Flugbekanntschaften
unserem Korrespondenten Addison Wiggin in Investors Daily
vom 04. März 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Letzte Woche, auf meinem Flug von Paris nach Boston – die erste Zwischenstation auf meinem Weg nach Mexiko –, hatte ich das Glück, neben einem Harvard-Professor der Volkswirtschaftslehre zu sitzen, dessen Büro sich direkt gegenüber dem Büro des obersten Wirtschaftsberaters des US-Präsidenten befindet. Er sagte mir, dass er einst von Ben Bernanke eingestellt worden war, um in Princeton zu lehren.
Der Professor war ein kleiner Mann, der wie ein Franzose aussah, und er begann unmittelbar nach dem Start mit der Frau zu seiner Linken zu reden. Es stellte sich heraus, dass sie zum Vorstand von Genzyme, einer Biotech-Firma, gehörte. Er sagte ihr auf eine Frage hin: "Ich würde mir darüber keine Sorgen machen ... die Erholung ist auf dem Weg, und sehr bald wird sich das Bild am (amerikanischen) Arbeitsmarkt dramatisch verbessern."
Ich konnte nicht anders, ich sagte – obwohl ich mich zurückhalten wollte: "Ich habe gehört, was Sie gerade gesagt haben ... glauben Sie wirklich, dass die Jobs wieder erscheinen werden? Ernsthaft? Selbst angesichts der Tatsache, dass die privaten und öffentlichen Schulden durch die Decke gehen?"
Was dann folgte, war nicht schön. (Und man muss bedenken, dass ich das Angebot der Air France, kostenlos Wein auszuschenken, ausgiebig in Anspruch nehme.)
"Die Devisenmärkte mögen das US-Haushaltsdefizit nicht, deshalb fällt der Dollar. Richtig?" begann ich meine Argumentation. "Das stimmt", so die Antwort.
"Und ein fallender Dollar lässt die Gewinne der ausländischen Investoren einbrechen, oder?"
"Wieder richtig ..."
"Und die ausländischen Investitionen sind notwendig, um das US-Handelsbilanzdefizit zu finanzieren. Also wenn der Dollar weiter fällt ... dann werden die Zinsen steigen müssen, damit die Ausländer weiter an Kapitalanlagen in den USA interessiert bleiben?"
"Ja ..."
"Und wenn die Zinsen steigen, dann wird das doch den Zuwachs an Arbeitsplätzen behindern?"
"In der Tat ..."
"Und wenn sich die wachsende Geldmenge als Inflation im Konsumentenpreisindex bemerkbar machen würde, dann würde das ebenfalls dazu führen, dass die Fed die Zinsen erhöhen würde?", sagte ich, und mir gingen glorreiche Visionen von Sokrates durch den Kopf.
"Ja, sicherlich. Aber die Inflation ist noch niedrig. Und die Fed muss das Wachstum der Arbeitsplätze stimulieren. Die Fed haben eine Theorie: Die wird die Hubschrauber-Theorie genannt ..."
"Sie meinen die Idee von Bernanke, Geld aus Hubschraubern abzuwerfen?"
"Ja, die meine ich ... kennen Sie Bernanke? Denn ich kenne ihn ..."
"Nein."
"Der ist sehr smart. Die Japaner hätten die Hubschrauber-Theorie nutzen können ... wir brauchen sie nicht ... wir brauchen nur die Jobs ..." Ich konnte sehen, dass er ungeduldig wurde ... seiner Meinung nach verstand ich es einfach nicht. Aber ich blieb hartnäckig: "Gibt es nicht neue Jobs, aber in Indien, zu niedrigeren Löhnen? Und müssen mögliche neue Jobs in den USA nicht zu diesen Löhnen konkurrenzfähig sein? Was die 'Erholung ohne neue Jobs' in eine 'Erholung ohne Löhne' verwandeln würde?" Die Genzyme-Dame bewegte sich in ihrem Sitz ein bisschen hin und her.
"Und außerdem", versuchte ich noch einmal, "muss die Regierung doch irgendwann die Steuern erhöhen – oder besser noch, die Ausgaben senken –, um mit dem Defizit klar zu kommen. Egal, um welche Partei es sich handelt. Oder? Und das könnte dann doch effektiv das Ende der Stimulierungen für die Wirtschaft sein? Und ohne Stimulierungen, wo werden da die Jobs herkommen?"
"Mister Wiggin, meine Arbeit handelt sich hauptsächlich um theoretische Dinge ..."
"Nun, also dann theoretisch gefragt, woher werden die neuen Jobs kommen?"
"Mister Wiggin, ich überlasse die Umsetzung anderen Leuten. Und jetzt, wenn Sie verzeihen, muss ich mich auf eine Lesung vorbereiten ..."
Ich versuchte, einen Film zu sehen, aber mein Monitor war kaputt. Als ich das Flugzeug verließ ... nach mehreren Stunden Ruhe und höflichen Stößen auf der Armlehne ... da kritzelte ich schnell meine Email-Adresse auf einen Zettel und gab diesen dem Professor.
Merkwürdigerweise hat er sich noch nicht gemeldet.