Euro auf neuem Allzeithoch
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 19. November 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Der Euro erreichte heute ein neues Allzeithoch. Hauptsächlich zwei Gründe für diesen rasanten und plötzlichen Anstieg werden genannt. Das US-Schatzamt veröffentlichte, dass im September nur noch 4,19 Mrd. Dollar ausländisches Kapital in US-Wertpapiere geflossen sind. Im August waren es noch 49,9 Mrd. Dollar. Der Monatsdurchschnitt liegt bei 64 Mrd. Dollar (nach Angaben der FTD).
Offenbar ist es soweit, die ausländischen Investoren verlieren das Vertrauen. Das war einer der Gefahrenpunkte, mit denen wir im Investor's Daily seit Wochen rechneten. An den Devisenmärkten entstand nach diesen Zahlen die Befürchtung, dass die US-Regierung dem wachsenden Außenhandelsdefizit nur noch über einen schwächeren Dollar entgegenwirken könnte. Noch ist es nur der Wert eines einzelnen Monats, doch der Einbruch ist beachtlich.
Ein weiterer Grund dafür, dass der Anstieg so nachhaltig blieb war, dass die EZB offenbar immer noch keine Bedenken gegen einen höheren Euro-Kurs hat. Ein Ratsmitglied sagte gegenüber Bloomberg, dass eine weitere Zinssenkung kein Thema sei.
Doch die entscheidende Nachricht war wohl, dass George Bush jetzt einen Krieg der anderen Art anfangen will. Diesmal ist China im Visier. Offenbar sind Handelsrestriktionen gegen Textilprodukte aus China geplant. Devisenhändler gehören gemeinhin zu den erfahrensten Marktteilnehmern. Und diese wissen, dass sich ein Handelskrieg und protektionistische Tendenzen auf die USA besonders auf den US-Dollar nachhaltig negativ auswirken würden.
Zu viele amerikanische Firmen wollen und sind am China-Boom beteiligt. So dauerte es auch nicht lange und China warnte zurück: Die möglichen US-Quoten auf Textilwaren könnten den Handel zwischen den beiden Ländern beeinträchtigen und damit den amerikanischen Interessen schaden, so die chinesische Regierung. Nett ausgedrückt, aber nichts weiter als eine scharfe diplomatische Drohung. China gehört wohl zu den wenigen Ländern dieser Erde, die sich einen offenen Handelskrieg mit Amerika "erlauben" können. Amerika hingegen gehört im Moment sicher nicht zu den Ländern, die sich einen Handelskrieg mit China erlauben können.
In einer der letzten Ausgaben des Investor's Daily hatte ich bereits darauf hingewiesen, dass protektionistische Maßnahmen generell eine Neigung haben, letzten Endes der eigenen Wirtschaft zu schaden. Hier noch eine Variante zu dieser These:
Wenn die billigen chinesischen Textilien den amerikanischen Verbrauchern nicht mehr zur Verfügung stehen, dann müssen sie auf teurere amerikanische Produkte ausweichen. Das bedeutet aber auch, sie haben wieder weniger Geld in den Taschen, um andere Produkte zu kaufen. Es stellt sich dann natürlich noch die Frage, welcher der beiden Effekte schwerer wiegt. Bei den Stahlzöllen war es offensichtlich der teurere Preis des Rohstoffs, der der US-Wirtschaft mehr geschadet als genützt hat.
Allgemein muss man sich fragen, was der amerikanischen Regierung bis zur nächsten Wahl wohl noch alles einfällt, um sich in unserer Welt unbeliebt zu machen. Man darf sich auch fragen, wie lange ausländische Investoren noch einer solchen US-Regierung trauen? Die letzten (oben genannten) Zahlen sprechen ihre eigene Sprache.
Nach den sich verbessernden Arbeitsmarktdaten hatte es fast ein wenig so ausgesehen, als würde die Geld-Politik der Fed sich nachhaltig positiv auf die Wirtschaft auswirken. Doch wie gesagt, die Gefahren für die US-Wirtschaft sind wesentlich größer als die Chancen und die letzten beiden Tagen haben eindrucksvoll gezeigt, wie schnell die Gefahren die Märkte negativ beeinflussen können.
Noch sind die US-Bullen lediglich etwas verunsichert, aber keineswegs demoralisiert. So treiben heute positive US-Konjunkturdaten die Märkte wieder nach oben.