Forderungen zur Erhöhung der Abgeltungssteuer - meine Einschätzung
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 5. Januar 2012, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Trader´s Daily-Leser Winfried S. schrieb mir:
"Vielleicht können Sie ja auch einmal über die Abgeltungssteuer recherchieren. Viele Politiker fordern höhere Sätze, sogar Herr Sommer den höchsten Satz. Alle tun so, als ob Besitzer von kleineren Vermögen nicht auch die Steuer bezahlen würden. Bei vielen sind die Erträge die dringend benötigte Zusatzrente. Da diese Leute die weniger aufmüpfige Klientel darstellen, sollte einer wie Sie einmal Stellung beziehen (...). Mit frdl. Grüßen Winfried S., Mitglied der Daily Gemeinde."
Meine Antwort:
Ich erinnere mich noch sehr genau an die Einführung der Abgeltungssteuer in Deutschland - damals war ich gefühlt der einzige im Kollegenkreis, der die Einführung klasse fand.
Vorher war es ja so: Der/die Steuerpflichtige musste seine Gewinne selber angeben. Der Ehrliche soll nicht der Dumme sein....der automatische Abzug direkt von der Bank gefiel/gefällt mir deshalb schon besser.
Dann gab es die Regelungen, dass Spekulationsgewinne nach einem Jahr steuerfrei waren. Das gab Verzerrungen...und ein Steuersystem sollte meiner Ansicht nach möglichst neutral sein in Bezug auf wirtschaftliche Entscheidungen.
Dann gab es zig Ausnahmen...Dividenden anders besteuert als Kursgewinne, Garantie-Zertifikate anders besteuert als Hebel-Produkte...
Dann der ganze Papierkram bei der Steuererklärung, Angabe jedes kleinen Trades, Zusammenstellen etc. pp.
Stattdessen: Pauschal 25% auf alle Gewinne (zzgl. Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer) - und das war es dann! Keine Angabe in der Steuererklärung mehr nötig, die Steuerpflicht ist abgegolten, die Arbeit übernimmt sowieso die Bank, die automatisch abzieht bzw. Verluste mit Gewinnen verrechnet.
Wenn nun die Höhe der Abgeltungssteuer erhöht werden soll, kann dies diverse Auswirkungen haben. Zunächst einmal kann ich den Leser insofern beruhigen:
Sterbliche mit geringem Einkommen können sich zuviel gezahlte Abgeltungssteuer zurückholen. Wenn die Abgeltungssteuer z.B. auf 30% erhöht würde, und ein Steuerpflichtiger seinem Einkommen zufolge nur 25% zahlen müsste, kann er sich die Differenz mit der Steuererklärung zurückholen. Geringverdiener können auch eine Nichtveranlagungs-Bescheinigung (NV) beantragen und der Bank vorlegen, dann wird gar nichts mehr abgezogen.
Insofern wäre eine Erhöhung der Abgeltungssteuer gerade für die Geringverdiener keine Katastrophe. Es gilt aber aus anderen Gründen pragmatisch abzuwägen. Stichwort Kapitalflucht. Wer 25% seiner Gewinne versteuern muss, mit abgeltender Wirkung (sprich anonym), wird dies vielleicht widerwillig tun, aber er/sie wird es tun. Doch wird das bei 35% auch noch der Fall sein? Oder wandert dann das Geld in Richtung verbleibende Steuerparadiese?
Ich selber bin jemand, der pragmatischer Patriot ist. Ein Viertel der Gewinne an den Staat abgeben, der auch meine Ausbildung finanziert hat und die Straßen gebaut hat, die ich nutze - finde ich fair. Es sollen ja auch nachfolgende Generationen eine halbwegs faire Bildungs- und Verkehrs-Infrastruktur vorfinden. Insofern zahle ich bis zu einem gewissen Grad durchaus gerne Steuern (höre ich da Sirenen, da ich eingeliefert werden soll?)
Die Frage ist, wo die Grenze ist. Was ist noch "fair". Bei mehr als 50% Besteuerung ist sie sicher überschritten - kein Staat sollte jemandem mehr als die Hälfte dessen wegnehmen, was dieser erwirtschaftet hat.
Die Probleme mit der Akzeptanz werden größer, je höher der Steuersatz ist. 25% plus Soli plus Kirchensteuer finde ich persönlich klasse. 30% könnten vielleicht auch noch gehen...darüber wird es kritischer...
Insofern hoffe ich persönlich, dass es bei der Abgeltungssteuer alles so bleibt, wie es ist. Punkt.
Und wenn Sie dem Trader´s Daily gewogen sind, möge dies auch so bleiben, wie es ist.
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M. A.
Chefredakteur Trader´s Daily
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Reche (05.01. 2012 12:17 Uhr):
Hallo, Man sollte bei den Steuern aber nicht vergessen, dass es auf alles was man kauft auch noch Steuern gibt. Wieviel Steuern bezahlt man dann insgesamt vom Erwirtschafteten? Reichen denn 50%? freundlicher Gruß Frank R.
