Fette Katzen
Lynn Carpenter in Investors Daily
vom 13. August 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Im Zeitalter der Einführung der Eisenbahnen waren die großen kapitalistischen Firmenbosse wirkliche Schwergewichte. Diamond Jim Brady wog über 300 Pfund. J.P. Morgan wog kaum weniger. Fette Katzen.
Heute nennen sich die Barone der Geschäftswelt Vorstandsvorsitzende. Sie sind dünn und fit. Man kennt hochkarätige Gauner unter ihnen – Bernie Ebbers wurde in Handschellen abgeführt, Ken Lay hat angeblich nichts über die drohende Misere bei Enron gewusst. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs. Natürlich sind nicht alle Vorstandsvorsitzenden Verbrecher, aber viele sind sehr inkompetent.
Es gibt zwei Probleme, unter denen die Investoren heute wegen den Vorstandsvorsitzenden leiden: Überzogene Bezahlung für mittelmäßige Performance ... und die "goldenen Fallschirme", die die Vorstandsvorsitzenden erhalten, wenn sie das Unternehmen verlassen.
Der Job des heutigen Vorstandsvorsitzenden einer amerikanischen börsennotierten Gesellschaft ist es in erster Linie, den Aktienkurs zu erhöhen. Jetzt. Jedes Quartal. Und sie tun, was sie können, um den Kurs steigen zu lassen.
Aber wenn man sich die wichtigen Kennzahlen ansieht, dann sieht das Bild ganz anders aus. Bei den im S&P 500 enthaltenen Gesellschaften sind die Umsätze im letzten Jahr im Durchschnitt nur um 3 % gestiegen ... aber die Gesellschaften vermeldeten einen wunderlichen Anstieg der Netto-Gewinne von 19 %. Das ist keine Brillanz; das sind Buchungstricksereien.
Die Eigenkapitalrendite der S&P 500 Unternehmen sieht mit durchschnittlich 14 % recht ordentlich aus. Aber auch das ist schön gerechnet. Wenn die Gewinne nur doppelt so stark wie die Umsätze gestiegen wären – was wahrscheinlich näher an der Wahrheit wäre –, dann läge die Eigenkapitalrendite dieser Unternehmen eher bei 5 %!
Fazit: Die Performance auf Unternehmensebene ist bescheiden – im Gegensatz zur Performance auf Aktienkursebene. Aber das hat den Vorstandsvorsitzenden nicht wehgetan, trotz einiger Gehaltskürzungen und Entlassungen wegen Unter-Performance.
Burson-Marstellar haben eine Studie über die Bezüge der US-Vorstandsvorsitzenden angefertigt. Das Fazit: Der durchschnittliche Vorstandsvorsitzende erhält insgesamt in den USA 16,5 Millionen Dollar. Der durchschnittliche Wert dieses durchschnittlichen Vorstandsvorsitzenden für sein Unternehmen liegt allerdings bei nur 3 Millionen Dollar.
Ein großer Teil dieser Bezüge ist nur schwer feststellbar. Man muss schon die Fußnoten lesen, um die Bonuszahlungen, Aktienoptionspläne und sonstigen Bezüge der Vorstandsvorsitzenden herauszufinden.
Dank Jack Welch, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden von General Electric (GE), haben wir ein Zeitalter erreicht, in dem Vorstandsvorsitzende als Superstars gefeiert werden. Shareholder Value bedeutet demnach: "Lass den Aktienkurs steigen – egal, wie." Und Jack Welch hat das getan.
Um Splitts bereinigt ist die Aktie von GE von rund 4 Dollar pro Aktie im Jahr 1980 auf ein Hoch von 60 Dollar im Jahr 2000 gestiegen. Seitdem hat sie fast 50 % verloren.
GE konnte seine Gewinne pro Aktie in den letzten 10 Jahren um durchschnittlich 14,4 % pro Jahr steigern – allerdings mit einer Menge Bilanztricksereien. Ein Teil dieser zusätzlichen Gewinne kam aus den Pensionsfonds des Unternehmens. Ein anderer Teil kam durch die Verkäufe von "Tafelsilber" zustande.
Standard and Poors haben diese Sonderfaktoren herausgerechnet und erhalten so eine durchschnittliche Wachstumsrate für GE von 8,1 % – und nicht 14,4 %.
