Fragen und Antworten
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 14. Mai 2004 12:00 Uhr
ENL5454
Trader's Daily-Leser Dr. S. fragt mich heute: "Habe ich etwas falsch verstanden? Wenn aufgrund steigender Zinsen die Aktienmärkte unter Druck kommen mögen, wieso sind bei Inflationsgefahren auch Gold und Euro 'unter enormem Druck'? Inflation in USA bringt schwächeren Dollar, also müßte der Euro relativ steigen (und nicht unter Druck kommen), Gleiches gilt für Gold."
Hmm, Inflation wird wie gesagt im angehenden Zyklus als ein Argument für einen bevorstehenden Zinsanstieg angesehen. Ein Zinsanstieg äußert sich in erhöhter Rendite für Dollar-denominierte Assets und entzieht so (zumindest kurzfristig und in der Theorie) dem Aktienmarkt Attraktivität und Kapital.
Die Nachfrage nach dem Dollar steigt, und damit der Wert des Dollars gegenüber Yen und Euro. Damit erhöht sich die spekulative Attraktivität des Dollars gegenüber Assets die – wie Euro und Gold in den letzten 9 Monaten – ihren Wertanstieg gößtenteils ihrem "Nicht-Dollar-Seins" verdankten.
*** Die gestrigen Producer Price-Zahlen belegten den Mechanismus bis ins Detail: Ein Anstieg um 0,7 % wurde als indikativ für Inflation angesehen. Die Aktien wackelten (fingen sich aber wieder), während der Dollar 1,4 % gegenüber dem Yen auf 114,5 anstieg ... und der Euro zeitweise bis auf US$1.1774 verfiel.
Gold konnte sich ebenfalls nicht aus der Misere befreien: Ausbruchsversuche scheiterten sang- und klanglos bereits bei US$377 pro Feinunze ... und der Preis brach zweimal bis auf US$373 ein. (Das bedeutet, dass das Edelmetall nun sämtliche seit dem 28 August 2003 erzielten Gewinne wieder abgegeben hat ...)
*** Steigende US Inflation wird wegen der in aller Wahrscheinlichkeit erfolgenden Leitzinserhöhung auch gern für den "bevorstehenden Kollaps" von amerikanischen Immobilien verantwortlich gemacht ... manchmal von Redakteuren, die meines Wissens bisher noch keine praktischen Erfahrungen mit amerikanischen Immobilienkäufen hatten.
(Der Syllogismus ist bestechend einfach: Wenn Zinsen steigen fällt die Nachfrage, wenn die Nachfrage fällt, brechen die Preise ein.)
Noch einmal: Hmmm. Hypothekenzinsen sind jetzt auch ohne Leitzinserhöhung auf dem höchsten Stand seit 9 Monaten. Und die Objekte verkaufen sich immer noch wie warme Semmeln. In Baltimore allein – einem der weniger attraktiven Pflaster an der Ostküste – stiegen die Grundstückspreise im ersten Quartal um 20 %.
Und wie bereits häufiger betont ist Real Estate in Amerika traditionell ein Inflationsbunker: Der noch angehende Boom fand jedoch seit Jahren in einem Umfeld von geringer Inflation statt. Anziehen derselben sollte demnach einen zusätzlichen bullishen Impuls geben.
Selbst wenn sich dies nicht wie angedacht entfalten sollte, baue ich auf die Findikeit der amerikanischen Lenders: Der Immobilienboom in Japan in den späten 80ern brachte die 100-Jahre-Hypothek mit sich. So weit voraus denkt man in Amerika nicht: Ich kann mir allerdings die Einführung und Popularisierung einer 50-Jahre-Hypothek eher vorstellen als den Einbruch der Immobilienindustrie.
Mit herzlichem Gruß,
Ihr
J. Christoph Amberger, Executive Publisher, The Taipan Group