Fortsetzung: Krugman zu den Ursachen konjunktureller Einbrüche
Dr. Markus Schoor in Investoren Wissen
vom 25. September 2007 16:00 Uhr
ENL5454
(Fortsetzung)
"Wenn aber alles so einfach ist – warum kommt es dann überhaupt zu konjunkturellen Einbrüchen? Warum drucken die Zentralbanken nicht einfach genug Geld, um die Wirtschaft stets auf Vollbeschäftigungsniveau zu halten? Was die Zeit bis zum Zweiten Weltkrieg angeht, ist die Antwort ziemlich einfach: Die politischen Maßnahmen waren unwirksam, weil die Politiker vollkommen im Dunkeln tappten. Heute aber sind sich die Ökonomen – von Milton Friedman bis zu den Linken – praktisch einig, dass die Weltwirtschaftskrise durch einen Zusammenbruch der effektiven Nachfrage verursacht wurde und dass die US-Notenbank (Fed) gut daran getan hätte, die Geldmenge erheblich auszuweiten, um den Abschwung rechtzeitig zu bremsen. Doch seinerzeit waren diese Zusammenhänge einfach nicht bekannt. Tatsächlich herrschte bei vielen führenden Ökonomen eine Art moralistischer Fatalismus, der die Depression als unvermeidliche Folge vorausgehender Exzesse begriff – und damit als heilsamen Prozess: Die Erholung, erklärte Schumpeter, „ist nur dann echt, wenn sie sich aus sich selbst heraus entwickelt. Jeder künstlich herbeigeführte Aufschwung bedeutet nur, dass der Heilungsprozess der Krise abgewürgt wird. Die unbeseitigten Missverhältnisse werden so durch neue Fehlkorrekturen nur noch verstärkt, was die nächste (und vielleicht schlimmere) Krise absehbar macht.“
Diese fatalistische Sicht der Dinge verschwand nach dem Zweiten Weltkrieg. Eine Generation lang bemühten sich die meisten Länder um aktive Steuerung der Konjunktur, und dies mit beträchtlichem Erfolg. Die Rezessionen waren mild, Arbeitsplätze gab es in der Regel genug. Ende der sechziger Jahre begannen daher viele zu glauben, die Konjunktur habe man nun weitgehend im Griff. Sogar Ronald Reagan versprach eine „Feinabstimmung“ der Volkswirtschaft.Doch das war die Hybris. Die immanente Gefahr einer jeden Vollbeschäftigungspolitik trat in den siebziger Jahren offen zutage. Ist die Zentralbank nämlich allzu optimistisch in Bezug auf die Zahl der möglichen neuen Arbeitsplätze und bringt sie folglich zu viel Geld in Umlauf, so führt dies zu Inflation. Hat sich die Inflationserwartung erst einmal in den Köpfen der Menschen festgesetzt, so lässt sie sich nur durch eine Phase hoher Arbeitslosigkeit wieder austreiben. Kommt dann noch ein preissteigerndes externes Ereignis hinzu (zum Beispiel eine Verdoppelung des Ölpreises), ist die Konstellation für einen kräftigen, wenn nicht gar verheerenden Konjunkturrückgang perfekt.
Bis Mitte der achtziger Jahre jedoch war die Inflation wieder auf ein akzeptables Niveau gesunken, das Öl sprudelte erneut, und die Zentralbanken schienen endlich begriffen zu haben, wie man die Dinge handhaben muss. Die Fehler der Vergangenheit schienen den allgemeinen Eindruck, dass derlei Probleme endlich ausgestanden seien, höchstens noch zu unterstreichen. Zunächst lief alles ganz ordentlich. Als beispielsweise 1987 die US-Börse zusammenbrach – wobei der erste Tag ähnliche Kursverluste brachte wie seinerzeit beim Börsenkrach des Jahres 1929 -, reagierte die Fed rasch und pumpte Geld in das System. Die reale Wirtschaft blieb daher von den Börsenturbulenzen praktisch völlig unbeeindruckt, und der Dow Jones Index der Aktienkurse erholte sich schon bald. Ende der achtziger Jahre machten sich die Zentralbanken zwar zunächst die falschen Sorgen, weil sie auf eine leicht steigende Inflation fixiert waren und deshalb zu spät merkten, dass eine Rezession nahte. Diese kostete zwar George Bush das Amt, war dann aber mit den nunmehr bekannten Mitteln in den Griff zu bekommen, und es folgte erneut eine Phase nachhaltiger Expansion. So konnte sich bis zum Sommer 1997 der allgemeine Eindruck festsetzen, die Konjunktur sei endgültig gezähmt: Moderate Auf- und Abschwünge mag es ja noch geben, doch so richtig schlimm kommen werde es nie mehr.
Den größten Anteil an dieser Zähmung schrieb man den Herren des Geldes zu. Noch nie in der Geschichte hat ein Zentralbankchef so mystische Verehrung genossen wie Alan Greenspan. Doch daneben herrschte auch der Eindruck, die Wirtschaft habe sich ich ihren Grundstrukturen so verändert, dass einer dauerhaften Hochkonjunktur nichts mehr im Wege stehe.“ (Paul Krugman: Die große Rezession, Campus Verlag)
Ich hoffe Sie haben jeden einzelnen Satz dieses Ausschnittes mit höchster Aufmerksamkeit genossen, denn hier finden Sie historische Erfahrung und den Anfang des Lernens über die wirklichen Zusammenhänge der Volkswirtschaft einmal vorbildlich entwirrt. Lesen Sie auch das Original weiter, denn Paul Krugman, zeigt dann die folgenden Krisen seit 1997 Stück um Stück auf.
Veilleicht verstehen Sie jetzt, warum ich auf Rufe nach "ehrlichem Geld", nach dem "Goldstandard" und auf Verschwörungstheorien aller Art nicht allzu viel gebe. Stattdessen achte ich lieber genau darauf, ob sich irgendwo "Marktstörungen" bilden.
Grüsse Doc