Europäischer Anleihenmarkt 2012
Thomas Kallwaß in Devisen-Monitor
vom 10. Januar 2012, 08:30 Uhr
ENL5454
2011 war ein aufregendes Jahr selbst für Anleihen-Investoren. Doch 2012 wird mindestens genauso turbulent verlaufen. Viele europäische Staaten werden sich wieder an den Finanzmärkten Geld pumpen müssen, viel Geld. Während die Euronationen in den Jahren 2009 und 2010 Staatsanleihen im Umfang von 932 beziehungsweise 952 Milliarden Euro ausgaben, schrumpft das Volumen im kommenden Jahr auf schätzungsweise auf 794 Milliarden Euro. Diese Schätzung umfasst jedoch nur diejenigen Kapitalmarktinstrumente, die eine Laufzeit von mehr als zwei Jahren aufweisen.
Ein beträchtlicher Teil der Anleiheemissionen wird damit gar nicht erst erfasst. Zum Beispiel Deutschland emittiert in diesem Jahr immerhin ein gutes Drittel all seiner Anleihen mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren.
Erstes Quartal 2012 könnte zur Achillesferse werden
Der Start ins Jahr 2012 wird für die Euroländer wieder zur Zitterpartie. Denn vom 2012 geplanten Gesamtvolumen sollen fast 60 Prozent in der ersten Jahreshälfte platziert werden. 236 Milliarden Euro davon allein im ersten Quartal. Auf Deutschland entfallen in diesem Zeitraum 43 Milliarden Euro. Zusätzlich sollen Schatzanweisungen im Wert von 21 Milliarden Euro ausgegeben werden - das sind Anleihen mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren.
Spitzenreiter beim Gesamtvolumen wird Italien mit 220 Milliarden Euro.
Deutschland nimmt weniger Schulden auf
Deutschland plant Neuemissionen im Volumen von 250 Milliarden Euro. Das sind 25 Milliarden Euro weniger als in diesem Jahr. 170 Milliarden Euro werden in Form von mittel- und langfristigen Anleihen emittiert, während die restlichen 80 Milliarden über kurze Laufzeiten von bis zu 12 Monaten finanziert werden sollen. Die vorläufige Haushaltsplanung sah eigentlich eine Kapitalaufnahme von 302 Milliarden Euro vor. Dass jetzt weniger Kapital aufgenommen werden muss, erklärte die deutsche Finanzagentur mit der guten Haushaltsführung und höheren Steuereinnahmen. Bereits im vierten Quartal 2011 konnte die Bundesrepublik ihren Finanzbedarf um 16 Milliarden Euro reduzieren und nahm vergleichsweise moderate 52 Milliarden Euro auf.
Bund richtet seine Finanzstruktur mittel- und langfristig aus
Mit den stark sinkenden Zinsen im zweiten Halbjahr 2011 ist eine Verschiebung der Finanzstruktur des Bundes erkennbar. Denn von geplanten Neuemissionen in diesem Jahr haben „nur" 55% eine Laufzeit von weniger als 5 Jahren. Vor einem Jahr wurde noch mit einem Kurzläufer-Anteil von 64% an allen Neuemissionen geplant. Das Gewicht verschiebt sich also in Richtung mittel- und langfristige Anleihen. Deutschland sichert sich mit der Verlagerung auf längere Laufzeiten das momentan historisch niedrige Zinsniveau für die nächste Dekade.