Falsche Argumentation
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 30. Juli 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Nein, nein. So geht es dann doch nicht. Als die Arbeitsmarktdaten hoch blieben, argumentierten die Optimisten, dass sich der Arbeitsmarkt schließlich zu einer konjunkturellen Erholung verspätet entwickelt. Das ist soweit auch richtig. Zuvor hatte ich in diesem Newsletter häufig genug darauf hingewiesen, dass es nicht um die Arbeitslosigkeit an sich gehe, sondern um die Verbraucher. Deren Konsumverhalten ist für eine US-Konjunkturerholung unabdingbar. Und die Verbraucher schränken ihren Konsum ein, sofern sie Angst haben, ihre Jobs zu verlieren. Sie fangen an zu sparen, um sich abzusichern. Das war der Punkt.
So weit so gut. Das Verbrauchervertrauen besserte sich auch langsam. Nun argumentieren die Optimisten nach dem gestrigen Einbruch des Verbrauchervertrauens: Ja, wenn die Arbeitszahlen schon nicht so relevant sind, dann sei es das Verbrauchervertrauen auch nicht. Denn das hänge ja schließlich direkt vom Arbeitsmarkt ab. Moment! Zwar geschickt argumentiert, aber leider ein kleiner, jedoch wichtiger Fehler drin.
Es hätte, wie ich nach dem Irak-Krieg ausgeführt hatte, so aussehen müssen: Nach dem Krieg steigt das Verbrauchervertrauen, die Verbraucher konsumieren schon einmal etwas mehr, in Erwartung einer besseren Konjunktur. Darauf steigen die Einkaufsmanagerindizes – die Produktion legt zu – die Produktionsauslastung steigt, dadurch werden neue Arbeitskräfte gebraucht – der Arbeitsmarkt verbessert sich, was wieder einen positiven Effekt auf das Verbrauchervertrauen hat. Ein aufwärtsgerichteter Kreislauf beginnt. Bisher hatte die Entwicklung auch diesen Charakter.
Der jetzige Einbruch im Verbrauchervertrauen liegt offensichtlich darin begründet, dass der Arbeitsmarkt "extrem" schlecht ist. Es macht sich die Sorge breit, dass angesichts der immensen Verschuldung der USA (siehe auch gestriger Beitrag zu den Bundesstaaten) die Regierung zunehmend handlungsunfähig wird. Zudem dürften sich einige US-Bürger fragen, was denn die Regierung bisher für eine Verbesserung auf dem Arbeitsmarkt getan hat.
Deswegen verlieren die US-Verbraucher das Vertrauen, dass der Staat diese Misere bewältigen kann. Sie werden also vermehrt versuchen, sich persönlich abzusichern. Das bedeutet: sparen und Schulden abbauen = weniger Konsum. Es knirscht im Getriebe. Aber das Argument, dass ein solcher Einbruch im Verbrauchervertrauen nun zu ignorieren sei, da es schließlich durch die miese Arbeitsmarktsituation bedingt sei, zäumt also nicht nur das Pferd von hinten auf, sondern versucht es auch noch falsch herum zu reiten.
Bleiben wir bei den Tatsachen. Dieser eine Wert hat natürlich für sich genommen noch kein großes Gewicht. Er könnte einer dieser Ausrutscher sein. Doch es ist ein Warnschuss. Ein Warnschuss, dass sich mehr Sand im Getriebe der konjunkturellen Erholung befindet, als viele im Moment glauben wollen. Sollten das Verbrauchervertrauen auf breiter Front einbrechen, und sich dann gleichzeitig der Arbeitsmarkt nicht deutlich verbessern, dann wird der Sand die konjunkturellen Motoren zum Erlahmen bringen.
So lange aber der Optimismus sehr groß ist, wird natürlich auf die Optimisten gehört. Ich zeige hier nur die fundamentalen Gesichtspunkten auf. Fundamentale Aspekte brauchen einige Zeit sich durchzusetzen. Sie sind etwas für langfristige Investoren. Kurzfristig hilft bei der Einschätzung der Märkte zumeist nur die Charttechnik oder vergleichbare Techniken.
Charttechnik beschränkt sich zumeist auf Aussagen wie: Wenn dies passiert, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Kurse dort hin laufen. Das vergessen einige. Charttechnik ist häufg ein: wenn, dann ... Konstrukt. Nichts anderes.
Im Moment sieht es im Nasdaq100 so aus: "Wenn" der Nasdaq100 die 1290 Punkte nachhaltig nach oben bricht, "dann" wird es sehr wahrscheinlich noch etwas weiter gehen. Trotz aller fundamentalen Bedenken. Wenn der Dax die 3500 bricht, gilt das Gleiche.