Fliegendes Geld
Bill Bonner in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 26. Juli 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Die Chinesen waren diejenigen, die das Papier“geld“ ungefähr am Anfang des neunten Jahrhunderts erfunden haben. Weil es leicht war, und ihnen aus den Händen geweht wurde, nannten sie es „fliegendes Geld“.
Die alten Chinesen lagen hinsichtlich der fehlenden Substanz der Papierwährung richtig. Die grünen Scheinchen scheinen mit jedem Tag weniger Substanz zu haben. Aber ich wundere mich nicht darüber, dass die grünen Scheinchen sterben, sondern darüber, dass sie noch nicht gestorben sind.
Auf der Suche nach eine Antwort blicke ich zurück auf den Fall der First National Bank of Montgomery, Minnesota, gegen Jerome Daly im Jahr 1969.
Die Bank hatte Mr. Daly einen Hypothekenkredit von 14.000 Dollar geliehen. Dann haben sie versucht, ihr Geld zurück zu bekommen, indem sie Dalys Haus zwangsversteigerten. Daly ging vor Gericht, mit einer Verteidigung, die so genial war, dass sogar ein chinesischer Banker wünschen wird, er könne sie nachahmen.
Man kann einen Hypothekenvertrag nicht vollstrecken, wenn es keine vertragliche Verpflichtung gibt. Und es gab keine gültige Verpflichtung, denn von der Bank wurde keine „Gegenleistung“ gegeben. Da er von der Bank nichts bekommen hatte, musste er auch nichts zurückgeben.
Um seine Aussage zu unterstützen, rief Mr. Daly, ein Rechtsanwalt, den Präsidenten der Bank in den Zeugenstand und verlangte zu erfahren, ob die Bank ihm wirklich 20-Dollar Scheine übergeben hätte.
„Ist es nicht so“, fing er an, „dass die Bank mir nicht wirklich einen Stapel von 20-Dollar- Scheinen gegeben hat? Um genau zu sein hat mir die Bank keine Banknoten jedweder Art gegeben, oder nicht?“
„Das stimmt... aber...“, muss der Präsident der Bank darauf geantwortet haben.
„Auch hat die Bank mir kein Eigentum übertragen... oder mir Goldmünzen gegeben... oder andere, greifbare Dinge... richtig?“
„Nun, ja… aber...“ kam die nächste Antwort, die auch von Mr. Dalys nächster Frage abgeschnitten wurde.
„Und ist es nicht so, dass die Bank nicht losgegangen ist, um zusätzliches Geld zu leihen, das sie mir dann leihen konnte... und dass sie auch nicht von den Konten der Einzahler Geld genommen hat, um mir Geld geben zu können.“
“Ja, das ist richtig.”
„Somit war doch der sogenannte Hypothekenkredit aus ihrer Sicht nur ein Eintrag in die Bücher. Stimmt das nicht? Und ist es nicht auch richtig, dass das Geld nie wirklich existiert hat? ... Zumindest nicht in dem Sinne, wie die meisten Leute denken, wenn sie an Geld denken... und dass dieses ‚Geld’ in Wirklichkeit ‚aus dünner Luft’ gezaubert wurde, wie der Wirtschaftler John Maynard Keynes es einst beschrieb?“
„Nun ja... aber...“
Bis zu diesem Zeitpunkt nickten bereits der Richter und die Geschworenen mit den Köpfen und sie waren sich sicher, dass sie es im Zeugenstand mit einer Kombination aus Charles Ponzi, John Law und Kenneth Lay zu tun hatten.
„Betrug!“ schloss der Richter Mahoney und fuhr fort zu bestimmen, dass die Bank Daly keine gesetzmäßige Gegenleistung gegeben hat, sondern 14.000 Dollar aus dem Nichts gezaubert, und dass sie das getan hatte, ohne Rückhalt durch ein amerikanisches Gesetz oder Statut.
Und deswegen war die Bank verpflichtet, Mr. Daly sein Haus zu lassen. Und so hat Mr. Daly sein Haus behalten.
Hier geht es nicht darum, ob die Argumentation hinter diesem Fall richtig oder falsch war. Meine Fragen sind zahlreich, aber wesentlich einfacher.
Ich möchte wissen, warum es heute nicht viel mehr Dalys gibt, die verlangen, ihre Häuser behalten zu dürfen. Und warum es nicht mehr Mahoneys gibt, die sie lassen.
Warum hat ein kleines Gericht dieses Argument gelten lassen, während es abgesehen davon keine Spur in der amerikanischen Rechtsprechung hinterließ? Abgesehen von Richter Mahoney, haben die amerikanischen Gerichte jeden weiteren Versuch der Behauptung, dass der amerikanische Dollar nicht das gesetzmäßige, wertvolle Geld ist, für das ihn alle halten, zurückgewiesen. Aber wie wertvoll der amerikanische Dollar wirklich ist, das ist keine Frage für die Gerichte, sondern für die Märkte.
