Fortsetzung (Finanzkrisen-Artikel)
Alexander Hahn in Investoren Wissen
vom 28. Januar 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
(Fortsetzung des obigen Artikels)
2003/2004: Ein Gutachten mit Folgen...
Vieles der heutigen Krise begann besonders im Jahr 2003, als das Bundesfinanzministerium der rot-grünen Bundesregierung unter dem damaligen Finanzminister Hans Eichel (SPD) bei der Boston Consulting Group GmbH in Frankfurt am Main ein Gutachten mit dem Thema "Optimale staatliche Rahmenbedingungen für einen Kreditrisikomarkt/Verbriefungsmarkt für Kreditforderungen und -risiken in Deutschland" bestellte. Ziel sollte es sein herauszufinden, wie u.a. der Kreditrisikomarkt reformiert werden könne, um z.B. der Finanzindustrie mittels der eigenen Politik bessere Rahmenbedingungen zu bieten.
Am 30. Januar 2004 war das Gutachten dann auch fertiggestellt und stellte u.a. fest, dass der deutsche Verbriefungsmarkt "Nachholbedarf" zeige (Sie erinnern sich? Derartige "Asset Backed Securities" und ähnliche Derivate waren es, welche maßgeblich dazu beitrugen, das Pulverfass der weltweiten Finanzkrise hochgehen zu lassen. Behalten Sie dies bitte für die nächsten Abschnitte im Hinterkopf).
Weiterhin stellte das besagte Gutachten von damals fest, dass das Wachstum dieses Marktes durch die bereits im Verbriefungsmarkt aktiven Banken und auch durch öffentlich-rechtliche Institute vorangetrieben werden könne, und es wurden Wege aufgezeigt, wie dies in der Praxis umsetzbar sei (Besonders pikant: Die Gutachter von damals empfahlen sogar die Verbriefung öffentlicher Forderungen wie z.B. BAföG-Darlehen...).
Letztlich wurde dieses besagte Gutachten später Grundstein der Finanzmarktpolitik und das Unheil, an dem sich über die Jahre Politiker aller Parteien in verschiedenster Form eifrig beteiligten, begann seinen Lauf zu nehmen...
Mai 2005: Die CDU/CSU-Fraktion fordert weiteren Abbau von Hindernissen für die Finanzbranche
Im Mai 2005 wandte sich die CDU/CSU-Fraktion in einer kleinen Anfrage (BT Drucksache 15/5496) an die Regierung Schröder und forderte u.a. zwei für den weiteren Verlauf der Krise bedeutende Punkte:
- Beseitigung von Hemmnissen für sog. "True-Sale"-Verbriefungen
- Gewerbesteuerliche Freistellung von "Zweckgesellschaften"
In anderen Worten: Nachdem die rot-grüne Regierung die Pforten für eine neue Dimension des Lobbyismus öffnete, forderte hier nun die CDU/CSU-Fraktion zwei recht zentrale Dinge auf dem Weg in die Krise. Wie Sie sich sicher noch erinnern, waren es gerade sog. SIVs (structured investment vehicles), also ein spezieller Typ von Zweckgesellschaften, welche oftmals für die Spekulationen mit den Schrottpapieren eingesetzt wurden. Ebenso sind die "True Sale"-Verbriefungen ein wichtiger Bestandteil beim kompletten Weiterverkauf der entsprechenden Kredite. Für beides setzte sich die CDU/CSU-Fraktion entsprechend zum Wohl der Finanzindustrie ein.
Im Jahr 2004 gründeten verschiedene Banken die sog. "True Sale International GmbH", eine Lobbyorganisation zur Förderung von Verbriefungsgeschäften in der BRD. Hier spielte besonders der damalige Minsterialdirektor Jörg Asmussen (siehe verlinkter Artikel für wichtige Details) eine sehr zweifelhafte Rolle... (es lohnt sich übrigens sehr, einmal zu dieser dubiosen Gestalt etwas tiefer z.B. im Internet zu graben...). In anderen Worten: Auch hier gab es eine Vernetzung von Finanzlobby und Politik.
2006: Ein wenig beachteter Aufsatz von Herrn Steinbrück
Die konservative Zeitung "junge Freiheit" berichtet (als eins von mehreren Medien) in ihrer Online-Ausgabe:
In einem bisher von der Öffentlichkeit kaum beachteten Aufsatz hat Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) in der Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen im Januar 2006 unter der Überschrift „Was darf die deutsche Kreditwirtschaft von der neuen Bundesregierung erwarten?“ diese sogenannte Finanzmarktpolitik vorgestellt: Sie sei ein „Eckpfeiler des Koalitionsvertrages“ und verfolge eine Strategie mit „wegweisenden Zukunftsprojekten“. Deren Gegenstand sind genau jene Geschäfte, welche die Finanzkrise ausgelöst haben.
Den Banken wird in Aussicht gestellt, von „Eigenkapitalentlastungen zu profitieren“. „Dienst nach Vorschrift“ werde es nicht geben, besondere Anstrengungen seien auf den „Ausbau des deutschen Verbriefungsmarktes“ gerichtet. Unter anderem durch die Beseitigung gewerbesteuerlicher Hürden habe man den Weg für „True Sale“-Verbriefungen in Deutschland bereitet (dabei wird mit dem Verkauf der Forderungen auch das Ausfallrisiko übertragen).
