Erwartungen
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 10. April 2003 18:00 Uhr
ENL5454
Erwartungen bewegen die Märkte. Nicht das, was wirklich heute passiert ... sondern das, was die Investoren für morgen hoffen oder fürchten.
Erwartungen bewegen auch sonst die Massen. Viele Leute haben Angst vor dem, was die Zukunft bringen wird, und sie wollen "etwas für die Zukunft tun". Aber sie denken oft, dass sie rational handeln ... und bemerken nicht, dass andere Gründe sie steuern. Zum Beispiel denken solche Leute, dass sie Aktien kaufen, weil sie den Aktienmarkt rational analysiert haben ... aber in Wirklichkeit veranlasst sie eine versteckte Furcht zum Kauf. Die Furcht, dass sie etwas verpassen könnten und dann wie ein begossener Pudel dastehen, wenn jeder andere reich wird.
Was immer solche Investoren bei Umfragen auch sagen ... die Erwartungen in Amerika sind gegenüber Aktien ... und gegenüber dem Krieg ... sehr hoch. Man muss sich nur die Kurs-Gewinn-Verhältnisse ansehen ... und die Schlagzeilen amerikanischer Zeitungen.
Das Magazin "Fortune" berichtet, dass die Gewinne der Unternehmen des Fortune 500 im letzten Jahr um 66 % gefallen sind – auf ein Niveau, das man seit 10 Jahren nicht mehr gesehen hat. Und erst das sechste Mal seit 1955 sind auch die Umsätze im Durchschnitt gefallen.
Dass die Kurse dennoch so hoch bleiben, ist natürlich verrückt ... und kann nicht durch Logik und Verstand erklärt werden, sondern nur durch den Fortbestand "bullischer" Erwartungen.
Währenddessen gehen die Einzelhandelsumsätze weiter zurück ... obwohl die Schulden der US-Verbraucher weiter steigen. Die Kredite der amerikanischen Konsumenten sind im Februar um 1,5 Mrd. Dollar gestiegen (die Hypotheken noch nicht einmal berücksichtigt). Die Hypotheken erreichten 74 % des zusammengefassten verfügbaren Einkommens ... verglichen mit nur 59 % vor 10 Jahren.
Die Amerikaner haben auch Erwartungen in Bezug auf den Irakkrieg. Militärisch gesehen gab es eigentlich nie einen Zweifel daran, dass sie ihren einfüßigen Gegner in den Hintern treten könnten. Wir sehen jetzt, dass die Macht von Saddam Hussein in der Öffentlichkeit höher eingeschätzt wurde, als sie wirklich war ... sobald dieser besondere "Luftballon" durch amerikanische Tanks angestochen war, entwich die Luft schneller als an der Nasdaq (mehr dazu weiter unten).
Aber die Erwartungen betreffen nicht nur das Militärische, Offensichtliche. Die Amerikaner scheinen zu fühlen, dass der Krieg mehr ist als nur ein militärisches Abenteuer ... nämlich dass er auch Amerikas Fähigkeit, Ereignisse zu kontrollieren, repräsentiert ... und dass man durch Krieg die Zukunft verbessern kann. Und wenn der militärische Oberbefehlshaber unsere Sicherheit verbessern kann ... könnte er nicht auch etwas für unseren Reichtum tun? An dieser Einschätzung ist natürlich nichts Logisches oder Vernünftiges ... aber die Tiefen der Massenstimmung brauchen keinen Beweis, keine Rechtfertigung; das sind Expressionen von Hoffnungen und Ängsten, die einfach nicht weggehen, sondern die öffentlichen Erwartungen bestimmen, unterbewusst und unbewusst ...
Also was jetzt? Werden die Aktienkurse explodieren ... und wird ein neuer Wirtschaftsboom beginnen ... jetzt, wo der Krieg vorbei ist? Oder ist die Zukunft immer noch unvorhersehbar und unkontrollierbar?
Wir werden sehen ...