Frühling im November
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 29. November 2006 18:00 Uhr
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Als ich heute morgen das Haus verlassen habe, dachte ich, es sei Frühling. Die Vögel zwitscherten wie im Frühling, es war warm wie im Frühling – aber irgendetwas störte! Stimmt, in zwei Tagen beginnt der Dezember.
Meine Gefühle haben mich nicht getäuscht: Ornithologen berichten, dass sich bei den Vögeln tatsächlich Frühlingsgefühle breit machen, sie zwitschern fast so laut wie sonst im Mai. Deswegen fühlte ich mich vom dem Vogelgezwitscher so an den Frühling erinnert. Es seien vor allem Amseln und die Haussperlinge, die zurzeit aus voller Frühlingsbrust die Wärme bezwitschern.
Vom wärmsten November seit der Wetteraufzeichnung wird berichtet. Aber, es war schon einmal so warm, nämlich im Jahr 2000. Die Wetterphänomene häufen sich demnach, ich glaube, das fällt jedem auf. Mittlerweile gibt es auch keinen ernstzunehmenden Wissenschaftler mehr, der abstreitet, dass die Klimaerwärmung menschengemacht sind.
Versteppung in Südeuropa
2006 gab es wieder historische Dürren, zum Beispiel in Spanien, das dritte Mal in Folge. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit greift die Versteppung im Süden Europas weiter um sich, auch wenn hier noch andere Faktoren eine zum Teil wichtige Rolle spielen (Wasserverschwendung, absichtlich gelegte Waldbrände etc.). Einst fruchtbare Böden verschwinden.
Auch weltweit werden immer mehr Agrarflächen durch Wüstenbildung vernichtet, doch nicht nur das. In China werden die fruchtbarsten Böden durch die Errichtung von Großindustrien einfach wegbetoniert. Rohstoffe (Mais, Weizen, Zucker) werden zu Sprit verarbeitet. Man muss kein Hellseher sein, um deutlich zu sehen, dass sich die Welt auf große Schwierigkeiten zubewegt – auch im Sektor Ernährung.
Wasser ist ein bereits bekanntes Problem
Das Thema Wasser ist jetzt schon ein Problem. So sollen 1,1 Mrd Menschen keinen Zugriff mehr auf sauberes Wasser haben. 90 % aller Abwässer der Entwicklungsländer versiegen im Boden und gelangen somit ungehindert in den Wasser-Kreislauf. Dabei sind nur 3,5 % des weltweiten Wasservorkommens Süßwasser. Das Thema Ernährung könnte oder man muss vielleicht schon schreiben „wird“ zu den großen Problemen des aktuellen Jahrhunderts werden.
Ich bin auf das Thema gestoßen, weil ich durch mein morgendliches Erlebnis zum Thema Wetter recherchierte und dann an diesem Thema hängenblieb. Mich hat dann interessiert, wie und ob die Börse davon betroffen wird. Ein Großteil der Menschen leben in Küstenregioen, viele Küstenstädte könnte von einer Erderwärmung und dem Abschmelzen der Inlandgletscher betroffen sein. Das hätte dramatische Auswirkungen auf die Weltwirtschaft, ist aber ein Thema für die weitere Zukunft, auch wenn immer mehr Forscher warnen, dass die großen Gletscher schneller schrumpfen, als bisher prognostiziert.
20 % Rückgang der Weltwirtschaft, eine große Klimarezession
Die Weltwirtschaft könnte bis zu 20 % in direkter Folge des Klimawandels schrumpfen wird. Davon geht zumindest der ehemalige Chefökonom der Weltbank, Nicholas Stern, in seinem Report aus, den er unlängst der britischen Regierung vorlegte. Wie bisher bekannt wurde, geht der Bericht von zwei Szenarien aus: Entweder wird eine rasche globale Offensive gegen steigende Umweltverschmutzung gestartet: Kosten ca. 350 Milliarden Dollar oder es wird zu einer katastrophalen Rezession der Weltwirtschaft kommen, mit Kosten von knapp sieben Billionen Dollar!
Die Szenarien, die er beschreibt, lesen sich dabei wie in einem schlechten Untergangsroman. Ganze Landstriche würden unbewohnbar werden, Großstädte wie London, Berlin und Hamburg würden ernsthafte Probleme kriegen, etc.Wie gesagt, hier geht es nicht um einen Bericht von einem in Panik geratenen Umweltaktivist, sondern um den ehemaligen Chefökonom der Weltbank.
Wie wir wissen, wurde auch der US-Regierung vor kurzem ein Bericht vorgelegt, nachdem die größte Gefahr für die USA nicht der Terrorismus sei, sondern die Klimaveränderung.
Falsche Panikmache?
Aber es gibt natürlich auch Kritik an solchen Szenarien. Immer wieder wird hier den warnenden Stimmen falsche Panikmache vorgeworfen. Und solchen Argumenten folgen wir doch gerne, schließlich besänftigen sie unsere Angst. Es ist zudem nicht auszuschließen, dass hier ein wenig mehr Wirbel gemacht wird, als vielleicht wirklich auf uns zukommt, schließlich wird sich nur so etwas bewegen, mag mancher Initiator denken. Wenn ich jedoch im November die Vögel wie im Frühling zwitschern höre, frage ich mich, ob man nicht doch so langsam in eine gepfelgte Panik verfallen sollte.
Krisen sind Chancen
Wir Börsianer kennen das: Krisen sind Chancen, Einstiegschancen. Das gilt jedoch nicht nur für die Börse: Der Mensch hat eine bestimmte Eigenart, die mich immer wieder fasziniert. Egal, was auch vorher passiert ist, er neigt dazu, in Krisenzeiten auf eine eigentümliche Art und Weise zusammenzuhalten. Je größer die Not, desto größer der Zusammenhalt. Das scheint ein alter und in früheren Zeiten lebensnotwendiger Instinkt zu sein. Es gibt dazu unzählige Hinweise in der Geschichte.
Vielleicht, wer weiß, wird die Klimakatastrophe auch den Mensch dazu bringen, sich eben nicht gegenseitig die Schädel einzuschlagen, sondern zusammenzuarbeiten, so dass auch diese Krise eine große Chance werden kann – auch wenn das eine nur sehr kleine Hoffnung ist.
Zur Börse
Wenn Sie nun das Gefühl haben, ich hätte mich heute etwas im Thema verfranst, zurecht. Aber, ich sitze hier und warte ab, ob dieser Boden, den wir gerade an den Indizes sehen, tatsächlich schon der endgültige Boden ist. Das wäre sehr bullish zu werten, zumindest wenn die Märkte nach dieser Korrektur wieder das letzte Hoch überwinden. Ich bin noch nicht ganz überzeugt, aber die US-Futures sind mittlerweile eigentlich fast schon zu sehr gestiegen, um noch ein neues Tief zu generieren.
Warten wir es ab.