EUR/USD - Buy the rumor, sell the fact
Sven Weisenhaus in Wave Daily zum Thema Devisen & Devisenhandel
vom 10. Juni 2011, 13:00 Uhr
ENL5454
Nach der irren Berg- und Talfahrt in den Indizes am vergangenen Freitag gab es nun auch eine recht heftige Bewegung in den Euro-Währungspaaren. Wie kam es dazu?
Renten-Skandal - Ein weiteres Beispiel für die Misswirtschaft der griechischen Regierungspolitik
Sie haben es sicher schon mitbekommen. Weil Griechenland nicht wie geplant im kommenden Jahr an den Kapitalmarkt zurückkehren kann, wird an einem zweiten Rettungspaket gearbeitet. 90 Milliarden Euro schwer soll es werden, nachdem das erste bereits 110 Mrd. Euro betrug.
Über einige Details der Geldverschwendung in Griechenland hatte ich in der Vergangenheit bereits berichtet. Inzwischen ist bekannt geworden, dass Rentenzahlung an über 4.500 verstorbene Bedienstete im öffentlichen Dienst geleistet wurden, was die Steuerzahler jährlich mehr als 16 Millionen Euro kostet. Ein weiteres Beispiel also für die Misswirtschaft in der griechischen Regierungspolitik. Und das schlimmste: Das Problem ist der chaotischen Verwaltung des Landes laut Medienberichten schon seit fast einem Jahr bekannt.
Griechisches Wirtschaftswachstum deutlich geringer als erwartet
Dazu passen auch die jüngsten Daten zum Wirtschaftswachstum im hoch verschuldeten Griechenland. Das Bruttoinlandsprodukt ist zu Jahresbeginn deutlich schwächer gewachsen als zunächst angenommen. Es legte von Januar bis März lediglich um 0,2% im Vergleich zum Vorquartal zu. In einer ersten Schätzung war noch von einem Plus von 0,8% die Rede, wie ich Ihnen in meinem Beitrag vom 18. Mai berichtete. Auch verglichen mit dem Vorjahr brach die Wirtschaftsleistung mit 5,5% stärker ein als zuvor mit 4,8% angegeben. Insgesamt geht die EU-Kommission davon aus, dass die griechische Wirtschaft in 2011 sogar um 3,5% schrumpfen wird. Hoffen wir, dass sich Griechenland "gesund schrumpft".
Portugiesisches Wirtschaftswachstum leicht besser als erwartet
In Portugal ist der Rückgang der Wirtschaft auch schon im Quartalsvergleich sichtbar. Im ersten Quartal habe sich die Wirtschaftsleistung um 0,6% reduziert, teilte die Statistikbehörde in Lissabon mit. Für Portugal waren die Erwartungen mit einem Minus von 0,7% etwas niedriger, wie ich ebenfalls im Beitrag vom 18. Mai berichtete. Zudem schrieb ich: "Auch für die kommenden Quartale werden Zahlen im negativen Bereich erwartet." Diese Einschätzung wird auch durch die aktuelle Prognose der EU-Kommission bestätigt, wonach die Wirtschaft in diesem Jahr insgesamt um 2,2% und 2012 um 1,8% schrumpfen wird.
Preisdruck auf vorgelagerter" Ebene bleibt in Europa hoch
Zu den schlechten Daten zum Wirtschaftswachstum gesellten sich auch noch neue Daten zur Inflation in Europa. Der Erzeugerpreisindex der Industrie stieg im April 2011 im Vergleich zum Vormonat im Euroraum (ER17) um 0,9% und in der EU27 um 1,0% an. Im März nahmen die Preise um 0,8% bzw. 1,2% zu.
Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahresmonat erhöhten sich die Erzeugerpreise im Euroraum um 6,7% (März 6,8%) und in der EU27 um 7,8%.
Der Preisdruck auf "vorgelagerter" Ebene bleibt also hoch, während er auf Konsumentenebene weiterhin bislang nur leicht erhöht ist.
EZB-Leitzinserhöhung im Juli nimmt Formen an
Vor dem Hintergrund der zuvor genannten Fakten ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins auf ihrer gestrigen Sitzung wie erwartet bei 1,25% beließ. In der folgenden Pressekonferenz sprach EZB-Präsident Jean-Claude Trichet jedoch angesichts der hohen Inflationsrate von "großer Wachsamkeit". Mit diesen Worten hatte der Franzose bereits in der Vergangenheit bevorstehende Leitzinserhöhungen signalisiert, so dass die (nicht nur von mir erwartete) Erhöhung im Juli immer mehr Formen annimmt.
Im April hatte die Zentralbank mit der ersten Erhöhung seit Sommer 2008 den Ausstieg aus der außergewöhnlichen Liquiditätsversorgung eingeleitet.
Buy the rumor, sell the fact
Normalerweise macht die Aussicht auf eine höhere Verzinsung im Euroraum die Gemeinschaftswährung attraktiver, weshalb insbesondere gegenüber dem US-Dollar mit höheren Notierungen des Euros zu rechnen gewesen wäre. Allerdings gab der Euro im Anschluss an die Zinsentscheidung, nach einer nur sehr kurzen Aufwärtsbewegung, gegenüber dem Dollar recht massiv ab.

(Quelle: CFX-Broker) EUR/USD, Candlestick-Chart, 1-Minuten-Kerzen, Kursverlauf am 9. Juni 2011
Anscheinend hatte der Euro diese Entwicklung jedoch bereits eingepreist, daher lassen sich die Kursverluste wohl mit dem Sprichwort "buy the rumor, sell the fact" begründen.
Ein weiterer Grund für die Euro-Schwäche
Andererseits kann eine weitere Straffung der Geldpolitik die Krise in den hoch verschuldeten Ländern der Euro-Zone verschärfen, was ebenfalls auf den Euro drückend wirken kann. Zwar müssen sich diese Länder aktuell nicht am freien Markt refinanzieren (wegen dem Rettungsschirm) und ein höherer Leitzins hätte somit keine unmittelbaren Folgen für ihre Zinskosten, ein höherer Leitzins verteuert allerdings auch die Kredite an Unternehmen und Verbraucher, was das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum in den Krisenstaaten ausbremsen könnte.
Was hat sich durch die jüngste Entwicklung in EUR/USD getan?
Am 23. Mai hatte ich das EUR/USD-Währungspaar zuletzt analysiert. Stellt sich also die Frage, was sich seitdem durch die jüngsten Entwicklungen charttechnisch getan hat. Doch zunächst möchte ich noch auf einige weitere Konjunkturdaten eingehen, die ebenfalls eine enorme Wirkung auf den Euro bzw. den Dollar haben können.