Funktioniert Charttechnik überhaupt?
Sven Weisenhaus in Wave Daily zum Thema Technische Analyse
vom 17. Januar 2012, 13:00 Uhr
ENL5454
Die Ratingagentur Standard & Poor's hat nun auch konsequenterweise die Kreditwürdigkeit des Euro-Rettungsschirms EFSF von der Bestnote „AAA“ auf „AA+“abgestuft. Mit dieser zum Thema passenden Meldung setze ich heute nahtlos am gestrigen Artikel an:
Chartmarken können kurzfristig fundamentale Entwicklungen überwiegen
Funktioniert Charttechnik überhaupt, wenn sich doch der Finanzmarkt langfristig an der wirtschaftlichen Entwicklung orientiert? Ja! Denn kurzfristig kann es passieren, dass wichtige langfristig relevante Chartmarken die Wirkung einzelner fundamentaler Konjunkturdaten überwiegen.
Ein theoretisches Beispiel
Dazu ein Beispiel: Nehmen wir an, der DAX steht kurz vor einem wichtigen Widerstand, z. B. ganz aktuell die Marke von 6.200 Punkten. Nun werden die wöchentlichen Erstanträge für Arbeitslosenhilfe in den USA veröffentlicht, die sehr gut ausfallen. (Sind sie leider letzten Donnerstag nicht, sonst hätten wir ein praktisches Beispiel). Demnach müsste der DAX steigen. (Am Donnerstag fielen sie schwach aus, der DAX ist eingeknickt.) Es könnte aber sein, dass dieses einzelne Konjunkturdatum dem DAX nicht genügend Kraft verleiht, um über den Widerstand bei 6.200 Punkten zu gelangen. Es könnte sogar passieren, dass der DAX abprallt und nach unten tendiert.
Fazit: Obwohl die fundamentalen Daten klar für steigende Kurse sprechen, überwiegt in dem Beispiel die charttechnisch relevante Marke.
Man kann nachher immer alles erklären
In den Medien wird dann vielleicht verbreitet, dass der DAX nur deswegen gefallen ist, weil die positiven Arbeitsmarktdaten aus den USA die Hoffnung der Anleger auf weitere geldpolitische Maßnahmen zunichte gemacht haben. Schließlich betrachtet die US-Notenbank ja auch die wirtschaftliche Entwicklung und wird nur dann aktiv, wenn die Daten schlecht ausfallen. Im Beispiel fielen die Arbeitsmarktdaten aber sehr gut aus.
Man findet immer für alles eine Erklärung. Aber das wirkliche Motiv der Anleger wird man nie erfahren. Dafür müsste man nämlich alle fragen, warum sie gerade gekauft oder verkauft haben. Denn sekündlich drückt irgendjemand aus irgendeinem Grund auf den Mausbutton und löst damit eine Order aus. Vielleicht haben ihn die fundamentalen Daten dazu bewogen, vielleicht auch der Bruch einer charttechnischen Marke.
Der Random-Walk-Anteil
Aber vielleicht brauchte ein Anleger auch einfach nur liquide Mittel, ohne dass dies fundamental oder charttechnisch begründet ist (z. B. für ein neues Auto). Diesen Aspekt vergessen viele Analysten gerne. Doch genau dieses letzt genannte Motiv ist der Grund dafür, warum es auch zu rein zufälligen (Random-Walk-)Bewegungen kommen kann. Und diese rein zufälligen Käufe- und Verkäufe können dann wieder charttechnisch motivierte nach sich ziehen, was zu einem sich selbst verstärkenden Effekt kommt.
Prognosen sind zeitpunktbezogen
Es gibt nicht immer für alles einen Grund, aber meist plausibel klingende Erklärungen. Auch ich kann immer im Nachhinein aufzeigen, warum eine Prognose von mir nicht so eingetroffen ist, wie ich sie zu dem damaligen Zeitpunkt getroffen habe.
Eine einmal getroffene Prognose muss man theoretisch im nächsten Moment bereits wieder dahingehend überprüfen, ob die Rahmenbedingungen sich verändert haben.
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Woran liegt es, dass die Masse aller Trader nur Geld verliert ... während sich die besten 5 % sogar noch in fallenden Märkten dumm und dämlich verdienen?