Erste Sonnenstrahlen und das Auge des Hurrikans
Investors Daily
vom 23. Mai 2006 18:00 Uhr
ENL5454
von Jochen Steffens
Wir sehen die ersten Sonnenstrahlen an den Börsen - nach einem heftigen Unwetter. Kaum steigen die Märkte, hebt sich die Stimmung . Die Aktien steigen teilweise über 5 %, der Dax 2,3 % im Plus, es wird wieder alles zurückgekauft, was gestern noch ohne wenn und aber in die Masse geschmissen wurde.
Wieder einmal hat die Panik das zumindest kurzfristige Ende des Abwärtstrends angezeigt.
Eitler Sonnenschein?
Nein, noch nicht. Das was wir gerade erleben, kann schließlich auch das Auge der Hurrikans sein. Der Sturm legt sich, der Himmel klärt sich auf, alles wagt sich wieder nach draußen und doch kann es sein, dass in wenigen Stunden/Tagen der Sturm wieder anfängt. Wie bei Wirbelstürmen üblich, dann von der anderen Richtung, nur um alles noch schlimmer zu machen. Und genau das würde dann auch bei den Indizes passieren, ein weiterer Abverkauf unter die letzten Tiefs würde alles noch schlimmer machen.
Irgendwann sind auch die Harten dran
Die Zittrigen haben schon verkauft. In den letzten Tagen wurden schon die etwas Mutigeren weichgekocht und gestern dann endgültig gekillt. Wenn es nun noch weiter fallen sollte, werden auch die Harten daran glauben und zumindest einzelne Position verkaufen müssen.
Obwohl die Harten die meisten Konsolidierungen schadlos überstehen, kann es auch sie immer wieder treffen.
Was mich stutzig und damit zuversichtlich macht
Eine Meldung belastete gestern noch die Märkte. Es wird erwartet, das die Hurrikansaison dieses Jahr wieder ziemlich heftig ausfallen wird. Das trieb dann den Ölpreis wieder nach oben. "Jetzt schon?", muss man sich fragen!
Ich glaube, ich hatte schon einmal davon geschrieben, dass solche Nachrichten immer gerne dann auftauchen, wenn sich Börse gerade anfangen zu stabilisieren. Ich unterstelle dann immer gerne, dass hier noch bewusst Menschen eine Nachricht nutzen oder sogar in die Welt setzen, um andere Anleger zu verwirren und somit noch auf den bereits fahrenden Zug preiswerter aufspringen können.
Ich bin mir dabei durchaus bewusst darüber, dass es auch vollkommene Einbildung sein kann, eigentlich kommen immer Nachrichten, häufig auch schlechte, sie fallen nur bei so einem Erholungsversuch besonders auf – selektive Wahrnehmung. Aber es ist trotz dieses Wissens tatsächlich schon verdächtig häufig der Fall. Genauso wie diese erstaunliche Häufung von Verbindungsschwierigkeiten im Internet oder Ausfällen bei den Kurslisten/lieferanten etc, genau an dem Tag, an dem ein entscheidendes Tief ausgebildet wird. (und ich habe sehr selten solche Ausfälle, das möchte ich betonen). Letzteres, also die Ausfälle der Broker oder Kurslieferanten, kann aber auch zum Teil mit den oftmals großen Umsätzen an solchen Tagen zusammenhängen.
Vieleicht besteht da aber wirklich ein ganz anderer Zusammenhang. Ob solche Vermutungen nur eine „radikal konstruierte“ Welt sind, das krankhafte in Verbindung setzen von zwei völlig unabhänig voneinander entstehenden Fakten? Ist dies der Anfang einer Art Paranoia?
Paranoia und Börse
Die Börse ist voll von fast schon krankhaft "paranoiden" Analysten, Marktteilnehmern und Marktbeobachtern. Was ich nicht schon alles für "Verschwörungstheorien" über die Börse gehört habe. Immer soll es welche geben, die mit Absicht irgendetwas steuern, um den armen Marktteilnehmern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber gibt es diese wirklich? Viele äußern ihre Theorien nicht in der Öffentlichkeit, sondern nur tuschelnd hinter vorgehaltener Hand. Wer riskiert schon gerne seinen Ruf?
Macht nun die Börse tendenziell "paranoid" oder zieht sie einfach nur Persönlichkeiten an, die sowieso schon einen Hang zu solchen Gedankenmodellen haben? Vielleicht hat es etwas damit zu tun, dass derart viele Faktoren einen Einfluss auf die internationalen Kurse haben. Wirklich keiner kann diese Faktoren alle überblicken, so dass einfach sehr viel Raum bleibt, um die wildesten Theorien zu erstellen. Aber es geht auch umgekehrt: Ist das Vorhandensein solcher Gedankenmodelle vielleicht an der Börse sogar Vorraussetzung für den Börsenerfolg?
Nun habe ich etwas vollkommen Unjournalistisches getan: Ich habe viele Fragen aufgeworfen, sie aber nicht beantwortet. Also okay:
Realitäten
Es ist von allem etwas. Wie meistens in der Realität gibt es weder schwarz noch weiß, es bleibt ein gepflegtes grau übrig. Die Börse ist weder fremdgesteuert, nicht einmal durch die Fed, noch ist sie gänzlich unbeeinflusst. Es gibt genug Gerüchte, die absichtlich gestreut werden, Absprachen auf allen Ebenen, verschiedenste Interessen alle Art prallen aufeinander. Keine Frage.
Aber insgesamt wird die Börse letzten Endes von unzähligen Menschen bewegt, die alle ähnlichen psychologischen Mechanismen unterworfen sind. Und diese Mechanismen sind nach wie vor immer und immer wieder zu erkennen und sprechen alleine schon dafür, dass die Börse sich erstaunlich wenig beeinflussen lässt.
So haben wir gestern die typische Panik gesehen, im Dax und besonders in den kleineren Indizes wie Mdax, TechDax und Sdax und wir sehen heute die typische anschließende Erholung. Ob es danach weiter geht, ist eine andere Frage:
Und wieder spielt die USA nicht mit
Wäre es in den USA auch dazu gekommen, hätte der Nasdaq mit Gap down eröffnet und wäre dann martialisch nach unten gerauscht, nur um sich dann zum Schluss wieder zu erholen. Ich wäre dann heute massiver in den Markt eingestiegen. So aber fehlt mir in den USA dieser Ausverkauf noch. Und deswegen kann es leider sein, dass es noch zu einem letzten finalen Rutscht kommt, einem zweiten Sturm.
Das kann sein, muss aber nicht! Wir müssen nur sehr wachsam sein. Im Moment spielt man die Erholung, keine Frage. Geht sie dynamisch weiter, baut man die Positionen aus. Erkennt man Schwäche, wird man vorsichtiger. Brechen die Tiefs, muss man sehr wachsam werden. Kommt dann noch Dynamik nach unten auf, lässt man die Börsen fallen, bis sich der nächste Boden abzeichnet und steigt dann massiver ein.
That’s all...