Der Euro, das Pfund, der kanadische Dollar, Öl und Gold haben in der vergangenen Woche ihr eigenes Urteil bekannt gegeben – sie sind alle im Vergleich zum Dollar in die Höhe geschossen. Und doch hört man von der breiten amerikanischen Masse keinen Mucks. Der Dollar mag im Ausland in Schwierigkeiten stecken, aber in der Heimat ist seine Anerkennung immer noch makellos. Benzin kostet vielleicht etwas mehr, die Heizkosten mögen steigen, aber bislang sind Milch, Eier und Bier noch nicht über das Budget der Massen gestiegen. Die Leute haben vielleicht ihre Zukunft gegen das Dach über ihren Köpfen mit Hypotheken belastet und ihre Seelen für ein wildes Durcheinander von Krediten verkauft, aber mit Immobilienpreisen, die sich weiterhin oben halten, und mit Aktien, die immer weiter nach oben drücken, ist der Teufel bislang noch nicht für die Rückzahlung vorbei gekommen.
Um dazu beizutragen, den Tag herauszuschieben, an dem er kommt, hat auch die Regierung im März 2006 stillschweigend aufgehört, die M3 Zahlen zu veröffentlichen. M3 ist das breiteste Maß der „Geldmenge“ in der amerikanischen Wirtschaft. Wenn die Menge an Geld steigt, dann steigen normalerweise auch die Verbraucherpreise. Unabhängige Analysten, die ein Auge auf diese Dinge haben, berichten, dass die grünen Scheinchen mit den höchsten Raten aller Zeiten in die Wirtschaft gepumpt werden. Mit 12% im Jahr, viermal so schnell wie das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts.
„Warum sind dann bislang die Preise für die Lebensmittel noch nicht gestiegen?“, werden Sie sich jetzt wohl fragen.
Die Antwort ist, dass die Leute mit dem meisten Geld, es an Orten verteilen, die weit von den Supermärkten entfernt liegen. Das Ersatz-Geld zirkuliert dieser Tage in den Kunsthäusern und –auktionen, den exotischen Ferienhäusern und Mietimmobilien, den Rentenfonds und Pensionen. Verbrieft und deriviert, gepackt und neu gepackt, wird es vom einen Ende des Globus an das andere Ende verliehen, und zwingt die Zentralbanker überall auf der Welt, die Druckerpressen in Gang zu setzen. Die daraus resultierende weltweite „Liquidität“ ist der Schiffsboden, auf dem die Preise für Vermögenswerte schwimmen und der diesen Boom so groß für diejenigen macht, die Vermögenswerte besitzen.
Aber diese Liquidität ist nicht anders als die “nicht-existenten” Gegenleistungen, die Mr. Daly von der First National Bank of Montgomery empfangen hat. Es war dieser wackelige Kredit, der in neue Instrumente wie CDOs gepackt wird, die so kompliziert sind, dass selbst ganze Teams von Mathematikern nicht in der Lage sind, sämtliche Auswirkungen und Komplikationen zu erkennen. In einem Wunder, dass mit jedem Galileis konkurriert, wurden eben diese öligen Brezeln der Schulden in erstklassige Anleihen verschlungen und an die Rentenfonds und institutionellen Investoren verkauft. Jetzt müssen die Käufer feststellen, dass das Fett ranzig geworden ist: Vergangene Woche haben die drei führenden Rating Behörden Schulden die an den wackeligsten Teil des Immobilienmarktes geknüpft sind – die minderwertigen Kredite – allesamt herabgestuft. Und unmittelbar darauf hat ein Hedgefonds bei Bear Stearns gekränkelt und ist dann vollständig gestorben, während ein Dritter 91% seines Kapitals aufgeben musste.
Ben Bernanke würde die Zinssätze gerne anheben, um den Dollar zu unterstützen und den amerikanischen Touristen zu helfen, aber er steht vor einer Liquiditätskrise in einem Derivate-Markt von 500 Billionen Dollar, und wird dreimal darüber nachdenken müssen, ehe er es tut. Aber die Zinssätze werden mit oder ohne ihn steigen. Kreditgeber fangen nun schließlich doch an, sich Sorgen zu machen.
Besorgt wegen der giftigen Schuldenpakete, lassen sich die Käufer einen weiteren Nachschlag entgehen. „Alle bis auf einen der 15 ABX-Indexe fielen auf einen Rekordtiefstwert“, heißt es in den Bloomberg-Nachrichten. Angebote von CDOs verstreichen „ohne Bieter“. Und verschiedene große Börsenangebote mussten zurückgezogen werden oder neu angesetzt, weil die Promoter besorgt waren, dass auch sie „ohne Bieter“ verstreichen würden.
Ich weiß nicht, ob es die First National Bank of Montgomery immer noch gibt. Aber wenn, dann wäre ich nicht überrascht, wenn ich erführe, dass sie bei der Vergabe von Krediten vorsichtiger geworden ist. Und die Dollarbesitzer überall auf der Welt greifen fester zu, in der Sorge, dass ihr fliegendes Geld davonfliegt.