Bill Bonner ist einer der anerkanntesten Finanzexperten der USA und Bestseller-Autor. Bei uns schreibt er regelmäßig im Börsen-Newsletter Kapitalschutz Akte.
Fonds
Bill Bonner in Investors Daily zum Thema Fonds
vom
Dienstag, 28.3.2006
Der LTCM-Hedgefonds war sich seiner Computermodelle so sicher außerdem so eifrig gewesen, jedes bisschen möglichen Gewinn aus dem Markt ziehen zu wollen, dass dieser Fonds die riskantesten Wetten des Marktes hielt. Aber das waren nicht nur billige Aktien. Die hätte der Fonds ja halten können, bis der Markt wieder zur Vernunft gekommen wäre. Stattdessen hielt der LTCM-Hedgefonds Terminmarktkontrakte und andere Investments, die weder Dividenden zahlten noch einen intrinsischen, d.h. inneren, Wert hatten. Und dank des beeindruckenden Rufs konnte LTCM Positionen fast ohne eigenen Einsatz eingehen. Um eine Position im Volumen von 100 US$ einzugehen, musste der Fonds nur 1 US$ Eigenkapital vorweisen. Wenn sich der Marktpreis dieser Position damit nur 1 % in die falsche Richtung bewegte, würde dieses Eigenkapital ausgelöscht sein.
Und im Herbst 1998 bewegte sich der Markt fast jeden Tag in die falsche Richtung. Ein Extrempunkt war erreicht: Alle Trader schienen gleichzeitig aus den gleichen Positionen herauskommen zu wollen. Die Professoren wussten nicht, was sie machen sollten. Das war eine Volatilität, die sie nicht verstanden.
Im Namen des Hedgefonds war zwar "Long Term" – also langfristig – enthalten, aber bereits 4 Jahre nach der Gründung standen die Besitzer mit dem Rücken zur Wand, wegen Kursen, die nach ihrer Aussage nicht in einer Milliarde Jahren wahrscheinlich wären. Ihre mathematischen Modelle zeigten laut Lowenstein, dass die Chance für so einen Markt " so unwahrscheinlich sei, dass sie wahrscheinlich nicht einmal während des gesamten Lebens des Universums eintreten würde."
"Die Professoren hatten dies in ihrem Modell nicht berücksichtigt", bemerkte Lowenstein. "Sie hatten dem Markt eine kalte Prognostizierbarkeit zuprogrammiert, die dieser niemals hatte; sie hatten räuberischen Sammeltrieb vergessen, und die überwältigenden Schutzinstinkte, die die Trader des realen Lebens beherrschen. Sie hatten den menschlichen Faktor vergessen."
Sie hatten Recht damit, dass die Dinge dazu tendieren, zu ihrem fairen Wert zurückzukommen. Dinge, die extrem aus dem Ruder gelaufen sind, laufen irgendwann zurück ins "Normale". Aber dann laufen sie wieder aus dem Ruder. Manchmal laufen die Kurse vom fairen Wert weg. Manchmal laufen sie auf diesen Wert zu. Wenn man mit Terminmarktkontrakten an die Sache heran geht, dann kann man in beide Richtungen Pleite gehen. Und die Genies von LTCM verloren 4,5 Milliarden US$ – zu einem Geld ihres eigenen Fonds.
Aber auch die Banken verloren Geld. Sie hätten noch deutlich mehr verloren, wenn sie LTCM nicht zu Hilfe gekommen wären ... und die US-Zentralbank kam jedem zu Hilfe, indem sie die Geldpolitik lockerte. Das wurde von einer neuen Gruppe Genies genutzt – darunter Enron. Verglichen mit Enron war LTCM "wie ein Limonadenstand", so Frank Partnoy einem Komitee des US-Kongresses, als dieses Thema im Frühjahr 2001 spektakulär aufkam. Enron verdiente in einem Jahr mehr mit dem Derivate-Handel als LTCM während seiner gesamten Existenz.
Die New Yorker Fed half, die Welt vor LTCM zu retten; aber diese Anstrengung der Fed war so ein Erfolg, dass sie die Bühne für Enron vorbereitete ... und die Geschichte mit Enron kostete 16 Mal so viel.
Bei größeren Topps führen sowohl die Theorie als auch die Erfahrung die Investoren dazu, zu denken, dass der Verkauf von Aktien ein Fehler wäre. Nicht nur, dass die Kurse die letzten zwei Jahrzehnte gestiegen waren, sondern ein paar Wirtschafts-Nobelpreisträger hatten vor kurzem auch bewiesen, dass es nie Sinn machen würde, zu verkaufen. Die Hypothese der effizienten Märkte, die zuerst von Eugene Fama in den 1960ern entwickelt wurde, war eine weitere dieser sagenhaften Theorien, die eines Marx oder eines Freud wert waren – tiefsinnig und zu dieser Zeit völlig absurd.
Das Wesentliche dieses Konzepts ist, dass die Märkte alle verfügbaren Informationen und Präferenzen widerspiegeln. Sie sind deshalb perfekt: Sie reflektieren die zusammengefasste Einschätzung aller Marktteilnehmer. Im Gegensatz dazu hat ein einzelner Marktteilnehmer – ein einzelner Investor, zum Beispiel – deutlich weniger Informationen. Er mag zwar denken, dass die Kurse steigen oder fallen werden, und sein Geld entsprechend anlegen. Aber seine Einschätzung ist mangelhaft. Er hat Unrecht, der Markt hat Recht. Der Markt kann nicht falsch liegen, denn der Wille der gesamten Investoren kann nicht falsch sein. Die Demokratie lässt keine höhere Autorität als den Willen der Mehrheit zu. Und vergleichbar dazu geben uns die Märkte immer den richtigen Preis. Weder die Märkte noch die Demokratie können verbessert werden; denn sie sind beide perfekt. Wider einmal schien die Geschichte hier zu einem Ende gekommen zu sein.
Aber wenn eine Menschenmenge zu glauben beginnt, dass sie von der Gnade Gottes berührt worden ist, dann gibt es kein Halten mehr. Das schlimmste, was passieren kann, ist, dass die ersten Bemühungen außerordentlich erfolgreich sind. Dann wird die Blase nämlich immer größer und größer – bis sie schließlich ihre Nadel findet.
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