Explosive Mischung mit Risiko eines Selbstläufers
Von Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 18. Mai 2006 07:30 Uhr
ENL5454
Sehr geehrte Leserinnen und Leser,
Es ist schon eine recht ungewöhnliche Abwärtsbewegung, die wir dieser Tage an den Aktienmärkten sehen. Im DAX ist binnen fünf Handelstagen der Kursanstieg von dreieinhalb Monaten dahin geschwunden. Im japanischen Nikkei 220-Index ebenso wie im US-Index Standard & Poors 500 finden sich die Notierungen auf dem Niveau von Anfang März wieder. Mit den gestrigen Kursabschlägen sind in allen wichtigen Indizes weitere, kurzfristige Unterstützungen gefallen, so dass nunmehr die bearishste der gestern aufgezeigten möglichen Varianten greift: Ein fortgesetzter Kursrückgang nach einem gescheiterten Stabilisierungsversuch vom Wochenbeginn. Das bedeutet:
Zu allererst ist meine vor gut zehn Tagen geäußerte Erwartung, im Mai noch einmal steigende Kurse im Vorfeld einer umfassenderen Korrektur zu sehen, damit nicht mehr zu halten. Auch der Anlauf an die bisherigen Hochs ist für die kommenden Wochen nicht mehr realistisch. Denn alle in den letzten Tagen gebrochenen charttechnischen Auffanglinien wirken nun als Widerstände. Und mit dem gestrigen Minus liegen die unmittelbar nächsten Hürden, die sich einer kräftigen Erholung entgegenstellen, klar niedriger. Dazu kommt: Diese nächsten Unterstützungen haben bereits Relevanz für den mittelfristigen Trend!
Unterstützungen fallen wie Dominosteine
Was den DAX anbelangt, hat dieser nun die Zone 5.860/5.900 als Widerstandslinie über sich, während nach unten die Auffangzone 5.550/5.600 heute vormittag bereits touchiert wurde. Das sind die Zwischenhochs vom Januar bzw. ein Zwischentief vom Februar. Wenn diese Zone fällt, lauten die nächsten Haltepunkte 5.300 und 5.150 – und letztere Marke ist bereits die längerfristige Aufwärtstrendlinie von Anfang 2003!
Der S&P durchbrach gestern die Aufwärtstrendzone 1.278/1.287, die nun als Widerstand wirkt, während nach unten eine recht markante Unterstützungszone bei 1.245/1.250 liegt (Zwischenhochs vom Sommer und ein Korrekturtief aus dem Dezember 2005). Und Achtung: Der für längerfristige Anleger als wichtige Indikation dienende 200 Tage-Durchschnitt liegt beim DAX bei 5.400, im S&P 500 bei 1.257!
Es ist damit zu erwarten, dass, wenn diese nächsten Auffangzonen und dann auch noch die 200 Tage-Linien fallen, auch die längerfristig orientierten Anleger und zunehmend auch institutionelle Anleger (Fonds, Rentenkassen etc.) aussteigen. Und sich diesem dann unter großen Umsätzen verstärkten Verkaufsdruck kaum jemand entgegenstellen kann - und will. Und doch – das Ganze läuft bislang recht seltsam ab, denn:
Dass die gestrigen, etwas ungünstiger als erhofft ausgefallenen US-Verbraucherpreise nicht positiv zu interpretieren waren, ist unbestritten. Noch sitzt die Zinsangst in allen Ritzen und selbst nicht wirklich super-negative Daten wie eben gestern können größere Verkäufe bewirken. Doch ein solcher Einbruch im DAX nach bis zum Mittag noch freundlicher Tendenz ist doch ungewöhnlich: Das Tageshoch lag bei knapp 5.900, das Tagestief – zugleich Schlusskurs – bei nur noch 5.653 – eine Spanne von 250 Punkten! Und heute ging es zeitweise erneut kräftig bergab. Warum diese extremen Reaktionen?
Die Baisse nährt die Baisse
Vor allem dürfte dies daran liegen, dass bis jetzt Gegenreaktionen ausbleiben. Die Baisse nährt die Baisse: Nach den schwachen Tagen der Vorwoche wird es immens vielen Marktteilnehmern mulmig. Denn immerhin liegen im DAX jetzt – was den reinen Indexstand betrifft – alle im Minus, die seit Ende Januar eingestiegen sind. Eine normale Reaktion ist: ‚Ich warte die nächste Aufwärtsreaktion ab, um noch zu halbwegs guten Kursen rauszukommen’. Was, wenn das alle denken?
