Fallende Zinsen = steigende Aktien? Das ist nicht die Regel!
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 20. September 2007 07:30 Uhr
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Wie oben gesagt, die Denkweise, dass fallende Leitzinsen automatisch steigende Aktien bedeuten, ist keine Seltenheit. Das gab es immer wieder, einfach, weil den Akteuren immer wieder erzählt wird, dass die Aktien steigen werden, sobald die Zinsen fallen. Was nun einmal nicht automatisch stimmt. Warum auch?
Die Gründe für steigende und fallende Leitzinsen
Steigen die Zinsen, warum tun sie es? Weil die Wirtschaft stark läuft. Und zwar so stark, dass sie aus dem Ruder zu laufen droht und damit so gut, dass die Unternehmen es sich leisten können, die Preise zu sehr anzuheben. Um Inflationsgefahren zu begegnen, bremsen die Notenbanken dann den Boom. D.h. die Zinsen steigen, weil ein zu gutes wirtschaftliches Umfeld für die Notenbanker existiert ... aber nicht zu gut für Aktionäre. Denn dieses Umfeld bedeutet steigende Unternehmensumsätze und –gewinne. Und das macht Aktien nun einmal attraktiv.
Warum senken Notenbanken wiederum die Zinsen? Weil sie gerade Zeit haben? Gemeinhin nicht. Sie tun es, um Verbraucher und Unternehmen den Konsum und Investitionen zu erleichtern – weil hier Steigerungen nötig sind, um ein ausreichendes Wirtschaftswachstum entweder zu erreichen oder zu erhalten. D.h. das passiert in einem Umfeld, in welchem die Unternehmensumsätze und –gewinne entweder stagnieren oder sogar fallen – und das ist negativ für den Aktienmarkt.
Die zwei Phasen der Reaktion auf Zinssenkungen
Dabei ist wichtig: Die Phasen steigender oder fallender Zinsen sind in zwei Phasen zu unterteilen. In der ersten Phase wird das jeweilige Problem bekämpft. Dabei sind die Effekte von Zinsveränderungen zeitverzögert, das darf man nicht vergessen. Es dauert in der Regel gute sechs Monate, bis sich der gewünschte Effekt zeigen kann ... oder eben auch nicht zeigt. Bis ein Ungleichgewicht behoben wird, dauert es meist gut ein Jahr. Das ist Phase 1.
Phase 1: Schwache Daten und noch keine Wirkung
In dieser Phase 1 existiert zwar bei Zinssenkungen die Hoffnung, dass alles in Kürze wieder gut werde, doch die negativen Nachrichten dominieren. Erinnern Sie sich daran, dass die überwältigende Mehrheit der Konjunkturdaten in den letzten Wochen in den USA ebenso wie hierzulande negativ ausgefallen waren!
Der negative Prozess ist bereits im Gange, die Zinssenkungen können aber erst viel später wirken. D.h. dass es wahrscheinlich ist, dass die Daten in den kommenden Monaten erst einmal noch deutlich schlechter werden und erst dann klar wird, ob die Zinssenkungen etwas ausrichten.
In dieser Phase pflegen die Kurse meistens zu fallen, und nicht selten stark. Denn gerade die Maßnahmen der Notenbanken machen klar, dass es ein Problem gibt – das meistens in der Zeit zuvor von den Marktteilnehmern einfach ignoriert wurde. So wie heute: Bedenken Sie, dass wir nur wenige Prozent unter den Allzeithochs der Aktienmärkte notieren!
Phase 2: Der Heilungsprozess greift
Erst in Phase 2 steigen die Aktienkurse dann fast immer. Denn jetzt werden die Zinsen zwar weiter gesenkt, aber nur, um eine begonnene Wende zu unterstützen. In dieser Phase sind die Verbesserungen der Lage erkennbar und die Hoffnung berechtigt, dass nun die Unternehmensumsätze und –gewinne zügig wieder steigen werden.
Aber: Wir stehen jetzt am Beginn der Phase 1. Sie sehen im Chart die Beispiele der letzten Jahre, in denen dieses Szenario wie beschrieben ablief.
