Finanzmärkte: Was ist das? Eine Standardabweichung von 14!
Michael Vaupel in Traders Daily zum Thema Kapitalschutz
vom 14. Juli 2011, 12:00 Uhr
ENL5454
*** Ich erinnere an die "österreichische Schule" der Wirtschaftswissenschaft.
Diese ist der Ansicht, dass sich unsere Volkswirtschaft eben nicht in mathematischen Modellen ausdrücken lässt. Ganz anders die herrschende Meinung....da wird durch Dinge wie die Anwendung der Normalverteilung auf Erträge und Risiken suggeriert, alles sei kontrollierbar...
Dabei wird aber gnadenlos die Wahrscheinlichkeit von "schwarzen Schwänen" ignoriert. Das sind Ereignisse, die extrem selten vorkommen - wenn sie aber vorkommen, dann haben sie gewaltige Auswirkungen.
Der 11. September 2011 ist so ein Beispiel. In der Finanzwelt gibt es Dutzende.
Aktuelles Beispiel: Der Kurseinbruch bei portugiesischen Staatsanleihen.
Da berechneten Ökonomen der herrschenden Meinung Dinge wie eine historische wöchentliche Standardabweichung. Damit erhalten Kleinanleger den Eindruck, das Risiko sei unter Kontrolle. Schließlich gilt bei einer Normalverteilung, dass Abweichungen zu 99,7% INNERHALB einer Abweichung von 3 Standardabweichungen liegen.
Abweichungen von 4 Standardabweichungen oder sogar noch mehr sind laut der Normalverteilung EXTREM unwahrscheinlich.
*** Doch was ist das?
Die Volkswirte von HSBC Trinkaus (gute Männer, um Thomas Amend!) haben berechnet, dass die portugiesischen Staatsanleihen in einer Woche (fünf Handelstage) mehr als das 12fache der historischen wöchentlichen Standardabweichung verloren haben.
Dieses Ereignis ist so extrem unwahrscheinlich (laut Normalverteilung), dass es vielleicht alle 10.000 Jahre vorkommen sollte.
Es ist aber vorgekommen.
Genauso wie andere, angeblich extrem unwahrscheinliche Ereignisse.
Bedeutet dass, dass die Mathematik versagt, Normalverteilung, Standardabweichungen?
(Und hier ist es wieder, mein aktuelles Lieblingswort:) Mitnichten!
Auf die Mathematik ist Verlass.
Meiner Ansicht nach dürfen Dinge wie die Normalverteilung aber nicht bei Dingen wie Finanzmärkten angewendet werden. Denn das Risiko der Unterschätzung von Ausreißern (sogenannten "fat tails") ist da zu groß. Wie gerade gesehen. Standardabweichung von 12....
Mein Rat: Seien Sie gesund skeptisch, wenn Ihnen anhand von Kennzahlen wie "Value at Risk" suggeriert werden soll, das Risiko sei unter Kontrolle, der maximal mögliche Verlust würde sich beziffern lassen etc. pp.
Wir sind hier in keinem mathematischen Modell. Es gibt sie, die extremen Abweichungen. Zwar selten, aber eben nicht so selten, wie eine Standardabweichung von 12 suggeriert.
Im Grunde ist mein Rat noch einfacher auf den Punkt zu bringen: Benutzen Sie Ihren gesunden Menschenverstand.
Mit herzlichem Gruß!
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt / M.A.
Chefredakteur Trader´s Daily