizepräsident des Federal Open Market Committee, also des Entscheidungsgremiums der US-Notenbank. Er spielte eine herausragende Rolle bei der sehr undurchsichtigen und selbst juristisch extrem fragwürdigen Rettungsaktion von Bear Stearns. Jetzt ist dieser Mann also Finanzminister.
Ein ganz anderer verdient an dieser Stelle ebenfalls Erwähnung. Er ist zwar kein Politiker. Aber er und sein Arbeitgeber sind durchaus einflussreich. Und seit die Krise an Fahrt aufgenommen hat, ist er lautstarker Lobbyist geworden, der gnadenlos die Interessen der Wall Street vertritt. Er mag hier stellvertretend für die einflussreiche amerikanische Finanzindustrie und deren Lobbyarbeit stehen: Die Rede ist von Bill Gross, Managing Director von Pimco, der größten Fondsboutique im Bereich festverzinslicher Wertpapiere.
Bill Gross fordert den Staat auf, für steigende Anleihekurse zu sorgen
Während vieler fetter Jahre war Gross ein geistreicher Verfechter relativ freier Märkte. Als feste Größe des Establishments beachtete er aber sehr genau das Tabuthema „staatliches Geldmonopol und Zentralbanksystem“. Er war stets ein zahnloser Kritiker innerhalb des Systems, der dessen Grenzen nicht in Frage stellte. Dennoch waren seine Analysen der Kapitalmärkte stets interessant und lehrreich.
Das hat sich jetzt geändert. Gross jammert angesichts der Krise öffentlich immer lauter. Einen gewissen Höhepunkt erreichte er in seinem monatlich erscheinenden „Investment Outlook“. Darin fordert er die Regierung auf, eine marktwirtschaftliche Preisfindung im Bereich bestimmter Investments zu verhindern und stattdessen für steigende Kurse zu sorgen. Ausdrücklich nennt er Municipal Bonds (Kommunalobligationen), Commercial Mortgage Backed Securities (CMBS, verbriefte gewerbliche Immobilienkredite) und Unternehmensanleihen. Dabei sollte Herr Gross doch wissen, dass es aus marktwirtschaftlicher Sicht schädlich und kompletter Unsinn ist, Preise künstlich zu fixieren.
Obama schilt die Aktienmärkte - und was noch?
Und US-Präsident Obama? Ist er der Situation gewachsen? „Ja, wir können!“, lautet sein Motto. Was genau sie können, unsere amerikanischen Freunde, ließ er bisher offen. Wofür Obama eigentlich steht – außer für die Tatsache, dass es endlich auch für nicht Weiße möglich ist, Präsident zu werden – ist vollkommen unklar. Darin zumindest gleicht er der deutschen Kanzlerin. Sie hat in den vergangenen Jahren vor allem solche Themen besetzt, mit denen sie sich als Gutmensch und Retter der Welt zu profilieren gedachte.
Konkreten tagespolitischen Entscheidungen ist sie mit dieser Strategie weitgehend aus dem Weg gegangen.
Einen vermutlich sehr wichtigen Hinweis auf seine ökonomischen Grundüberzeugungen hat Obama uns allerdings kürzlich gegeben. Als die Aktienmärkte das von seiner Regierung beschlossene Konjunkturprogramm mit heftigen Kursverlusten quittierten, fiel ihm nichts Besseres ein, als auf die Märkte zu schimpfen, eben Marktschelte zu betreiben.
Und diese Männer sollen die Welt retten?
Mit diesen Zeilen ist es mir hoffentlich gelungen, deutlich zu machen, dass die hier genannten Akteure weder die Mittel noch das Format haben, die Welt halbwegs ungeschoren aus der Weltwirtschaftskrise zu führen. Sie alle hängen falschen Lehren an und glauben, mit Staatseingriffen und der Gelddruckmaschine Schlimmeres verhindern zu können. Ich befürchte, sie werden mit ihrem sturen Festhalten an falschen Methoden dafür sorgen, dass diese Krise tatsächlich ein Ausmaß erreicht, dass es rechtfertigen wird, sie in einem Atemzug mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu nennen. Jedenfalls sagte der Notenbankpräsident des unter Hyperinflation leidenden Simbabwe, er sehe sich in seiner Politik bestätigt, da alle anderen Länder jetzt das Gleiche täten wie er. Hoffen wir weiterhin das Beste und hören Sie nicht auf, vorsichtshalber Gold zu kaufen.
Herzlichst Ihr
Claus Vogt
P.S.: In Simbabwe wird die Gelddruckmaschine schon länger hemmungslos eingesetzt. Dort ist die Inflationsrate auf 89 Trilliarden Prozent gestiegen.
KOMMENTAR ZUM ARTIKEL VON HERRN VOGT:
Was soll ich Ihnen hierzu noch sagen? Der Beurteilung der vier hier genannten Personen seitens Herrn Vogt kann ich nur zustimmen und finde manche Punkte noch recht harmlos ausgedrückt.
Wer mehr von Herrn Vogt lesen möchte, dem sei sein kritischer Börsendienst "Sicheres Geld" zum Test empfohlen. Herr Vogt hat mit seinem Kollegen Dr. Martin Weiss diese Krise schon länger kommen sehen und bietet auch jetzt interessante fundamentale Einschätzungen und Investment- und Tradingideen zum weiteren Verlauf der Geschehnisse...
Beste Grüße
Alexander Hahn