Europa kommt nicht zur Ruhe
Cindy Bach in Insider Daily zum Thema Börse
vom 12. September 2011, 14:30 Uhr
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Europa kommt nicht zur Ruhe, vielmehr lassen die Akteure derzeit eine Bombe nach der anderen platzen. Am Freitag trat der als harter Geldpolitiker geltende EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark aus "persönlichen Gründen" zurück. Hinter dieser noblen Formulierung dürfte sich jedoch alles andere als ein privater Hintergrund verbergen. Stark gehört zu den wildesten Kritikern der Staatsanleihenaufkäufe, mit denen die EZB seit Mai 2010 europäische Problemländer wie Griechenland stützt. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge sollen eben diese Staatsanleihenkäufe auch der Grund für Starks Abgang sein. Es solle vielmehr das tiefe Zerwürfnis innerhalb der EZB über die neu aufgenommenen Ankäufe von Staatsanleihen verbergen.
Wie dem auch sei: Der Rücktritt kam überraschend und verunsichert natürlich die ohnehin angeschlagenen Aktienmärkte. Der DAX schloss am Freitag rund 4% im Minus, der Dow Jones schloss 2,7% tiefer bei 10.992 Punkten.
Auch heute geht die Talfahrt weiter: Nachdem der chinesische Hang Seng gut 4% im Minus aus dem Handel ging, verlor Japans Nikkei zeitweise sogar fast 3%, konnte sich dann aber im Handelsverlauf etwas erholen und schloss gut 2,3% schwächer als am Freitag. Ob das dem DAX im Tagesverlauf auch gelingt bleibt fraglich. Im frühen Handel gab der deutsche Leitindex erneut deutlich nach und sackte zeitweise sogar auf 4.993 Punkte ab.
Die Börsenakteure rund um den Globus sorgen sich, die Europäer könnten ihre Schuldenkrise doch nicht in den Griff bekommen. Gerade erst musste Griechenland auf Druck von Europäischen Union, Internationalem Währungsfonds und der EZB neue Sparmaßnahmen verkünden. Eine neue Immobiliensteuer soll der pleitebedrohten Regierung zusätzliche Milliarden in die Kassen spülen. Dennoch mehren sich die Sorgen, dass eine Pleite nicht mehr abzuwenden ist. Hier wären wir bei Bombe Nummer zwei innerhalb von nur zwei Handelstagen.
Pleite Griechenlands wird in Berlin bereits durchgespielt
Die deutsche Bundesregierung schließt nämlich jetzt offiziell eine Griechenlands als Option zur Rettung des Euro nicht mehr aus. Mitarbeiter aus dem Gremium von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sollen laut der Zeitschrift "Spiegel" bereits verschiedene Szenarien durchrechnen. Auch Koalitionspartner FDP hält eine Pleite nicht mehr für unmöglich. "Um den Euro zu stabilisieren, darf es keine Denkverbote geben. Dazu zählt notfalls auch eine geordnete Insolvenz", schreibt FDP-Chef Philipp Rösler in der "Welt". Damit denkt man in Berlin erstmals laut über eine Insolvenz des hoch verschuldeten Euro-Partners nach. Bislang war das offiziell nicht als Option gesehen worden, weil man unabsehbare Folgen für das internationale Finanzsystem erwartete. Was hat die Wende gebracht?
Der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos brachte am Wochenende Zahlen auf den Tisch, die zeigen, dass Griechenland seine Schuldenkrise auch mit Hilfspaketen einfach nicht in den Griff bekommt. Venizelos musste eingestehen, dass die griechische Wirtschaft stärker schrumpft als erwartet. Statt mit einem Minus von 3,8% rechnet er nun für 2011 mit einer verringerten Wirtschaftsleistung von mehr als 5%. Sanierungswille sieht einfach anders aus. Es könnte also durchaus ein stürmischer September werden.
Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die neue Börsenwoche.
Ihre
Cindy Bach
P.S.: Ich bedanke mich schon jetzt vorab bei allen Lesern, die auf den Gastbeitrag von Jürgen Schmitt reagiert und mir einen entsprechenden Kommentar haben zukommen lassen. Es waren wieder jede Menge aufschlussreiche Beiträge dabei. Eine Auswahl lesen Sie in der morgigen Ausgabe.
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Albert Karl (12.09. 2011 18:57 Uhr):
Verehrte Frau Bach, Ihren Artikel habe ich mit viel Aufmerksamkeit gelesen. Der Euro werde gerettet, koste es, was es wolle. Wenn ich mir vorstelle, was die versuchte Rettungsaktion bisher an astronomisch hohe Geldsummen verschlingt und noch viel mehr kostet: Glaubwürdigkeit, weil Verträge und Zusagen gebrochen werden. Und sie kostet Europa, - wenn Sie so wollen - , die Zukunft, weil es seinen wirtschaftlichen Halt verliert. Jetzt traut sich sogar unser neuer Bundeswirtschaftsminister bzw. FDP-Chef Philipp Rösler aus seiner Deckung in dem er eine geordnete Insolvenz aufzeigt. "Um den Euro zu stabilisieren, darf es keine Denkverbote geben", hat er wohl heute gesagt. Ja hatten die Herren denn vorher dann Denkverbote? Und wo war H.Rösler oder sein Vorgänger, als wir einen solch längst fälligen Schritt schon Mitte letzten Jahres erwartet hätten? Und der FDP-Chef Rösler erspart es sich rundweg, sein Reden und Denken der Wirtschafts- und Finanzkrise anzupassen; er spricht im Präsens und denkt im Imperfekt. Kurzum: In Zeiten größter Herausforderungen zeigt das Spitzenpersonal des Staates intellektuelle Sparsamkeit. Damit kommt das Land nicht weit. Die Politik braucht konzeptionelle Kraft und fiskalische Phantasie! Für heute grüße ich Sie und denken Sie an Ihr Kind, da kommt mehr Freude auf. Ihr Albert Karl aus München.
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