Ganz schön faul
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 28. September 2007 07:30 Uhr
ENL5462
Zu viel Kredit hat die heutigen Kreditprobleme hervorgerufen ... doch jetzt kommt noch mehr davon.
Das Management der modernen Zentralbanken kann, wie Caesars Gallien, in drei Teile geteilt werden. Ein Teil praktische Politik, ein Teil Finanz-Hokus-Pokus, und ein Teil Unverständliches. Für einen Wirtschaftler mit Sinn für Humor war die vergangene Woche ganz besonders unterhaltsam – man konnte alle drei Teile beobachten.
“Liquidieren Sie Arbeit, liquidieren Sie Aktien, liquidieren Sie die Landwirtschaft und liquidieren Sie Immobilien“, lautete der Rat von Andrew Mellon, dem amerikanischen Finanzminister von 1929. Mr. Mellon wollte nicht gemein sein, er hat ganz einfach nur versucht, die Sache besser zu machen. „Es wird die Fäulnis aus dem System vertreiben“, hat er erklärt.
Er meinte, dass es zu viele Menschen gab, die zu viel Geld in zu viele verlierende Annahmen gesteckt hatten. Die Wilden Zwanziger waren glückliche Jahre für die Amerikaner. Autos sind von den Fließbändern geflossen. Elektrische Geräte wurden wie Computerspiele verkauft. Und der Finanzsektor war dynamischer und innovativer als je zuvor. Ein riesiger Zulauf neuen Kapitals in das System führte zu einem Boom an der Wall Street, während die neuen Industriezweige – darunter die Filmindustrie in Kalifornien - zwischen den beiden Küsten die einfachen Amerikaner reich machten. Fast alles was sie versuchten – von der Einführung von Krediten bis hin zum Jitterbug (ein Tanz, Anm.) – schien zu funktionieren.
Von Stärke zu Stärke … zur Katastrophe. Die Wirtschaftskrise kam. Der Kreditmarkt hat sich festgefressen. Die Risiken wurden neu bewertet, in Aufwärtsrichtung. Die Anlagewerte wurden neu ausgezeichnet, in Abwärtsrichtung. Die amerikanische Wirtschaft ist um 30% geschrumpft.
Sechzig Jahre später traf ein ähnlicher Boom Japan wie ein Taifun. In den achtziger Jahren rief die Inselnation den Neid der Welt hervor. Westliche Konsumenten lernten anfangs, japanische Wörter wie Toyota und Honda auszusprechen. Dann arbeiteten die Geschäftsleute in New York und London an Wörtern wie „Kaitzen“ und „Zaitech“. Dann ist der Nikkei Dow im Januar 1990 eingebrochen ... und wir haben wieder Englisch gesprochen. Noch heute, 17 Jahre später, hat sich die japanische Wirtschaft von dieser „Bonsai!“-Schlagkraft noch nicht wieder erholt.
Finanzvertreter, sowohl in den USA als auch im Vereinigten Königreich, kennen diese Geschichte gut. Sie sind entschlossen, sie nicht neu zu durchleben. Zumindest ist das die verbreitete Interpretation der wichtigsten Ereignisse dieser Woche. Wirtschaftler hätten in achtzig Jahren ständig weitere Fortschritte gemacht, sagen sie, heute können sie diese Probleme umgehen. Als es also anfing, sich so anzufühlen wie an der Wall Street im Jahr 1929 oder in Tokio im Jahr 1990, da wussten die Zentralbanker ganz einfach, was jetzt zu tun ist.
Der Kreditzyklus ist mehr oder weniger immer noch der gleiche wie in Mellons Tagen. Wenn die Leute im Geld schwimmen, dann machen Sie sich Gedanken um die Erträge auf ihr Geld. Wenn die Kredite zurückgehen, machen sie sich Gedanken über die Erträge für ihr Geld. Aber die Kunst des Zentralbankwesens hat sich entwickelt. Praktische Politik kommt sehr viel schneller ins Spiel, kaum eine Regierung außerhalb von Buenos Aires kann es sich leisten, Schullehrer und Klempner im Ruhestand ihr Geld und ihre Häuser verlieren zu lassen. Nicht während die Fernsehkameras laufen.