Antworten - Kommentar von Hartmut Fischer (05.01. 2012 12:27 Uhr):
Steuer-Sumpf Kapitalgewinne sind genauso wie Erbschaften etc. für den Begünstigten Einkommen und sollten also für alle gleich versteuert werden, da sonst Arbeitseinkommen höher besteuert wird als der berühmte "free lunch". Allerdings ist "der Staat" wie der Steuerzahler zur Zahlung genauso zum sorgsamen Umgang mit den Steuern verpflichtet. Und daran hapert es gewaltig! (z. B. Banken- und Euro- "Rettung", Versenkung von Steuergeldern in allen möglichen Korruptionssümpfen wie Entwickllunghilfe, Afghanistan, Griechenland, und vor allem Beschließung von die Finanzspekulation begünstigenden Gesetzen (Kohl, Schröder, Eichel, Steinbrück, Asmussen und Konsorten) So wie sie das Vertrauen in die Währung verspielt haben, verspielen sie dadurch und durch ungleiche und übermäßige Besteuerung bei gleichzietigen Diäten-Privilegien die Loyalität der Bürger zu "ihrem" - unserem ? - Staat.
Antworten - Kommentar von FW (05.01. 2012 12:36 Uhr):
Gegen Steuern gehört Front gemacht! Stichwort: Zombies - zuviele produzieren bereits null und leben gut dabei. Der Zehnte dem Fürsten und nicht mehr!
Antworten - Kommentar von Meyer (05.01. 2012 13:01 Uhr):
Hallo Herr Vaupel! Ich stimme mit Ihrer Einstellung zum Staat (wenn der denn verantwortungsvoller mit unseren Steuergeldern umgehen würde) vollkommen überein. Wir hatten früher mal einen Kleinsparerfreibetrag v. 6000 DM pro Person auch um unsere Rente aufzubessern. Das hat der Staat leider genommen. Es wäre meiner Meinung nach gerecht, wenn man parallel zur Abgeltungsst.-Erhöhung den Freibetrag auch entsprechend erhöht. Ich halte einen Sparerfreibetrag v. 6000 € für angemessen. Viele Grüße h.Meyer
Antworten - Kommentar von Ellen N (05.01. 2012 13:12 Uhr):
Ich habe auch nichts dagegen Steuern zu zahlen. Nur, was ist Gewinn? Doch der Ertrag nach!! Inflation. Also müsste man vom Gewinn doch erst mal die Inflationsrate abrechen, und zwar die des täglichen Bedarfs (Lebensmittel, Gas, Strom, Benzin usw.) und nicht eine künstlich zurechtgezimmerte, die einen PC als billiger berechnet, weil er zwar das gleiche kostet, aber mehr kann. Ich bin Rentner. Meine Gewinne sind als Zuschuss zur Rente wichtig. Schließlich hat man mir die Rente „gekürzt“ weil man mich nicht bis zum Alter von 65 im Arbeitsmarkt braucht. Es ist ja verständlich, dass die Jungen nicht immer mehr für uns Rentner bezahlen wollen. Aber wenn man unsere Gewinne aus den langjährigen Ersparnissen wegbesteuert, wenn nach Steuer und Inflation ein Minus herauskommt, wie sollen wir dann leben?
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- Kommentar von Zuckschwerdt (05.01. 2012 13:20 Uhr):
Hallo Herr Vaupel, Mit Ihren Ausführungen zur Abgeltungssteuer bin ich ausnahmsweise mal nicht einverstanden.Generell ist die Abgeltungssteuer der richtige Weg, aber ein Steuersatz von ca. 30% ist zu hoch. Das Argument, dass Kleinverdiener Ihre zuviel gezahlte Abgeltungssteuer ja zurückholen können ist ein Witz, weil es dem Sinn der Abgeltungssteuer, nämlich weniger Papierkrieg und Bürokratie widerspricht. Die meisten Kleinverdiener holen sich die zu viel gezahlte Steuer auch nicht zurück, weil sie mit den Finanzamtsfritzen nichts zu tun haben wollen. Darauf spekuliert der Staat natürlich. Ein Steuersatz von 20% wäre annehmbar, alles darüber ist zuviel. Der Staat soll erst mal sparen, denn 50% der öffentlichen Ausgaben sind überflüssig. Man braucht doch nur herumzuschauen, überall wird im öffentlichen Bereich das Geld verschwendet und der Bürger dafür gerupft. Eine logische Folge davon ist, daß die Leute immer weniger "Produktives" tun und sich anderen Beschäftigungen widmen. Mit freundlicen Grüssen Zuckschwerdt
Antworten - Kommentar von dart (05.01. 2012 14:09 Uhr):
Hallo Herr Vaupel, Zur Einschätzung der Abgeltungssteuer gehört auch, dass Werbungskosten nicht mehr steuerlich absetzbar sind. Ein Beispiel: 70.000 € Kapital, Ertrag daraus durch Dividende und Aktiengewinn 4.000€. Freibetrag 801 € Aufwand: seriöser Börsenbrief 500€, 100 Trade pro Jahr bei 20 € Kauf/verkauf 2000 €, Abgeltungssteuer 1000 €. Daraus folgt: 4801 € Gewinn, 3500 € Kosten ergibt 1301 €. 2% Inflation von 70.000 € gleich 1400 €. Wo liegt nun der Vorteil der Abgeltungssteuer?? Vor der Einführung der Abgeltungssteuer konnte man die Werbungskosten 2500 € (hier Börsenbrief und Tradingkosten) steuerlich geltend machen. Damit waren nur 1500 € steuerpflichtig. Die Abgeltungssteuer und die nicht Absetzbarkeit von Werbungskosten ist auch ein wesentlicher Grund für den geringen Aktienbesitz der Bevölkerung. Hier sollte von staatlicher Seite mal etwas intensiver nachgedacht werden.
