Erstes Ziel der neuen griechischen Regierung: Aufschub

in Investors Daily
vom


in den letzten Wochen habe ich mich zum Thema Griechenland und Euro-Krise (sehr) zurückgehalten. Grundsätzlich habe ich mich hierüber bereits in einem Vergleich (Das Europäische Haus, bitte lesen, falls noch nicht geschehen) und recht klaren Ansagen zum damals angedachten Hebel für den Rettungsschirm geäußert. Zum Beispiel hier: Der Hebel - einfach gemacht. Und hier hat sich Paula gemeldet: Krieg ich auch die Krise.


 

Um den Hebel wurde es ruhiger, dafür haben wir jetzt den ESM (ESM = EINER Soll Malochen... blöder Scherz, ok... ESM ist die Abkürzung für Europäischer Stabilitätsmechanismus, soll laut Duden bedeuten: Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stabilisierung der Eurozone).

 

Nun gut.

 

Heute möchte ich Sie auf etwas anderes hinweisen. Verschiedene, eigentlich seriöse Medien (bzw. deren Redakteure) verfallen gelegentlich der verlockenden Behauptung: „Wir (Deutsche) bezahlen und die (Griechen) wollen nicht arbeiten".   

 

So einfach kann man das meines Erachtens nicht runter brechen.

 

Denn der griechische Mann auf der Straße kann auch nichts dafür, dass die gerade neu  gebildete Regierung (natürlich) die kürzlich eingerichteten Sparauflagen der Troika lockern möchte. Das war ja irgendwie zu erwarten. Frei nach dem Motto: Neue Regierung, neue Regeln für die Hilfsgelder.  

 

Interne und globale Differenzen
Hier muss ich kurz abschweifen: Richtig in meinen Augen ist, dass Frau Merkel dies (momentan noch) für indiskutabel bzw. nicht notwendig hält. Völlig daneben ist der interne Schwarz-Gelb-Streit zu diesem Thema. Weshalb sollte eine Vereinbarung wieder geändert werden? Und total daneben ist die Forderung auf dem G-20-Gipfel, Europa solle endlich die Wirtschaft ankurbeln. Gemeint ist damit ganz einfach die Notenpresse anzuwerfen... Jetzt haben sich die europäischen Banken ja in den letzten Monaten bereits 1 Billion Euro zum Niedrigstzins ausleihen können. Und wo bleibt der Wirtschafts-Effekt? Ein nicht zu verachtender Teil des entliehenen Geldes wurde von den Banken in Anleihen des eigenen Landes gesteckt... und nicht in die Wirtschaft „gepumpt".  

 

Doch wie gesagt: Der griechische Mann auf der Straße kann nichts dafür. Und das meine ich auch so.

 

Ein Durcheinander
Schließlich sollten wir uns vor Augen halten, wie lange schon die Bahnen nicht gerade geordnet verlaufen in Griechenland. Es ist doch für die meisten Griechen schon lange „völlig normal", dass sie ein paar Scheinchen mitnehmen, wenn Sie ins Krankenhaus oder zum Arzt müssen oder möglicherweise auch, wenn sie einen Bauantrag stellen. Und Steuererklärungen? Hier würde mich mal interessieren, wie viele Griechen überhaupt eine wirklich passende Erklärung abgeben... Dann war da noch die Sache mit den subventionierten Oliven-„Plantagen" deren Fläche größer war als Griechenland selbst. Und wenn Sie mich fragen, stellen diese Beispiele nur eine kleine Kuriositäten-Sammlung dar, die in etwa die Spitze des Eisberges beschreibt.

 

Und ich wiederhole noch einmal: Der kleine griechische Mann auf der Straße kann nichts dafür. Er hat sich einfach daran gewöhnt. 

 

Genauso wie wir Deutschen uns daran gewöhnt haben, im Ausland meist als „pünktlich, ordentlich, fleißig" und vermutlich „ein bisschen langweilig" betrachtet zu werden. Nun, ich habe nichts dagegen. Die Frage ist: Sollten wir uns da aus Höflichkeit gegenüber dem Europäischen Gedanken umstellen und etwas weniger ordentlich werden? Oder besser weniger pünktlich? Um es auf den Punkt zu bringen: Wir kleinen Deutschen können nicht raus aus unserer Haut. Vermutlich genauso wenig wie der kleine Grieche. Fakt ist:

 

In Griechenland liegt die Arbeitslosenrate bei etwa 20 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt mehr als doppelt so hoch. Jetzt gäbe es auch angesichts dieser Misere für die neue griechische Regierung gegenüber den anderen Euro-Insassen zwei mögliche Aussagen:

 

1.) Ok. Wir sind die neue Regierung. JETZT packen wir an.

2.) Ok. Wir sind die neue Regierung. Jetzt verschieben wir erst einmal die vereinbarten Ziele zwei Jahre nach hinten.