Als nächsten Akt kündigt der Minister gar an, Grenzen beim Erwerb von Asset Backed Securities (die sich nun oft als „Schrottpapiere erwiesen haben) „in den Anlagebestimmungen von Versicherungen, Pensionsfonds und Investmentfonds zu überprüfen“. Wäre dies umgesetzt worden, hätten Millionen von Deutschen sogar ihre Altersversorgung verloren!
2007: Die Bundesregierung ignoriert allem Anschein nach wichtige Warnungen vor der Krise
2007 wird die Bundesregierung beim G-7 Treffen in Washington im April 2007 vor dem drohenden Platzen der Blase gewarnt. Auch hier geschah, wie ich bereits in einem vergangenen Artikel speziell hierzu schrieb, offenbar nichts als Reaktion.
Später platzt die Blase und die Krise nimmt ihren Lauf...
FAZIT
Ich weiß nicht, wie Sie dies sehen, liebe Leser, aber ich denke, ich muss hier nichts mehr hinzufügen. Vielleicht weise ich meinerseits einfach noch abschließend darauf hin, dass das hier vorgestellte Material wirklich nur ein ganz kleiner Teil von dem ist, was ich Ihnen noch hätte bringen können, und dies wirklich nur an der Oberfläche kratzt (ein wenig mehr Details bietet z.B. das gute Buch von Adamek und Otto).
Nachdem Sie diesen Artikel nun gelesen haben, können Sie ja einmal für sich selbst überlegen, was Sie das nächste Mal darauf erwidern, wenn Ihnen wieder jemand erzählen möchte, es seien nur "die bösen Banker" gewesen, welche für diese Krise verantwortlich seien und mehr Politik und Regulierung seien die ultimative Lösung...
Beste Grüße
ähnliche Beiträge:
Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Bernd Fischer (28.01. 2010 17:33 Uhr):
hallo, herr hahn, lese immer gerne ihre artikel und stiimmte überein. dennoch ist es blauäugig anzunehmen, die brd macht bei dem prozessen in ihrer gesellschaft bei diesen wirkungsweisen intern. eine ausnahme. denke, das geht auch nicht, ob mit positiven oder negativen ergebnissen. ein nebeneinander ist undenkbar, not- wendig ist allerdings der ausgleich aller interessen. mit besten grüssen bernd fischer
Antworten - Kommentar von Günter Dienel (28.01. 2010 18:15 Uhr):
Mit großem Interesse verfolge ich Ihre Artikel und bin immer wieder erstaut, wie doch der größte Teil fehl informiert wird, um nicht zu sagen verdummt wird. Wenn es nach den Medien geht, sind ja nur eine Hand voll Böse Banker an der Misere schuld. Sie haben recht, man schickt immer jemand auf den Prange, egal wn, hauptsache die ganz großen sind nich schuld. Mit Ihren Beiträgen müssten Sie noch viel mehr Menschen erreichen, denn ich glaube selber, dass die nächste Schockwelle für viele Anleger bereits ins rollen gekommen ist. G. Dienel
Antworten - Kommentar von Herbert Bucher (28.01. 2010 20:29 Uhr):
Ich wusste es seit Herr H.Kohl (seines Zeichen Kanzler aller Deutschen) das Ruder übernahm. Das wir zum Lobbyisten-Saat verkommen z.B. umgebaut werden. Aber so genau mit soviel Hintergrundwissen. Und Links zur weiteren Nachforschen hatte ich noch nicht. (Ich) und meine Familie bedanken uns für Ihre Aufklärungsarbeiten. Und bitte Sie, das Sie trotz vieler Dummköpfe so weiter machen. Beste Grüße aus Langenfeld Herbert Bucher
Antworten - Kommentar von Siegfried (29.01. 2010 10:57 Uhr):
nach dem Lesen, Blutdruck gestiegen, Adrenalinspiegel hochgeschossen, drückendes Gefühl im Bauch und das verständnis für eine Gruppe aus dem letzten Jahrhundert. Man darf sich garnicht vorstellen was da noch alles läuft. MfG.
