False Break oder Rally
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 19. August 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Nun zählt es: Rally oder false Break. War das gestern der letzte Tag, oder der erste ... Bricht nun alles zusammen oder geht es weiter auf 3600, 3700 ... 4000 Punkte? Ich weiß zwar, wohin die Börsen laufen sollten, aber ich werde mich nicht gegen charttechnische Signale stellen. Sollten die Amerikaner heute weitere Hochs ausbilden und im Plus schließen, dann steigt die Wahrscheinlichkeit, dass es deutlich weiter aufwärts geht.
Sollten die amerikanischen Indizes heute jedoch im Minus enden, könnte es erst mal wieder ein paar Tage zu fallenden Kursen kommen. Der Dow brach gestern zwar aus seiner Seitwärtsbewegung aus, diese entpuppte sich nun, sofern die gestrige Kerze das vorläufige Hoch bildet, als ganz leicht steigende Aufwärtsbewegung. Damit könnte sich dieser Bruch als ein "falscher Bruch", ein false Break, herausstellen. Leider passiert das recht häufig in Seitwärtsbewegungen.
Wenn nicht, geht die Rally weiter. Gründe? Nein, wirkliche Gründe für den starken Anstieg gibt es nicht. Aber trotzdem, den Bären brennen so langsam nicht nur die Tatzen, sondern ihr gesamtes Fell steht lichterloh in Flammen. Mir verbrennt nebenbei meine kleine Short-Position, die ich je nach heutigem Verlauf verkaufen werde. Aber auch der Euro macht mir Sorgen. Auf 1,106 Dollar ist er heute gefallen. Damit brach er die wichtige Unterstützung bei 1,11 Euro. Gleichzeitig verletzte der Euro auch noch seinen Aufwärtstrend. Sollte es hier zu einem nachhaltigen Bruch kommen, hat der Euro ein Kursziel von zunächst 1,05 Euro. Es droht sogar wieder Parität. Bei diesem Niveau sollte jedoch spätestens Schluss sein.
Natürlich wird der Euro nur soweit fallen, wenn die Börsen weiter steigen. Gut, tanzen wir weiter auf diesem Vulkan, auf dem die Bären sich gerade das Fell verbrennen, warum denn auch nicht. Für mich ist es eine leidliche Situation. Eine meiner Trading-Grundsätze ist, charttechnische Marken zu traden, die mit meiner fundamentale Einschätzung übereinstimmt. Das hat sich in den letzten Jahren als durchaus sinnvoll erwiesen.
Meine fundamentale Einschätzung zum Markt kennen Sie, aber die Charts sagen etwas anderes. Im kurzfristigen Bereich sind Charts natürlich einer Fundamental-Analyse immer überlegen.
Etwas bedenklich ist, dass jetzt auch die härtesten Bären bärchenweich gekocht sind. Heute schrieb mir ein Trader-Kollege: "Der Markt rennt und rennt und rennt. Ich könnte kotzen" (Entschuldigen Sie die Wortwahl, aber es ist ein Zitat). Weiter heißt es in dieser Mail: "Einige Aktien sehen nun wirklich bullish aus, schau Dir doch mal ...", dann folgten ein paar Zockerteile.
Selbst bearische Marktkommentatoren wechseln zusehends das Lager. Die Bullenkoppel füllt sich und es wird eng dort. Auf der Bärenseite stehen vereinzelt, verunsicherte Bären, die man so langsam an einer Hand abzählen kann. Endlich ist es auch in Europa soweit, alle werden/sind bullish. Ein guter Zeitpunkt Aktien zu kaufen? Ich kenne bessere ...
In einem Punkt bin ich mir sicher, wenn der Euro wirklich Parität erreichen sollte, kaufe ich größere Positionen. Wenn Gold weiter fällt nutze ich diese Gelegenheit ebenfalls. Ansonsten schau ich mir das Spektakel an. Allein wenn ich die hoffnungsfrohen Kurszielerwartungen für den Dax höre ...
Zum Schluss. Gerade kommt über die Ticker, dass in Bagdad ein großer Anschlag auf das Hauptquartier der Vereinten Nationen verübt worden ist. Nach diesem Anschlag drohte eine Terrorgruppe, sie werde weitere Anschläge auf ausländische Personen verüben.
Ich sagte ja, die Situation im Irak spitzt sich von Tag zu Tag zu. Erinnern Sie sich, wir befinden uns in eine "Nachkriegsrally!". Ein Krieg, der offenbar doch noch nicht zu Ende ist. Ein Grund für den Kursanstieg war, dass das irakische Öl nun der amerikanischen Wirtschaft zur Verfügung stehen sollte. Diese Einschätzung könnte sich als verfrüht herausstellen.