 

Leider - so sieht es offenbar aus - hat sich die griechische Regierung für Punkt 2 entschieden. Auch dies sorgt vermutlich nicht gerade für Freudensprünge bei den Rettungsschirm-Einzahlern; genauso wenig wie die Behauptung „der Grieche möchte nicht arbeiten" für europäische Harmonie sorgt. Ich denke, er (der Grieche) möchte arbeiten. Nur macht die neue Regierung da weiter wo die alte aufgehört hat. Und das sorgt nicht gerade für neue Arbeitsplätze.

 

Viel Erfolg an der Börse (die sich heute recht unbeeindruckt zeigte, der Dax schloss mit plus 0,45 Prozent bei 6.392 Punkten)

Ihr

 

Tom Firley

 

PS: Ein schlauer Mann (der übrigens eine hervorragende Lammkeule grillt) sagte mir einmal sinngemäß: Wenn Dinge einige Zeit schief laufen, dauert es nach einer Umstellung oft dieselbe Zeit, bis die Dinge wieder wirklich gerade laufen... Damit dürfte es in Griechenland noch etwas dauern, bis wir dort eine funktionierende Politik und Wirtschaft sehen werden. Ob es dann den Euro in der heutigen Form noch gibt, ist zumindest mit einem kleinen Fragezeichen zu versehen.

von
Tom Firley
Tom Firley

Tom Firley ist einer der anerkanntesten Börsenexperten und Charttechniker Deutschlands. Tausende Privatanleger profitieren täglich von seinem Investors Daily.

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Kommentar von hjb

Erstaunlich, Herr Firley, was Sie alles über die Griechen und deren Lebensart wissen! Wie viele Jahre haben Sie denn in Griechenland gelebt?

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Antwort von Tom Firley:

Hallo hjb, vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich hatte und habe Kontakt zu einigen Griechen. Ansonsten führe ich jährlich Recherchen vor Ort durch. Aber sicherlich bin ich nicht dazu in der LAge die Lebensart der Griechen allumfassend zu beschreiben. Das könnte ich auch nicht für die deutsche Lebensart ;-) Herzliche Grüße Tom Firley

Kommentar von Peter Müller

Der Film Des Wahnsinns fetteste Beute (ein Film von Frank Höfer) gibt aufschlussreiche Informationen zum Thema: ESM Griechenland und Finanzkrise !

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Kommentar von hartmut Fischer

Es wird sich wohl überhaupt nichts ändern in der griechischen Politik, die politische Klientel von Konservativen und Pasok sitzt ja schließlich in den Ämtern und wird sich nach Kräften verteidigen. Außerdem ist es ja äußerst komfortabel, die Gläubiger über die ungeheuren Schulden und entsprechenden Euro-Kollaps-Perspektiven bei Nicht-Wohlverhalten beliebig erpressen zu können ! Das alles kann kein gutes Ende nehmen, und dann wird auch unvermeidlich wieder Nationalhass aufkommen. Europa als Zwangsveranstung seiner politischen "Eliten" wird niemals funktionieren!

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Kommentar von ELIAS

Es fährt ein Zug, sagen wir mal nicht unbedingt nach NIRGENDWO, sondern nach EUROPA (was vielleicht bald auf eins rauskommt). Wenn dieser Zug nicht irgendwann auseinander gekoppelt wird, werden alle Insassen zur gleichen Zeit dort ankommen. Jeder auf seinem Platz: die Deutschen als Lokführer, ein paar andere Europäer als kontrollierende Schaffner und die Griechen eben im Schlafwagen!

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Kommentar von bolife

Hallo Herr Firley, ein schöner Artikel. Bei den Griechen ist es wohl so, dass die vielen Milliarden der EU in den Taschen weniger gelandet sind. Diese Leute hatten wohl beste Kontakte zur Regierung und ihr (bzw. unser) Geld (sicher?) irgendwo gebunkert. Nun soll der Normalgrieche dafür sparen - doch von was, das ist die Frage. Wenn jetzt Gelder für Investitionen nach Griechenland gehen, ist die Frage, wohin das Geld gehen wird eigentlich überflüssig zumal ja auch die alten Strategen am Werk sind. Vielleicht sollte man unsere Steuerfahndung mal für ein Jahr nach Griechenland ausleihen und unredliche Profiteure der Vergangenheit etwas Schwedenluft schnuppern lassen?

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Antwort von Tom Firley:

Hallo bolife, eine nicht uninteressante Idee, die Sie da ansprechen... In der Praxis aber vermutlich ("leider" darf ich an dieser STelle nicht schreiben) nicht umsetzbar. Das System ist einfach zu komplex. Schlimm, dass der kleine Mann dafür bluten muss. Herzliche Grüße Tom Firley


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