Die explodierten Rohstoffpreise, die sich zum Unmut der Akteure trotz erster, scharfer Abverkäufe auf ihren hohen Niveaus noch weit stabiler halten als die Aktien, das ewige Thema weiterer Zinserhöhungen (ob diese nun faktisch die Landschaft verändern oder nicht), die Sorge um schwächere Unternehmensgewinne, wenn denn weitere Zinserhöhungen ausbleiben würden ... wie man es dreht, im Moment wird beherzt in die Jammerharfe gegriffen. Hinzu kommt natürlich, dass die selben Marktkommentatoren, die noch vor zwei Wochen neue Rekordkurse propagierten, jetzt ihr Fähnchen nach dem Wind drehen und erklären, dass sie schon immer gesagt hätten, dass Korrektur überfällig sei.
Explosive Mischung mit dem Risiko eines Selbstläufers
Es hat sich seit letzter Woche nichts tiefgreifendes in den fundamentalen, ökonomischen Rahmenbedingungen der Aktienmärkte verändert. Die Risiken waren schon vorher da, die Chancen ebenfalls die selben. Aber jetzt, da die Kurse fallen, wird es den Akteuren plötzlich bewusst! Sicher – wenn alle schwarz sehen ist das genauso ein Kontraindikator wie zu viel Euphorie im Markt. Sprich: Dann kann es ja wieder aufwärts gehen. Aber das gilt nicht von heute auf morgen. Und die Kombination aus 1. plötzlichem Umschwung zu rabenschwarzer Stimmung, daraus resultierend 2. die fehlende Bereitschaft auf diesem Niveau die Hand zum Kauf aufzuhalten oder gar neu einzusteigen und 3. die große Menge derer, die hoffen, dass eben dies geschieht um aussteigen zu können, ist eine explosive Mischung. Verstärkt durch die hohe Bedeutung der nächsten charttechnischen Unterstützungen kann dies bedeuten:
Die Lage wirkt aktuell so extrem bearish, dass eine markante Gegenreaktion nach oben rein sentimenttechnisch (also vom als Kontraindikator wirkenden Stimmungsbild her) relativ bald erfolgen kann. Aber: die vorgenannte explosive Mischung kann die momentane Abwärtsbewegung in einen Selbstläufer verwandeln der derart viel Druck nach unten macht, dass diese zeitlich nahe Gegenreaktion auf einem viel tieferen Niveau starten könnte.
Bitte beachten: Es kann auch anders kommen!
Bitte verstehen Sie mich dabei nicht falsch: Ich bin weder ein bullish noch bearish auf die Welt gekommener Mensch. Ich habe mich auch nicht gegenüber vor zwei Wochen vom Bullen zum Bären gewandelt. Ich gebe einfach die Lage wieder, so wie sie sich darstellt – und diese kann sich an den Börsen nun einmal schnell verändern. Diese Analyse gibt nur Möglichkeiten wieder, zeigt veränderte Einflussfaktoren auf. Es muss nicht zu diesem sehr negativen Szenario kommen, das ich Ihnen heute aufgezeigt habe. Aber Sie sollten wissen, wie das „worst case“-Szenario aussehen könnte. Für den Dax ließe sich z.B. aus vorgenannten Aspekten ableiten: Bleiben Gegenreaktionen nach oben weiterhin aus, können 5.300, im Extremfall sogar kurzzeitig 5.150 Punkte schnell erreicht werden – binnen zwei oder drei Wochen. Aber: Es muss nicht dazu kommen – ich werde die kommenden Tage ein spezielles Augenmerk auf die Aktienmärkte behalten und regelmäßig berichten.
Beste Grüße und bis morgen!
Ronald Gehrt
PS: Ab Anfang kommender Woche ist es soweit: Ich kann ihnen im Daily Observer dann auch Charts präsentieren. Ich freue mich darauf, Ihnen meine Berichte dann viel anschaulicher darstellen zu können!