Hokus Pokus spielt auch eine wichtigere Rolle, Probleme verschwinden wie von Zauberhand. „Sehen Sie irgendwelche Fäulnis?“, hätte Ben Bernanke den britischen Schatzkanzler fragen können. „Ich kann nichts erkennen.“ Im 21. Jahrhundert würden sich die Zentralbanker eher die Augen ausstechen, als irgendwelche Fäulnis zu erkennen.
Nachdem sie nichts sahen, was man hätte abschaffen können, machten sie sich an die Arbeit. Im Vereinigten Königreich, wo die Pro-Kopf-Verschuldung fast dreimal so hoch ist wie in den Vereinigten Staaten, brauchte Schatzkanzler Darling nur drei Tage, um zu einer Entscheidung zu kommen. Dann ist er vor die Kameras getreten, um die Regierung hinter den problembeladenen Hypothekengeber Northern Rock zu stellen. Die Konservativen haben ihn beschuldigt, er sei „ein bisschen langsam“ gewesen, und sie sagten, sie hätten den Konteninhabern eine hundertprozentige Garantie gegeben, sobald die Probleme ans Licht gekommen waren.
Aber was ist das für eine Art finanzieller Quacksalberei? Wer sonst sollte die Verluste übernehmen, als die, die darum gebeten haben? Sicher, die britischen Gewinnobligationen mit festen Zinssätzen bringen ungefähr 5,3%. Northern Rock bietet einen festen Zinssatz von 6,2%. Entfernt man die Risiken aus der Rechnung, und schon werden die Leute, die die durchdachten Gewinnobligationen gekauft haben, zu Dummköpfen und alle anderen werden zu Trotteln.
In der Zwischenzeit hat die Zentralbank in Amerika ihr Diskontfenster in der vergangenen Woche wieder geöffnet – und damit im Grunde genommen die Bank of America und Citigroup dazu gezwungen, etwas Geld anzunehmen. Und dann hat die Zentralbank am Dienstag, nach vier Jahren, den Kampf gegen die Inflation fallen gelassen, und die eigenen Truppen auf die andere Seite geschickt. Heute, nachdem der Leitzins um einen halben Prozentpunkt gesenkt wurde, ist es der dringlichste Wunsch, dass die Verbraucherpreise morgen höher liegen als heute. Ich stelle die Prognose auf, dass dieser Wunsch erfüllt werden wird.
Dieser jüngste Fall der Preisbestimmung schaffte es weltweit auf die Titelseiten der Zeitungen. Die Anleger feierten in „Euphorie nach Senkung um einen halben Prozentpunkt“, hieß es in einer Schlagzeile der Financial Times. Aber die faulen Investitionen verschwinden nicht, nur weil die Zentralbanken Geld an die Leute verleihen, die sie gemacht haben. Und auch die Probleme mit den Krediten verschwinden nicht, wenn man mehr Kredite zur Verfügung stellt.
Die Haushalte haben Hypotheken, die sie sich nicht leisten können; Immer noch kommen 15% der Hypothekenzahlungen verspätet (gemessen an den Hauspreisen ist die britische Immobiliennblase doppelt so groß wie die amerikanische Blase). Milliarden von durch Vermögenswerte gesicherte Wertpapiere sind immer noch vermutlich deutlich weniger wert, als man für sie bezahlt hat. Auch gibt es keinen spürbaren Rückgang der Geschäfts-, Verbraucher- oder Regierungsschulden (zumindest dann nicht, wenn sie in der Währung bemessen werden, in der sie verliehen wurden.)
Neu daran ist, dass man heute, anstatt zuzulassen, dass die unvorsichtigen Spekulanten kriegen, was ihnen bevorsteht, die Verluste eher auf die Gesellschaft verteilt werden – umverteilt auf die Verbraucher, die Anleger und die Sparer überall auf der Welt. Und anstatt zuzulassen, dass der Markt die schwachen Unternehmen vernichtet und die Fäulnis entfernt, ermutigt man die Fäulnis dazu, sich weiter zu verbreiten. Anstelle der notwendigen Liquidierung bekommen wir, mit anderen Worten, noch mehr Liquidität, die feuchten Bedingungen nach dem Duschen, die überhaupt erst dazu geführt haben, dass es Pannen am Markt gegeben hat.
Der Fortschritt in den Bereichen der Wissenschaft und der Technologie mag wachsen. Aber in der Liebe und im Zentralbankwesen handelt es sich weitestgehend um eine Täuschung.
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