Europas 2010-Plan
J. Christoph Amberger in Baltimore in Traders Daily
vom 17. November 2004 12:00 Uhr
ENL5462
In Lissabon versprachen die berühmtesten europäischen Würdenträger im Jahr 2000, dass die EU bis zum Jahr 2010 erwachsen sein würde:
Nicht nur, dass die dominierenden moralischen Qualitäten – die sich von Europas pietistischem Pop-Pazifismus ableiten – es möglich machen würden, dass die Europäer auf dem Wasser wandeln könnten. Auch wirtschaftlich würde Europa größer und besser und erfolgreicher als die USA sein.
Das jugendliche Verlangen, mit den Eltern zu brechen und es besser als sie zu machen, ist – natürlich – ziemlich gesund und empfehlenswert. In der westlichen Welt ist das die treibende Kraft hinter dem Fortschritt. Leider allerdings braucht es dazu mehr als bloße Unabhängigkeitserklärungen. Und oft zieht ein schmollender Jung-Erwachsender zurück zu Mama ...
*** 6 Wochen vor Halbzeit auf dem Weg zum Jahr 2010 sieht die EU ein bisschen so aus wie ein 28-jähriger Geschichtsstudent, der seine Sachen packt, um nach Hause zurückzuziehen. Was bisher erreicht worden ist, ist weniger als beeindruckend.
Ein Euro-Mitgliedsstaat scheint sich mit gefälschten Schuldenzahlen an den EU-Hohepriestern vorbei in den Euroclub geschlichen zu haben. Ein halbes Dutzend anderer Länder – die zusammen 80 % der EU-Wirtschaftsleistung ausmachen – haben die Fundamente der gemeinsamen Währung ignoriert, sie haben Haushaltsdefizite, die in Relation denen der Bush-Administration entsprechen. (Und bis jetzt sind sie damit durchgekommen!)
Die Euro-Blase droht nun, die durch den Export getriebenen Außenhandelsüberschüsse in Defizite zu verwandeln. Kommentaren haben herausgefunden, dass jeder Cent, den der Euro an Wert gewinnt, den Chemiegiganten BASF 120 Millionen Euro Umsatz kostet. Es ist Zeit, zu handeln! Ein Sündenbock muss gefunden werden! Und zwar schnell!
Glücklicherweise wissen die Europäer, wo sie den suchen müssen: Wie alles von Klimawandel bis zu lokalisierten Ausbrüchen von Katzen-Inkontinenz muss das die Schuld der USA sein!
Gestern erhob Jean-Claude Juncker, Luxemburgs Premier- und Finanzminister, den Zeigefinger: "Wir wollen, dass die USA eine Politik des starken Dollars verfolgen." Und Frankeichs Finanzminister Nicolas Sarkozy wrang seine Hände und sagte: "Wir machen uns Sorgen über diese Entwicklungen, die destabilisierend wirken, und die zur Akkumulation von Defiziten durch unsere amerikanischen Freunde führen."
Bien sûr! Schließlich gibt es da das 413 Milliarden Dollar schwere US-Haushaltsdefizit. Und dann gibt es da das US-Leistungsbilanzdefizit.
*** Natürlich kann man die Jahre – historisch gesehen – an einer Hand abzählen, in denen die USA nicht nur einen Haushaltsüberschuss, sondern auch eine positive Handelsbilanz hatten. Und die Euro-Experten wollen in Wahrheit niemals eine positive US-Handelsbilanz ... weil das bedeuten würde, dass sie selbst mehr importieren als exportieren würden.
(Außerdem hört man fast nie, dass der niedrigere Dollar die jüngsten Rohstoffpreissteigerungen etwas abgemildert hat, wenn man seine Rechnungen in Euro oder Yen bezahlt!)
Natürlich könnte die EU die Entwicklung ihres 2010 Lissabon Überlegenheitspakt beschleunigen, wenn sie die Steuern senken und Anreize für Investitionen schaffen würde, teure Subventionen abbauen und den Arbeitsmarkt wirklich reformieren würde ... oder auch ihre Geldpolitik ändern würde. (Kurzfristig könnte die Europäische Zentralbank das tun, was die Bank of Japan bis April 2004 getan hat ... Dollar kaufen.)
Aber ein großer Teil der deutschen Politiker aller Richtungen schürt stattdessen öffentliche Paranoia über "überbezahlte Zahnärzte" als der Wurzel allen Übels im öffentlichen Gesundheitssystem seit Mitte der 1980er. Außerdem können europäische Politiker nichts falsch machen, wenn sie den USA Vorwürfe machen.
Mit herzlichem Gruß,
Ihr
J. Christoph Amberger,
Executive Publisher, The Taipan Group
Artikel weiterempfehlen