Die Beispiele der letzten 10 Jahre
1998 senkte die Notenbank die Zinsen als Reaktion auf die Krise. Das führte zu wieder steigenden Kursen. Stimmt. Aber man darf nicht übersehen, dass damals die Kurse fatal eingebrochen waren, während wir jetzt nahe Allzeithochs notieren. Dass auf dem damaligen Niveau solch eine Maßnahme wirkt, ist klar. Sie sehen aber auch, dass die Zinsen danach angehoben wurden – und die Börsen trotzdem weiter nach oben liefen. Einfach, weil nun wieder ein Aufschwung da war.
Als die Aktien dann im Zuge der Millenniums-Blase Ende 2000 zu fallen begannen (das Hoch im S&P 500-Index kam ja weit später als das im Dax) senkte die US-Notenbank erneut die Zinsen, um gegen die befürchteten negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft anzugehen. Sie sehen, dass es nichts half.
Erst in der Phase 2 ab Ende 2002 ging es wieder bergauf. Aber nicht wegen der weiteren Zinssenkungen als solchen, sondern weil der Heilungsprozess, der durch die Zinssenkungen initiiert wurde, nun Wirkung zeigte.
In den zwei Jahren ab dem Sommer 2004 wurden die Zinsen wieder angehoben. Sie sehen, dass das dem Aktienmarkt nicht schadete. Denn die Zinsen gingen nach oben, weil ein stabiler Aufschwung existierte, der gut für Unternehmensgewinne und –umsätze war und damit gut für Aktien.
Der Fall 2001 – und das Szenario heute
Dass man auf eine überraschende Zinssenkung instinktiv mit steigenden Kursen reagiert, zeigt der Chartausschnitt aus dem Jahr 2001. Hier senkte die US-Notenbank im Januar überraschend die Zinsen, die Kurse schossen senkrecht nach oben. Ich erinnere mich, wie elektrisierend das für den Moment war ... bis man sich darüber klar wurde, dass das keines der Probleme einfach so beheben würde.
Danach ging es zunächst wieder nach unten, dann aber immerhin einen Monat nach oben, bevor die Baisse wieder voll zuschlug. Heißt das, wir dürften jetzt vier Wochen steigende Kurse erwarten?
Nein! Denn damals ließ die Hoffnung die Kurse danach steigen, weil eben diese Hoffnung vorher nicht da war. Diese Senkung war ja überraschend. Heute jedoch war nur das Ausmaß überraschend, doch nicht die Maßnahme selbst. Die Kurse sind doch seit dem 17.8. im Voraus auf diese Zinssenkung hin angestiegen. Diesen Monat der Hoffnung, der in 2001 der Senkung folgte, hatten wir schon!
Und was ist ab heute die Basis für Käufe?
Wer also glaubt, ab jetzt geht’s bergauf sollte dies bedenken ... und auch, dass es zuvor über vier am Stück Jahre bergauf ging. Wer auf dem Matterhorn steht und dort mitteilt, es sei an der Zeit, mal langsam einen Berg zu ersteigen, würde für Überraschung sorgen.
Sicher, eines muss man in der momentanen Situation bedenken: Das Wackeln der Konjunktur wird psychologisch momentan als erfreuliche Zugabe angesehen, damit die US-Notenbank auch ja brav die Zinsen senkt. Aber das ist halt dreimal dumm um die Ecke gedacht. Eine Krankheit zu begrüßen, damit der Doktor mehr lecker Pillen verschreibt, ist nicht wirklich vernünftig. Im Moment gilt:
Keine Krise? Hervorragend! Krise? Auch hervorragend, denn das heißt Zinssenkungen. Rezession vor der Tür? Noch besser, denn das heißt noch mehr Zinssenkungen. Ich meine, man sollte sich seine Gedanken machen, ob dieses denken schlau ist. Die Beispiele der Vergangenheit zeigen, dass dieses seltsame Denken gang und gäbe ist ... denn wer will nicht etwas zum Hoffen haben ... und sich doch meist als fataler Fehler erwiesen hat.
Die nächste Notenbanksitzung ist fern, die miesen Konjunkturdaten aber nah. Das ausquetschen der Bären ist nun auch erst mal erledigt, d.h. deren Eindeckungen werden nun als Kurstreiber fehlen. Was wird, wenn der die wahre Lage verzerrende morgige Verfalltermin vorüber ist, die Basis sein, um keine zwei Prozent unter Allzeithoch nun Aktien zu kaufen?

