EZB und Estland: Wer hat da gelacht?
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 6. August 2010, 12:00 Uhr
ENL5454
Herrlich.
Also bei der Europäischen Zentralbank (EZB) gibt es offensichtlich Entscheidungsträger mit Humor. Oder ist es eher unfreiwillig komisch? Oder ist einfach meine Ansicht dazu lächerlich daneben?
Um was es geht:
Diesen Sommer ging es unter anderem um die Frage, ob die Baltenrepublik Estland den Euro einführen darf.
Die EZB zeigte sich paternalistisch-skeptisch, äußerte „Bedenken". Besonders in Bezug auf die „Nachhaltigkeit der Inflationskonvergenz", insgesamt sei das Bild „gemischt". Letztlich gab man dann doch sein ok, die Bedenken würden keine Absage rechtfertigen.
Dabei - so meine unmaßgebliche Ansicht - hätten sich die Herren (Damen auch?) der EZB freuen können. Wirklich freuen können.
Denn mit Estland tritt zum 1. Januar 2011 durchaus ein „Musterländle" der Euro-Zone bei.
Während die EZB solche fragwürdigen Dinge tut wie griechische Staatsanleihen aufkaufen (letztlich wohl nur, um französischen und deutschen Banken Abschreibungen auf diese zu ersparen)...
...braucht Estland so gut wie gar kein ausländisches Kapital zur Finanzierung des Haushalts. 2007 war mal eine Anleihe fällig geworden. Das war es.
Der Grund: Die Esten betreiben eine sehr solide Haushaltspolitik. Jahrelang fuhren sie sogar Überschüsse ein. Und auch in den letzten beiden wirtschaftlich schwachen Jahren blieb das Haushaltsdefizit unter der Marke von 3% des BIP. Wer schafft das sonst in der EU?
Und zum Gesamtschulden-Stand: Der soll laut Maastrichter Vertrag unter 60% des BIP bleiben. Erfüllen nur noch wenige EU-Länder, darunter Luxemburg. Griechenland liegt im Bereich 100% des BIP. Auch Italien und Belgien in diesem Bereich, Deutschland je nach Berechnungsmethode im Bereich 70%.
Und wo liegt Estland? Dieses Land, über dessen Beitritt zur Eurozone die EZB „Bedenken" geäußert hat?
7,2% des BIP. Das ist alles. In Relation: Die USA nehmen derzeit pro Jahr rund 10% des BIP als Neuverschuldung aus.
Estland hat insgesamt weniger Schulden (alles gemessen am BIP, um nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen).
Auch bei der Inflation kann Estland mit aktuell rund 2% Inflation einen erfreulichen Wert vorweisen.
Sagen wir mal so: Wenn Estland nicht nur 1,34 Mio. Einwohner hätte, sondern 70 Millionen - es wäre das wirtschaftliche Rückgrat der EU.
Wir können dankbar sein, dass so ein Land mit dabei sein möchte. Es kann super Kennzahlen vorweisen, eine sehr solide Haushaltspolitik, kaum Schulden. Klasse. Mehr Länder davon.
Und die Herren von der EZB sollen sich nicht so wichtig machen...(oder war das Äußern der Bedenken wirklich nur „Show", hinter den Türen wurde laut gelacht und sich gefreut?)
So oder so: Herzlich willkommen, Estland!
(„Morituri te salutant", hätte ich beinahe geschrieben.)
Bin ernsthaft erfreut über den Beitritt Estlands. ("Ernsthaft erfreut"? Geht das überhaupt?)
Ich habe dieses Land 1991 besucht, als es seine Unabhängigkeit erstritt und meine volle Sympathie hatte. Estland gehört ganz einfach zu uns, keine Frage. Eine Kulturnation mit klasse Wirtschaftszahlen. Eine Bereicherung.
Es verbleibt in heiterer Gelassenheit und wünscht Ihnen ein angenehmes Wochenende:
Ihr
Michael Vaupel
Diplom-Volkswirt
Chefredakteur Trader´s Daily