(Fortsetzung)
Jeff Clark (US-Korrespondent) in Investoren Wissen
vom 22. November 2010, 16:00 Uhr
ENL5454
(Fortsetzung des obigen Artikels)
"Das ist egal.", sagte man mir nahezu einstimmig. "Jeder ist korrupt. Wir werden nur einen Dieb gegen einen anderen austauschen. Es ist nicht mal die Mühe wert, ins Wahllokal zu gehen."
Und hier haben wir das, was sich verdächtig nach dem nationalen Post-Währungskrisen-Slogan Argentiniens anhört... Warum überhaupt sich die Mühe machen?
Essensverpackungen und anderer Müll liegen überall auf den Straßen, obwohl es Mülleimer an nahezu jeder Ecke gibt und es nur wenig Mühe erfordert, seinen Abfall dort hineinzuwerfen. Aber warum die Mühe?
Leute, die mit ihren Hunden spazieren gehen, lassen deren Hundehaufen auf dem Gehweg in der Mitte liegen, trotz der Schweinerei und des Gestanks, den das verursacht. Warum die Mühe?
Feine Herren ziehen sich nicht mehr zum Abendessen gut an... Manche rasieren sich nicht mal mehr... Warum die Mühe?
Es scheint so, als habe eine gesamte Kultur das sprichwörtliche Handtuch geworfen und beschlossen, dass es die Mühe nicht wert ist. Es macht einfach keinen Sinn hart zu arbeiten, wenn das, was man verdient, jederzeit von der Regierung per Dekret weggenommen werden kann oder das, was man braucht, sowieso schon "umsonst" zu haben ist. Warum sollte man sich darum kümmern, seine Verträge einzuhalten, wenn doch die Regierung sich nicht mal um ihre Verträge kümmert? Warum sollte man das Spiel regelkonform spielen, wenn sich die Regeln jedes Mal ändern, wenn man ein wenig vorankommt?
Als Besucher ist es sehr schwer, dieses Denkmuster zu verdauen. Schließlich scheint Argentinien ja eine prosperierende Wirtschaft zu haben und die Regierung berichtet starke wirtschaftliche Zahlen. Der Aktienmarkt stieg vergangenes Jahr um 40%. Es gibt konstanten Verkehr in den Straßen von Buenos Aires und die Leute drängeln sich über die Gehwege.
"Aber wir haben die Spitze erreicht", sagte einer der Geschäftsmänner. "Und diesmal ist die Spitze weit unter dem, wo wir sonst vorher lagen." Der Rest der Männer nickte zustimmend. "Wenn doch nur der Rest der Regierung auch einen Herzinfarkt hätte."
Es gibt hier ein tiefes Misstrauen und eine große Feindseligkeit gegenüber der Regierung - was nicht wirklich eine Überraschung ist, waren es doch Regierungsaktionen, welche die Währungskrise vor einigen Jahren verursachten und damit den Großteil des argentinischen Wohlstands auslöschten.
Aber das war nicht immer so. Vor der Währungskrise sah man die Regierung weitgehend als Regulierer und letzte Schutzinstanz an.
Und so wird zur Zeit die US-Regierung vielerorts betrachtet. Ich gehe mit dieser Sichtweise bekanntlich nicht einher, jedoch trifft dies auf die Mehrheit der amerikanischen Wähler durchaus zu.
Wenn man Argentinien bzw. eine Währungskrise in der Situation als Beispiel nimmt, wird die Regierung danach zum Wettbewerber. Sie kämpft gegen ihre Einwohner um ein Stück des Kuchens. Und ihr Appetit ist unersättlich.
Wie kämpft man also gegen eine größere und mächtigere Institution? Ich weiß es nicht. Die meisten Leute, die ich hier in Argentinien getroffen habe, tun dies, indem sie ihren Wohlstand verstecken. Sie senden ihn in andere Länder oder vergraben ihn in ihren Matratzen. In den Banken halten sie ihr Geld jedoch nicht, da sie Angst haben, es könnte konfisziert werden. Das Geld findet somit niemals seinen Weg in den Wirtschaftskreislauf und das Wachstum wird immer unter dem bleiben, was es eigentlich sein könnte.
Wenn doch nur der Rest der Regierung auch einen Herzinfarkt hätte.... Die Worte der Geschäftsleute höre ich noch heute immer wieder in meinem Kopf.
Wenn nur...
Beste Grüße und gutes Trading,
Jeff Clark