Antworten - Kommentar von andreas sickmüller (29.01. 2010 11:21 Uhr):
Hallo Herr Hahn, ich finde Ihre Recherchen sehr gut, vor allem diese. Hier sieht man, welch gigantischem Blendwerk wir in Form des Medienmainstreams ausgesetzt sind. Dieser dient dem Politik- und Wirtschaftsestablishment als Plattform, uns immer verwegenere Lügen aufzutischen. Das schlimme dabei ist, dass selbst gebildete und intelligente Leute, - die so genannten "Experten" -zumeist diese ganzen Spielchen nicht durchschauen, und bei Ihrem ganzen selbstverliebten Geschwafel nicht dazu kommen, auch einmal hinter die Kulissen zu schauen. Selbst in meinem Freundeskreis werde ich, wenn ich solche Dinge wie Sie sie schreiben verlautbare, meist nicht ernst genommen, oder gar belächelt. Und das obgleich auch hier Leute darunter sind, die (eigentlich) gute Ökonomen sind. Lassen Sie sich durch Nichts von Ihrer Recherchearbeit abbringen oder verunsichern. Wenngleich auch wir unter den Blinden "nur" die Einäugigen sind, so sehen wir zumindest. Grüße A.Sickmüller
Antworten
- Kommentar von Hans Welter (30.01. 2010 10:18 Uhr):
Sehr geehrter Herr Hahn, Sie fühlen sich der Wahrheit verpflichtet wie mir scheint. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es kein wirksameres Mittel gibt sich ins gesellschaftliche Abseits zu stellen. Ich für mein Teil fühle mich gut bei dem Gedanken nicht mehr allein auf dem Scheiterhaufen zu tanzen. Ihre präziesen Recherchen für die Probleme speziell in UNSEREM Land machen Sie für mich wertvoller als z.B. ein Bill Bonner den ich ebenfals sehr schätze für seine geniale Art der Wahrnehmungen. Ich werde in Ermangelung eigener Befähigung, von Ihren Ausführungen in Gesprächen redlich gebrauch machen wo immer sich die Gelegenheit ergibt. Alles begann mit dem Begriff "WERTSCHÖPFUNG" was nichts anderes heißt als Wegelagerei. Warum sollte es denn auch etwas neues geben, wenn die mittelalterlichen Praktiken an ihrer effizienz nichts verloren haben. Ich erinnere mich noch an eine Zeit, als ich bei der Firma Siemens in der Auslandsabteilung eingestellt wurde. Ich unterhielt mich mit einem Altmonteur und verkündete Ihm stolz, dass ich ohne probleme schon nach kurzer Zeit ins Ausland gehen werde und dann endlich für gute Arbeit auch einen guten Lohn bekommen werde. Ich vergesse nie sein mitleidiges Gesicht als er mit ruhiger Stimme mein Weltbild ankratzte. Er machte es kurz und knapp in dem er sagte: Ich habe jeden Monat so viel Geld verdient, dass ich mir davon einen VW hätte kaufen können." Ich musste nicht lange nachdenken um festzustellen dass ich das doppelte verdiene aber dafür nicht mal einen halben VW bekäme. Ganz zu schweigen das ich im Gegensatz zu diesem Kollegen im Ausland keine freie Unterkunft und Verpflegung haben werde. Zehn Jahre später hat man alles was nicht schnell genug auf die Bäume kam ins Ausland geschickt. Man kann sich wohl denken warum. Es geht weiter mit der Außenhandelbilanz die zu keinem Zeitpunkt seit der Endstehung der BRD negativ war. Wo sind die Überschüsse geblieben das es den Unternehmen so schlecht geht und unsere Schulen aussehen wie aus der dritten Welt. Ich weiß, gehört nicht zum Thema, oder doch. Es ist wie Sie schon sagten nur die Spitze vom Eisberg und mitlerweile von einem Ausmaß das der brasilianische Dschungel dagen aussieht wie ein Naherholungspark. Bei einem Patienten würde wohl jeder Arzt die Diagnose unheilbar nicht für abwegig halten. Mit besten Wünschen HW
Antworten - Kommentar von Alexander Hahn (30.01. 2010 13:15 Uhr):
Herzlichen Dank an alle von Ihnen für das Feedback. Die Zustände sind in der Tat nicht besonders erfreulich. Aber ein erster Schritt, um gegen solche Dinge anzugehen, ist es bereits, sich selbst und die eigenen Mitmenschen umfassend zu informieren. Viele Leute wissen hiervon kaum etwas und haben gerade in schlechteren wirtschaftlichen Zeiten nun eher ein Ohr für derartige unbequeme Fakten. Ein Mensch alleine kann wenig gegen solche Dinge ausrichten, korrekt. Doch wenn jeder seinen Teil beiträgt, so klein er auch subjektiv betrachtet wirken mag, dann wird irgendwann die kritische Masse erreicht werden und der ganze Spuk früher oder später zurückgedrängt. Das ist sicherlich keine einfache Aufgabe, aber wer hier nichts tut und resigniert hat m.E. schon verloren. Darüber hinaus sind Dinge wie Demokratie, Meinungsfreiheit und ein funktionierender Staat im Sinne der Bürger nicht selbstverständlich. Hierfür wurde Jahrhunderte lang und oft unter Einsatz des eigenen Lebens erbittert gekämpft. Die Aufgabe heutzutage ist lediglich die Bewahrung der Errungenschaften für die kommenden Generationen und ich bin mir sehr sicher: Hierzu kann jeder etwas wichtiges auf seine Art beitragen. Beste Grüße Alexander Hahn
Antworten - Kommentar von ws (30.01. 2010 14:21 Uhr):
Deutschland einst das Land der Dichter und Denker, nun - das Land der Lichter und Blender. Wie dumm muss man eigentlich sein, bzw. welchen IQ muß man haben um Politiker zu werden??? Bitte nur mit ws unterzeichnen. Danke und recherchieren Sie bitte weiter. Beste Grüße
Antworten