Antworten - Kommentar von Rolf Schurian (05.01. 2012 15:19 Uhr):
Sehr geehrter Herr Vaupel, in welchem Land leben Sie? Natürlich bin ich auch dafür, daß der Staat erhält, was des Staates ist; von mir aus - wir leben ja heute im Überfluß – auch ein bißchen mehr. Wenn ich richtig informiert bin, liegt aber die Steuerquote in Deutschland bei über 50%!!! In der Bibel war mal von einem Zehnten die Rede, wie Sie sicher wissen werden. Außerdem würde ich nur zu gerne mit Ihnen tauschen, weil meine Steuern für einen sinnlosen Krieg am Hindukusch ausgegeben werden. Mir ist nicht bekannt, daß jemals ein Afghane etwas wirklich Böses in irgendeinem ausländischen Staat angerichtet hätte, bestimmt kann ich das für Deutschland sagen. Im Übrigen lese ich Ihre Einlassungen gerne und finde sie interessant und abgewogen. Ihr Fundus für die Zitate des Tages ist phänomenal und mit der Auswahl setzen Sie immer einen schönen Kontrapunkt zu Ihren Kommentaren. Mit freundlichen Grüßen, Rolf Schurian
Antworten - Kommentar von Lacher Meinrad (05.01. 2012 18:43 Uhr):
Ob 25, 30, 40, 50 oder noch mehr % glaubt auch nur ein Mensch, dass der Staat Ende Jahr mehr in der Kasse hat. Die Politik verpulvert jeden Euro der in Aussicht steht zum voraus schon doppelt---- und wir sind gleich weit wie Anfangs. Im übrigen habe ich das Geld gespart von meinem Einkommen und darauf schon mal Steuern bezahlt. Also für mich: eine Abgeltungssteuer ist eine Frechheit und ist zum Ko...tzen.
Antworten - Kommentar von Klaus Morian (05.01. 2012 18:56 Uhr):
"Bei mehr als 50% Besteuerung ist sie sicher überschritten " Einspruch : wir haben bereits eine höhere Steuer -------------- Weiterhin ist es ja wohl das Recht eines Politikers alles Geld den Menschen wegzunehmen, da der Rheinische Kapitalismus (freie Marktwirtschaft) von Herrn Schröder ja zerstört worden ist (so zumindest seine geäußerte Absicht). ------------------------ Bei Umsetzung haben wir dann immerhin einen 2. Exportschlager: Millionäre (der 1. ist (siehe Medien) : Millardäre)
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- Kommentar von Rainer Seifert (06.01. 2012 00:20 Uhr):
Lieber Herr Vaupel, wer zu spät kommt, so wie ich hier, der findet seine Meinung schon zur Genüge dargestellt. An eins möchte ich nur mal erinnern, auch wenn mein Vergleich natürlich hinkt. Aber so wirds bei uns gemacht. Wer erinnert sich noch an den Anfang der REZEPT (nicht pro Medkjament)gebühr von 1,--DM? Schön war die Zeit... Freundliche Grüße Rainer Seifert
Antworten - Kommentar von Hermei (06.01. 2012 10:37 Uhr):
Ich finde auch 25-30% sind genug und das zahle ich allemal mindestens da mein Geld ja zuvor schon versteuert wurde. Ich danke für Ihre Informationen die ich seit Jahren lese weil sie sich grundlegend von den Aussagen der allermeisten Anlage- Berater abheben. Liebe Grüße Meissner
Antworten - Kommentar von Volker Berger (06.01. 2012 15:01 Uhr):
Hallo Michael, ich finde es gut, dass Sie daran erinnern, dass Eigentum auch verpflichtet. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auf - nicht weil die Reichen noch mehr arbeiten, sondern weil sie ihr Vermögen überprotional durch Kapital- bzw Immobilienerträge vermehren können ohne entsprechend Steuern zu zahlen. Für sie gibt es zu viel Steuerschlupflöcher bzw. Abschreibungsmöglichkeiten oder sie verlegen ihren Wohnsitz gleich in die Schweiz.. Die Abgeltungssteuer ist gut, weil daran wohl keiner drumrum kommt. Ich würde es begrüßen, wenn die Steuer auf 30-35% angehoben wird, wenn gleichzeitig der Freibetrag auf 3000 (bei 30%) - 6000 (bei 35%) Euro angehoben wird und über 60-jährige einen zusätzlichen "Rentenersatzfreibetrag" von mind. 2000-4000 Euro erhalten. Mit freunflichen Grüßen Volker Berger
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