EZB senkt Leitzins um 50 Basispunkte
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 05. Juni 2003 18:00 Uhr
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Nach doch eher langweiligen Börsentagen wurde die heutige Sitzung der EZB mit Spannung erwartet. Im Vorfeld kam es zu hitzigen Diskussionen und Spekulationen darüber, wie der Markt bei welcher Entscheidung der EZB reagieren werde. Doch trotz aller Spekulationen ereignete sich Überraschendes:
Zunächst einmal hat mich überrascht, dass sich Wim Duisenberg dem starken Euro, den Deflationsängsten und damit auch dem "Druck" aus Amerika gebeugt hat. Die EZB senkte die Zinsen um 50 Basispunkte. Eigentlich doch gut für die europäischen Börsen, sollte man denken. Naja, stimmt, aber ebenso schlecht für die amerikanischen Börsen. Deswegen kamen auch die US-Futures nicht so recht ins Laufen und würgten einen Kursanstieg in Europa unmittelbar ab. Das hat mich nicht so sehr verwundert.
Was mich hingegen wirklich verwunderte, der Euro stieg nach der Entscheidung. Er kletterte innerhalb kurzer Zeit um einen Cent auf über 1,18 Dollar. Leider wurde ich bei 1,1750 Dollar ausgestoppt. Dort hatte ich vorsichtshalber vor der Zinsentscheidung den Stopp gesetzt. Doch, dass der Euro steigt, hätte ich nur bei einer Zinssenkung von 25 Basispunkten erwartet. Nun gut, ein kleiner Gewinn und ein Trade gegen Soros gewonnen. Was will man mehr.
Doch nicht nur die Zinsentscheidung beflügelte den Euro. Ein weiterer Umstand wirkte sich verstärkend aus. Die Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten. Wie Sie ja wissen, hatten die amerikanischen Anleger gehofft, dass es endlich zu einer Zahl unterhalb der kritischen 400.000er Marke kommen werde. Zumindest sollte die positive Tendenz fortgesetzt werden, die sich in letzter Zeit gezeigt hatte. Analysten zeigten sich vorsichtiger und rechneten mit 420.000–426.000 Erstanträgen auf Arbeitslosenhilfe.
Aber das krasse Gegenteil war der Fall. Die Zahl verschlechterte sich auf 442.000 (!) Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe. Wie Sie vielleicht wissen, hätte gerade der Arbeitsmarkt nun neue Impulse geben müssen, um die letzten, sich verbessernden amerikanischen Konjunkturdaten zu untermauern. Diese Zahl zeigt jedoch deutlich, dass es mit der Konjunkturerholung in Amerika im Moment (noch ?) nicht so gut bestellt ist. Es ist ein herber Rückschlag für die Bullen und ich bin gespannt, wie diese Zahlen an den heißgelaufenen US-Märkten aufgenommen werden. Jeden Monat über 400.000 Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe, seit 15 Wochen. Das wird auch der amerikanische Wirtschaft nicht gefallen. Viel mehr als zum Beispiel die deutsche Wirtschaft ist Amerika vom Konsum abhängig. Diese schlechten Arbeitsmarktdaten haben auf den Konsum direkt zwei negative Auswirkungen:
Erstens: Diejenigen, die Arbeitslosenhilfe beziehen, fallen für den Konsum weg. (Dazu die, die immer mehr durch das eh schon magere soziale Netz Amerikas fallen, ich hatte davon berichtet) Zweitens: Die anderen werden wahrscheinlich ängstlich reagieren und ihre Sparraten erhöhen. So mehr Angst sie haben selber Opfer der Arbeitslosigkeit zu werden, so mehr Vorsorge werden die Verbraucher treffen. Das heißt: Sparen und Schuldenabbau. Dazu noch die sich verschlechternden Zahlen zur Suchdauer für einen neuen Job, diese sind auf ein neues 17 Jahreshoch gestiegen (!). Als Arbeitnehmer in Amerika würde mir langsam Angst und Bange werden.
Drittens kommt eine indirekte Wirkung hinzu: Diese anhaltend schlechten Arbeitsmarktdaten werden sich negativ auf das Verbrauchervertrauen auswirken. So wäre ich nicht überrascht, wenn dort in ein oder zwei Monaten erneut rückläufige Zahlen vermeldet werden, sofern sich dieser Trend auf dem Arbeitsmarkt weiter fortsetzt. Das wird sich dann wiederum auf die verschiedenen Einkaufsmanagerindizes negativ auswirken.
Der Euro läuft weiter hoch. 1,185 Dollar gerade (!) 1,5 Cent gestiegen! Das bedeutet es könnte heute ein wirklich schwarzer Tag an den Börsen werden.
Ach, eins noch zu den Arbeitsmarktdaten: Diese hohe Zahl heute lässt natürlich den Schluss zu, dass sich die Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe auch in den nächsten Wochen nicht unter der 400.000er Marke aufhalten werden ...
Und eine letzte Zahl, nach Angaben des Commerce Department sind die Fabrikaufträge im April um 2,4 % gesunken. Das ist der größte Rückgang seit November 2001. Im März war noch ein Zuwachs von 2,1 % gemeldet worden.
Doch wie werden sich die Börsen verhalten? Ich schrieb bereits mehrfach, dass sich die amerikanischen Bullen in einem Ausnahmezustand befinden. Gier und Euphorie beherrscht das Denken. Die Vernunft ist ausgeschaltet. So lange die Institutionellen nicht zum Bärenangriff blasen, werden die Märkte nur kurz runter gehen. Die amerikanischen Bullen werden sich über neue gute Einstiegskurse freuen. Kurse, die sie dachten bereits verpasst zu haben. Es ist also nicht auszuschließen, dass die amerikanischen Indizes doch wieder steil hoch laufen.
Ich werde jedoch die nächsten Tage mit Spannung beobachten und versuchen mich je nach Verlauf vorsichtig zu positionieren. Sollten die Märkte jedoch jetzt schon direkt wegbrechen, dann hätte der gestrige Tag wieder einmal ein typisches False Break (Falscher Bruch einer Widerstandslinie) generiert.
So, ich hoffe also, dass ich doch keine Bullenkappe überziehen muss, sie hätte mir arges Unwohlsein verursacht.
Zu dem Beitrag von gestern möchte ich heute noch einen Kommentar von Microsoft Chef Steve Ballmer hinzufügen. Eigentlich geht es in einem Brief an die Mitarbeiter von Microsoft darum, dass sowohl die gesamtwirtschaftliche Lage, wie auch das freie Programm Linux für den Konzern eine Herausforderung darstellen. Das ist aber nun wirklich nichts Neues. Viel interessanter fand ich einen Nebensatz: "Wenn ich mit unseren Geschäftskunden spreche, erkenne ich weniger Leidenschaft und Enthusiasmus für Technologie." Das meinte ich gestern, als ich von "Technologieverdrossenheit" sprach.