Fluggesellschaften: Totgesagte leben länger
Andreas Wolf in DAX Daily
vom 28. April 2009, 08:00 Uhr
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Liebe DaxDaily Leser,
was des einen Leid ist des anderen Freud: Kaum steht die Gefahr einer Ernst zunehmenden weltweiten Seuche wie der Schweinegrippe ins Haus, steigt die Nachfrage nach hilfreichen Medikamenten, während die Reiselust plötzlich wie weg geblasen ist. Besonders leiden unter dem Auftreten der neuen Krankheit die Touristik- und Fluggesellschaften. Hier läuft es nach dem Motto „Ein Unglück kommt selten allein". Im Frühjahr/Sommer 2008 von hohen Ölpreisen geplagt, folgte für die Fluggesellschaften gleich danach der Absturz der Weltwirtschaft mit einem drastischen Einbruch der Geschäftsreisen. Auch wenn sich die Wirtschaftsschwäche allmählich bei den Verbrauchern auswirkt und der Reiseetat zu den ersten gehört, die eingestampft werden, durften sich die Airlines in Europa doch wenigstens ein wenig Hoffnung auf ein halbwegs normales Urlaubsgeschäft machen. Der Einbruch der Aktienkurse in diesem Sektor unterstellt aber anderes. Denn recht schnell werden Erinnerungen an den Herbst 2002 wach, als der Ausbruch der Vogelgrippe in Asien die Fluggesellschaften vor eine ähnlich schwierige Situation wie heute stellte. Damals deutete sich knapp ein Jahr nach dem Anschlag auf das World Trade Center in New York so etwas wie eine leichte Erholung im Reiseverkehr an. Der Irak-Krieg, der im Folgejahr die Trendwende an den Aktienmärkten bringen sollte, stand noch nicht ernsthaft zur Diskussion und die Airlines brauchten dringend wieder eine Normalisierung der Buchungslage. Der Rest ist bekannt: Die Seuche brachte den Reiseverkehr in Richtung Asien fast drei Monate zum erliegen, die renommierten Anbieter Singapore Airlines und Cathay Pacific warben mit Dumping-Preisen um die letzten Mutigen, den Furcht vor einer Ansteckung mit der Vogelgrippe fremd schien. Werden die Folgen diesmal wieder so kritisch werden?
Fluggesellschaften haben ihre Flexibilität weiter erhöht
Eine Prognose für die Auswirkungen der Schweinegrippe auf die weltweite Wirtschaftstätigkeit lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht geben. Zumindest die bisherigen Berichte lassen darauf schließen, das der Verlauf der Seuche aufgrund der Erfahrungen mit der als ähnlich eingestuften Vogelgrippe schneller kontrollierbar erscheint als zunächst angenommen. Zudem sind die Airlines durch die bereits seit einem halben Jahr laufende Wirtschaftskrise schon auf den Sparmodus umgeschwenkt und haben ihre Flexibilität erhöht. Das Absenken von Kapazitäten wird in der Regel rasch und geräuschlos über die Bühne gebracht. Die Zunahme der Impulsbuchungen über das Internet ermöglicht zudem eine durch Sonderaktionen erzeugte schnelle Stimulierung der Nachfrage. Feste Kapazitäten können so ohne hohe Verluste schnell ausgelastet werden, auch wenn die Margen vorübergehend sinken.
Kurse nehmen höhere Nachfrage ab Winter 2009/10 vorweg
Die Belastungen durch die Schweingrippe dürften sich nach aktuellem Ermessen in Grenzen halten. Springt die Seuche nicht umfassend auf Asien über, wird sich der Abwärtstrend der Airline-Aktienkurse bald wieder umkehren. Verstätigen sich die noch leichten Konjunkturerholungssignale in den USA, wird sich das auch rasch in den Kursen der Anteilsscheine des Sektors zeigen. Dabei kommt der Branche vor allem der noch immer günstige Ölpreis zugute, denn wer sich die Preisgestaltung bei den Flugtickets genauer betrachtet, der findet schnell heraus, dass es immer noch die während der Ölpreis-Hausse bei den Airlines beliebten Treibstoff-Zuschläge gibt. Sie wurden zwar zwischenzeitlich etwas verringert, tragen aber nach wie vor zu einer höheren Marge bei. Darüber hinaus haben die Marktführer wie Air France oder Lufthansa mit weiteren Zukäufen und Kooperationen ihre Wettbewerbsstellung weiter verbessert. Mit dem Ausbau der großen Flugverbünde wie Star Alliance oder One World werden Fakten geschaffen, die vor allem die kleinen Airlines unter Zugzwang setzen.
Wenn die Nachfrage voraussichtlich im Winter 2009/10 wieder etwas anzieht, haben die Aktienkurse dieses längst im Voraus vorweggenommen. Nimmt man die Entwicklung der Lufthansa-Aktie vom Herbst 2002 bis Sommer 2003 als Beispiel, ergeben sich für die aktuelle Situation einige interessante Parallelen.
Lufthansa-Turbulenzen überschaubar
Mehr als 11 Prozent musste die Lufthansa-Aktie zum Wochenauftakt zeitweise abgeben, bevor die ersten Schnäppchenjäger sich dem Papier erbarmten. Wie ein Damoklesschwert schwebt die Schweinegrippe nun über den Prognosen für den weiteren Geschäftsverlauf. Vergegenwärtigt man sich aber mal, welche strategisch intelligenten Übernahmen die Lufthansa mit der österreichischen AUA und der britischen BMI in den vergangenen Wochen vollzogen hat, so dürfte das Papier schon allein aus fundamentalen Gesichtspunkten für viele Investoren von Interesse sein. Folgt in den nächsten Wochen nicht noch ein ähnlich schwerwiegendes Ereignis wie der Irak-Krieg, sollte die Aktie kurz vor ihrem Wendepunkt analog zum Frühjahr 2003 stehen. Damals drehte das Papier bei einer ähnlichen Konstellation der Trendindikatoren MACD und Momentum. Zudem ist die Aktie im langfristigen Chart stark überverkauft, so dass eine Abschwächung der Schweine-Grippe bereits ein Umkehrsignal bewirken könnte. Erstes Ziel der Bullen wird dann der Widerstand bei 10 Euro sein, darüberhinaus würde ein Kursanstieg bis 12 Euro auf dem Programm stehen. Größere Gefahren lauern für die Bullen nur dann, wenn die Aktie unter ihr Verlaufs-Tief von 2003 bei 6,80 Euro fällt. Dieses Szenario setzt allerdings voraus, dass der Aktienkurs der Airline durch weitere Belastungen unter Druck gesetzt würde, die über die derzeitigen weltwirtschaftlichen Schwierigkeiten noch weiter hinaus gingen.
