Es gibt nicht nur Schatten
Klaus Buhl in Nebenwerte Daily zum Thema Nebenwerte
vom 30. August 2010, 17:00 Uhr
ENL5462
nachdem ich mich vergangene Woche hier recht zuversichtlich geäußert habe, hat dies einige erstaunte Rückfragen Ihrerseits ausgelöst. Diesbezüglich ist es mir wichtig anzumerken, dass es unmöglich und vor allem nicht zielführend ist, jede Kursbewegung aus der Retroperspektive zu erklären. Die letzten Tage waren dafür ein gutes Beispiel. Extrem nervös und von recht geringem Volumen begleitet, sprangen die Indizes hin und her. Jede volkswirtschaftliche Meldung bewegte die Kurse in die vermeintlich korrekte Richtung. Die Anspannung war vor allem am Freitag vor der Veröffentlichung der wichtigen BIP Daten spürbar, aber auch das Treffen der Notenbanker in Jackson Hole warf seinen Schatten voraus. In einer derartig emotional geprägten Handelswoche sind gut platzierte Orders auf beiden Seiten des Marktes fast reine Glückssache. Da sollte man sich das alte Händlersprichwort in Erinnerung rufen: never sell a doll-market!
Helikopter Ben will es wissen
Erst gegen Ende des nervösen europäischen Handels schien die Rede des FED-Chefs Bernanke die Gemüter etwas abzukühlen und leitete sogar einen großen Vertrauensbeweis für die neue Woche ein. Meiner Meinung nach ist ein freundlicher Handelsverlauf am späten Freitag Nachmittag einer der besten Indikatoren für wachsendes Vertrauen der Anleger und einen positiven Start in die neue Woche. Doch zuerst kam die Ernüchterung in Form der Zahlen des US-BIP. Die größte Volkswirtschaft der Erde wuchs im zweiten Quartal nur noch um 1,6 Prozent und damit geringer als erwartet. Diese Daten sind natürlich vergangenheitsbezogen und wahrscheinlich in den Kursen abgearbeitet. Immerhin befinden sich die wichtigsten Indizes seit Monaten in einem zähen Seitwärtstrend, der die nur noch schleichende Erholung spiegelt. Nach dem obligatorischen und heftigen Kursdip der Indizes am Freitag erholten sich die Kurse aber sehr dynamischen binnen wenigen Minuten. Dies ist ein sehr gutes Zeichen dafür, dass die Börsianer danach lechzen, nach vorne zu blicken und sich neuen Themen zuwenden wollen. Unterstützt und befeuert wurde dieses Ansinnen von FED Chef Bernanke persönlich. Der bekräftigte, dass der US-Zentralbank durchaus noch weitere "ungewöhnliche Mittel" zur Verfügung stehen, um die Konjunktur anzukurbeln, falls sich der Ausblick weiter verschlechtern sollte. Die Notenbank werde "alles unternehmen, was sie kann, um die Fortsetzung der Wirtschaftserholung zu sichern". Balsam für die geplagten Aktionäre war auch der vorsichtig optimistische Grundton von Bernanke. : "Man kann vernünftigerweise erwarten, dass das Wachstum sich 2011 und in den folgenden Jahren etwas beschleunigt", sagte er. Die Haushalte kämen schneller als erwartet damit voran, ihre Finanzen in Ordnung zu bringen, wodurch sie ihren Konsum flexibler gestalten könnten.In seiner Rede ging Bernanke auch auf die zusätzlichen Werkzeuge ein, die der FED auch nach jahrelangen und extremen Zinssenkungen noch zur Verfügung stünden. Besonders interessant speziell für die uns hier in diesem Brief interessierenden Nebenwerte erscheint mir die Aussicht, dass die FED die Zinszahlungen auf Bank-reserven verringern könnte, um die Kreditvergabe der Geschäftsbanken anzukurbeln.
Kein Weltuntergang erkennbar
In den vergangenen Wochen waren die Massenmedien wieder sehr aktiv darin, Ihnen durch übertrieben negative Kommentare Angst zu verkaufen. Da Angst kein guter Ratgeber in Investmentdingen, füge ich hier als Fortsetzung zu meinem Artikel in der vergangenen Woche noch ein paar Gedanken an, warum die Welt nicht zwangsläufig dem Abgrund zusteuert. Bei aller Besorgnis um den Zustand wichtiger Volkswirtschaften muss man als Investor auch die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen beachten. Da in den vergangenen Jahrzehnten die Regierungen und Notenbanken gemeinsam mit den Heilungskräften des Marktes bereits einige Krisen gemeistert haben, ist es nicht empfehlenswert, diese positive Möglichkeit komplett zu ignorieren. Immerhin halte Ich es für denkbar, dass sich die Bankenlobby doch noch dem Druck der Reformer beugen wird und wir eine bescheidene Finanzreform erleben werden. Der Finanzsektor würde dadurch stark an Gewicht verlieren zu Gunsten anderer Wirtschaftsbranchen, vor allem dem Gütersektor. Durch eiserne Sparanstrengungen des privaten und des öffentlichen Sektors könnte sich das Verschuldungsproblem langsam entspannen, die Wirtschaftssubjekte würden wieder handlungsfähig und die Konsumenten (noch) zuversichtlicher. Parallel dazu könnte sich die Nachfrage der ohnehin schon boomenden Schwellenländer noch steigern, wovon speziell die europäischen und die deutschen Exportwerte profitieren würden. Im Einklang mit der steigenden Wirtschaftsaktivität hätten die Notenbanken sogar geringen Spielraum für Zinssteigerungen, könnten vom selbstzerstörerischen Gelddrucken ablassen und wären wieder etwas handlungsfähiger. Dies ist natürlich eine sehr optimistische Denkweise, ich würde sie aber wegen des Reinigungspotentials von Krisen nicht völlig belächeln. Um den Realitätsanspruch dieser kühnen Spekulation zu überprüfen, werfen wir nun einen Blick auf den konjunktursensiblen Transportsektor.
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