Aber selbst wenn Jack Welch real 14,4 % Gewinnwachstum geschafft hätte – die Bewertung der Aktie war einfach zu hoch. GE wurde durch Jack Welch zu einem Industrie- und Finanzkonglomerat gemacht. Und so ein Unternehmen sollte ein KGV von 14 bis 20 haben. Aber zu den Glanzzeiten von Jack Welch lag das KGV von GE bei 30 bis 50.
Die Investoren, die die GE-Aktie auf dem Topp gekauft haben, zahlen jetzt den Preis. Diese Story ist vorüber. Aber sie wird sich Hunderte Male in den nächsten drei oder vier Jahren wiederholen.
Egal, ob sie ihre Unternehmen wirklich verbessern oder nicht – die Vorstandsvorsitzenden werden wie Könige bezahlt. Selbst ein Vorstandsvorsitzender eines mittelgroßen Unternehmens verdient in den USA heute 475 Mal so viel wie seine durchschnittlichen Angestellten. Das ist ein beeindruckendes Gehalt für eine Person, die auch nur angestellt ist.
Wie ist es zu diesen Gehältern gekommen? Lassen Sie mich eine simple Frage stellen. Wenn Sie einen Fensterwäscher einstellen würden, und ihm sagen würden, er könne seinen Lohn selbst bestimmen – würde er dann sagen "8 Euro die Stunde?" Nein, er würde sich selbst 50.000 Euro zusprechen.
Das ist das Problem mit den Vorstandsvorsitzenden – sie bestimmen selbst die Höhe ihres eigenen Gehalts. All diese angeblich unabhängigen Aufsichtsräte und Komitees sind Sand in die Augen. Bei den Gesellschaften des S&P 500 sind 75 % der Vorstandsvorsitzenden auch Mitglieder des Aufsichtsrates. Das ist in den USA möglich. Und denken Sie wirklich, dass die Aufsichtsräte geizig sein werden, wenn es um das Gehalt des Vorstandsvorsitzenden geht (der gleichzeitig selbst im Aufsichtsrat sitzt)?
Und für einen Vorstandsvorsitzenden ist auch eine Entlassung – oder die Verabschiedung in den Ruhestand – ein gutes Geschäft. Der ehemalige Vorstandsvorsitzende von E*Trade, Christos Cotsakos, erweckte den Zorn der Aktionäre, als er sich selbst im Jahr 2001 Bezüge von 83 Millionen Dollar gewährte. Im Jahr 2002 "verzichtete" Cotsakos auf 20 Millionen Dollar seines Gehalts, da die Lage der Gesellschaft stagnierte und der Aktienkurs wieder fiel. Schließlich trat er zurück – aber er erhielt als Abschiedszahlung 4 Millionen Dollar, und weitere 5,1 Millionen Dollar pro Jahr. Garantiert.
Gleichzeitig erhielten die normalen Angestellten keine Garantien. Sie haben dafür aber jede Menge Belegschaftsaktien erhalten, die von 30 Dollar im Jahr 2000 auf 4 Dollar zu Beginn des Jahres gefallen sind.
Egal, was der nächste Vorstandsvorsitzende von E*Trade macht: Wenn Sie Aktien von E*Trade kaufen, dann sollten Sie bedenken, dass Sie Cotsakos 5,1 Millionen Dollar pro Jahr bezahlen, bis er stirbt. Und er ist erst 50.
Das bedeutet übrigens nicht, dass ich notwendigerweise gegen alle hohen Gehälter bin. Gute Gehälter für gute Leistung – das ist der "American way". Sogar das Vermögen von Bill Gates finde ich ok. Er hat das Risiko auf sich genommen, hat seine Zukunft voll auf Microsoft gesetzt und soll dafür belohnt werden. Ohne ihn gäbe es Microsoft in der heutigen Form nicht. Bill Gates hat es in seinem Leben geschafft, Microsoft von einem Startup zu einem Blue Chip zu machen ... und er hat Microsoft in mehr Länder der Welt eingeführt, als das McDonald's geschafft hat.
Jeder, der denkt, dass er das gleiche kann, soll seinen Preis nennen. Für den Rest von Euch Vorstandsvorsitzenden ... denke ich, dass man mit 3 Millionen Dollar pro Jahr Gesamtbezug mehr als zufrieden sein könnte. Und vielleicht 6 Millionen Dollar, wenn man sehr, sehr gut ist.