Früher ...
Investors Daily
vom 23. Juli 2004 18:00 Uhr
ENL5454
"Der Tabakanbau war früher der wichtigste Industriezweig in Maryland", sagte einer meiner alten Freunde neulich. "Jetzt ist kaum noch etwas davon da."
Wo immer wir hingehen, versuchen wir die alten Zeiten einzufangen. Manchmal amüsiert uns das. Manchmal werden wir traurig. Und häufig blicken wir voller Nostalgie zurück.
"Bill, es ist einfach nicht mehr so, wie es früher einmal war", setzte mein Freund seinen Monolog fort. "Wir alle haben jetzt diese supermodernen Küchen mit der Kochplatte in der Mitte des Raumes und gefälschten Marmor als Arbeitsplatte. Wir haben Klimaanlagen und eine Stereoanlage mit Dolby-Surround. Aber es sieht so aus, als wäre auf der Strecke etwas verloren gegangen. Ich rede schon so wie ein verbitterter alter Mann."
Es ist schwer, einen Punkt im Leben zu haben, nach dem man sich richten kann, wenn die Zeit so schnell läuft. Dieser Punkt nach dem man sich richten möchte, wechselt täglich. Wenn man herumfährt, erinnert man sich an die Gegend, wie sie früher einmal war. Erinnerungen kommen hoch. Man denkt, dass alles besser war und man neigt dazu, die weniger schönen Sachen auszublenden.
Das ländliche Maryland war einmal sehr schön – zumindest habe ich es so in Erinnerung. Da wo ich aufwuchs, gab es Pferdefarmen und Tabakfarmen. An der Ostküste gab es Traktorfarmen. Als Kinder hörten wir von diesen Traktorfarmen und wunderten uns. Wenn sie Traktoren auf der anderen Seite des Chesapeake-Flusses anbauen, warum sollten wir keine Fords oder Chevvies bei uns anbauen?
Trecker anzubauen ist bestimmt leichter als der Tabakanbau, da waren wir uns sicher. Tabak ist die unerfreulichste Pflanze der Welt. Über drei Jahrhunderte hat sie der Technik getrotzt. 1950 – wie auch heute noch – wurde sie mit der Hand geerntet. Mein erster Job war es, Tabak zu ernten. In der Morgendämmerung verließen wir das Haus und begannen, die Pflanzen zu beschneiden. Eine nach der anderen, Reihe für Reihe, Stunde für Stunde.
Die Tabakpflanzen mussten eine Weile in der Sonne liegen, um sich auszuruhen. Dann mussten wir die Reihen wieder zurückgehen und die angetrockneten Pflanzen aufsammeln und zu einem Bündel zusammenbinden. Und das alles während der Mittagshitze; Schweiß rann an unseren Armen entlang, durchnässte unsere Hemden und der Tabak-Harz klebte an unseren Händen und an der Kleidung.
Am späten Nachmittag – wenn wir bis dahin gut in der Zeit waren – konnten wir die Trecker zwischen die Pflanzenreihen fahren und die Bündel – jedes etwa mit fünf oder sechs Pflanzen – auf die Ladefläche werfen. Dann wurden sie zu einem Silo gefahren und zum Trocknen aufgehängt.
Es war eine schrecklich anstrengende und dreckige Arbeit. Aber es war eine Lebensgrundlage für Hundertausende Menschen. Wahrscheinlich ist es das immer noch.
Einmal lag ein Onkel von mir im Sterben. Wir hatten uns alle bei ihm zu Hause getroffen, um von ihm Abschied zu nehmen. Natürlich ging es in dem Gespräch um Dinge, die jeder kannte und jeder machte: Tabak.
Als uns der sterbende Mann plötzlich unterbrach.
"Da wo ich hingehe, werden sie keinen Tabak anbauen."
Es kann sehr unangenehm sein, um einen sterbenden Mann herum zu stehen. Keiner weiß so recht, was man sagen soll. Für ein Kind ist es fast beängstigend. Es hat Angst ihm zu nahe zu kommen, aus Angst, dass er es mit sich nimmt.
Eine bedrückende Stille befiel uns Cousins. Niemand wollte unseren Onkel anschwindeln, aber niemand wollte, dass er wusste, dass seine Stunden gezählt waren.
Eine der Tanten – ihr Gesicht war von der jahrelangen Farmarbeit rot und faltig -fürchtete weder Tod noch Teufel. Und wirklich hatte sie vor niemandem Angst ... sie war fast auf Augenhöhe mit Gott persönlich.
"Woher zum Teufel willst du wissen, was sie da machen?"
Innerhalb kürzester Zeit begannen wir alle über den Tabakanbau im Himmel zu spekulieren und wir sprachen über das große Familientreffen, wenn wir alle uns eines Tages in den himmlischen Feldern zur Tabakernte wiedersehen würden.
Irgendwie sind diese Erinnerungen noch immer so intensive. Das ist die Zeit. Das ist das Leben.
Aber heute ist alles anders.
Wir sehen aus unseren Autofenstern und sehen da, wo früher Tabakfelder waren, Häuser. Jetzt gibt es kleine Einkaufszentren voller Pendler, die auf ihrem Heimweg noch schnell etwas einkaufen.
"Hör dir das an, da wirst du nicht glauben", sagte mein Freund. "Es gibt jetzt Steuervergünstigungen, für Leute, die ein altes Silo nicht abreißen lassen. Man wird dafür bezahlt, sie in Stand zu halten. Der Staat fand sie irgendwie pittoresk."
Was einmal eine Funktion hatte, ist heute pure Zierde. Was einmal das echte Leben war, ist heute eine Geldanlage. Ist das jetzt besser, lieber Leser?
Diese Tabak-Debatte ist total verrückt. Die Regierung will Leute davon abhalten, dass sie Tabak anpflanzen. Alle sind gegen Rauchen. Deshalb bezahlen sie Tabakbauern Geld, damit sie den Tabak nicht anpflanzen. Sie wollen die Bauern dahin kriegen, dass sie Chardonnay anpflanzen, oder irgendeine andere Rebsorte.
Sie bezahlen danach, wieviel man zuvor mit dem Tabak verdient hat. Wenn man beispielsweise im letzten Jahr 50.000 Dollar mit der Ernte von Tabak verdient hat, geben sie einem dieses Jahr vielleicht 40.000 Dollar, damit man nicht mehr anbaut. Um das alles zu toppen, geben sie eine Steuervergünstigung, um das alte Silo in Stand zu halten – so hat man einen Platz, wo man den Tabak unterbringen kann, den man nicht geerntet hat. Das ist verrückt."