Fahnenstangen: Achtung Eigendynamik!
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 16. Juli 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Fahnenstangen. Das sind nahezu senkrecht steigende Kurse. Für die weniger erfahrenen Anleger ein Füllhorn der Gewinne, deren Ausmaße betäuben. Rasant steigende Kurse machen blind und taub, lassen Anleger alle Warnsignale ignorieren und zaubern trügerische Bilder der Sicherheit und ewig steigender Kurse in die Köpfe.
Für erfahrene Anleger sind sie einfach nur das extremste und zuverlässigste aller Warnsignale, das Zeichen für die finale Rallye mit der anschließenden, unausweichlichen Konsequenz eines fatalen, weitreichenden und schnellen Kurseinbruches.
Wie Fahnenstangen entstehen
Wie kommt es zu diesen gegensätzlichen Sichtweisen? Nun, das ist ganz einfach erklärt. Diejenigen, die solche Fahnenstangen als solche nicht erkennen und die Hausse als einen Segen empfinden wissen nicht, wie die Börse wirklich funktioniert.
Ich habe Ihnen oben bereits dargestellt was passiert, wenn eine als stabil geglaubte Hürde fällt. Wir haben das Ergebnis an der Wall Street gesehen.
Zahllose Akteure müssen ihre Baissepositionen eindecken und beschleunigen den Kursanstieg dadurch, denn eindecken heißt kaufen. Andere – gerade Institutionelle - müssen ebenfalls einsteigen, weil sie nun gezwungen sind, aus Performancegründen mitzumachen. Und die Unerfahrenen steigen ein weil sie glauben, jetzt gehe die Party erst richtig los. Das ist der erste Schritt.
Doch die Sache bekommt eine Eigendynamik. Dadurch, dass während der Rallye immer wieder Leute aussteigen weil sie die Hausse am Ende wähnen und die Bären immer wieder versuchen, alleine wegen der Intensität der steigenden Kurse dagegenzuhalten, versiegt der Anstieg nicht. Denn die Bären müssen wieder eindecken, die Fonds weiter kaufen, die Aussteiger wieder einstiegen, solange es nicht markant nach unten geht. Da aber nicht alle sofort beim Ausbruch reagieren, sind meist für Wochen genug Akteure da, die jeden Rücksetzer nutzen müssen, um in den Markt hineinzukommen.
Bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Man kann ihn bei solchen Fahnenstangen nicht vorab ermitteln. Erst recht nicht das Kursniveau. Es gilt nur: Fahnenstangen sind von relativ kurzer Dauer, aber von hoher Intensität und weitreichendem Ausmaß. Käme es beim Dax jetzt zum Ausbruch, wären z.B. 8.700-8.800 in drei bis vier Wochen kein Wunder. Das wäre eine typische Zeitspanne und ein typische Größenordnung einer kleineren Fahnenstange. Eine große erwarte ich eher nicht. Und dann ist es plötzlich aus.
Sudden death – ohne klare Anzeichen des Endes
Es gibt kaum brauchbare Signale dafür ... das ist das mörderische an Fahnenstangen. Das einzige, was Hinweise liefern kann, ist das Kursverhalten innerhalb der Handelstage. Treten dauernd am Vormittag Gewinnmitnahmen auf, die dann in der zweiten Sitzungshälfte wieder aufgeholt werden, ist es meist noch nicht vorbei. Geht es aber ein paar Tage gleich morgens senkrecht nach oben und gegen Abend wird verkauft, könnte es kurz vor dem Ende sein. Aber das werden wir dann sehen ... wenn die Fahnenstange wirklich kommen sollte.
Der plötzliche Exitus ist übrigens ebenfalls einigermaßen logisch. Plötzlich gehen dem Markt die Käufer aus. Jeder, der reinwollte, ist drin. Jeder, der rein musste, ist drin. Und auf einmal geht es nicht mehr weiter. Das ist dann der Moment, wo sich dann alle mal vom täglichen Kursgeschehen lösen, sich umsehen und sehen könnten: Öl hoch, Dollar schwach, Konjunktur in den USA wackelig und die Quartalsbilanzen mau. Wenn es dann noch so aussehen sollte. Doch das ist nicht einmal nötig ... Fahnenstangen enden auch einfach so.
Alleine der Umstand, dass die Baissiers immer weniger werden, ja einige erklärte Bären sogar die Fronten wechseln, weil es immer und immer wieder daneben ging, birgt irgendwann ein Problem: Die, die eindecken müssen, sterben aus. Und die andern sind, wie gesagt, nun investiert. Es ist zudem ein Niveau erreicht auf dem die, welche ausgestiegen sind, beim besten Willen nicht mehr einsteigen wollen. Eine Frage der Kurshöhe und der Lage um die Aktien herum. Und dann geht es bergab.
Wer sich dessen bewusst ist, kommt meist glimpflich davon, weil er schnell reagiert. Wenn es mal länger als sonst in dieser Fahnenstange bergab geht, ist was faul. Doch wer meint, es könne ja gar nichts passieren, reagiert nicht, weil er denkt, das geht schon wieder nach oben. Für diese Anleger wird es teuer ... bitte gehören Sie nicht dazu.
Zwei meiner „Lieblings-Fahnenstangen“
Um Ihnen mal zu belegen dass das, was ich hier schreibe, nicht einfach nur Mumpitz bist, mal zwei Beispiele. Zuerst meine Lieblingsfahnenstange, der Nickel-Kurs. Kein Chart aus grauer Vorzeit. Nein, das, was Sie hier sehen, passiert jetzt.
Sie sehen (das ist zur besseren Übersicht ein Chart auf Wochenbasis): Der Aufwärtstrend des Nickels wurde immer steiler und steiler und ging im Januar dann in die senkrechte über. Die Fahnenstange war geboren.
Und plötzlich war es aus. Einfach so. Die unsichtbare Linie war erreicht, wo es nicht mehr weiter ging. Und es ist nicht so, dass Nickel vorher gesucht war und plötzlich riesige Überbestände einen niedrigen Preis rechtfertigen. Die Fundamentals haben sich nicht nachhaltig verändert. Und andere Metalle wie Aluminium oder Kupfer fallen keineswegs.
Nein, es ist die selbe Eigendynamik, welche die Kurse vorher so senkrecht nach oben getrieben hatte, die nun zu diesem unfassbaren Absturz führt – nur eben umgekehrt. Das sollten sich alle klarmachen die sich sagen: Ha, aber die sagen doch alle, der Dax sei nicht überbewertet. Mag sein ... wenn man lange genug an den Tabellen schraubt ... aber das hilft in diesem Fall absolut nichts!
Das zweite typische Beispiel ist der damalige Neue Markt. Heute heißt er TecDax ... aber ob ein anderer Name gegen Irrsinn schützt? Sehen Sie es sich an. Das Procedere war das selbe ... die Konsequenz ebenso.
Gut, Fahnenstangen treten nicht allzu oft auf. Und sie müssen keineswegs so extrem werden wie in diesen beiden Beispielen. Aber selbst, wenn sie kürzer dauern und weniger weit reichen ... für blutige Nasen bei vielen Akteuren reicht auch eine kleine Fahnenstange allemal ... mal sehen, ob sie kommt!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt
The Daily Observer

