Erinnerungen an den Sommer

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vom


Jetzt, wo der Sommer zuende geht, bin ich wieder in der Welt der Züge, Flugzeuge und Autos... der Geschäftstreffen... der Taxis... der Sicherheitschecks... der Deadlines...der Vorträge... bla, bla, bla.

D.h. ich bin wieder in der wahren Welt...

Aber ich will noch einen Moment inne halten und mich an die Welt erinnern, die ich zurückgelassen habe. Ich habe den Monat August frei genommen - wie der Rest von Frankreich auch. Ich habe nicht aufgehört zu arbeiten, aber ich habe von Zuhause aus gearbeitet, unter meinen Freunden und meiner Familie... und habe es mit einer anderen Geschwindigkeit angehen lassen.


Anstatt zur Arbeit zu rasen, bin ich durch den Hof zu einem Pavillion gegangen, den ich zu einer Bibliothek umfunktioniert habe. Dort habe ich um ungefähr 7:30 Uhr angefangen zu arbeiten, bis die Glocke um eins zum Mittagessen geläutet hat. Dann habe ich mich mit Elizabeth und meiner Mutter zum Essen hingesetzt, und mit den Gästen, die gerade da waren. Manchmal waren wir nur zu dritt, häufig waren wir 20 und mehr...

Das Mittagessen wurde draußen serviert. Das Wetter war kühl... also mussten wir oft Pullover und Schals tragen. Aber es war Sommer und auch wenn es sich nicht so anfühlte wie Sommerwetter, habe ich mich an die Routine des Sommers gehalten, ganz egal wie ungemütlich es auch wurde.

Fast alles, was wir aßen, stammte aus unserem Garten - und das soll heißen, dass wir so viele grüne Bohnen gegessen haben, dass man damit einen Esel hätte ersticken können. Und dann wurden auch die Tomaten und die Kürbisse reif und unsere Diät wurde etwas abwechslungsreicher. Fleisch wurde vom ortsansässigen Metzger geliefert... oder von unserem Gärtner, der es manchmal über einen offenen Holzfeuer kochte.

Mmmhh... dieses Steak ist großartig,"... sagte ich, Wo hast du es her?"

Ich habe meine Wege... altmodisch... aber sie sind besser", antwortete er.

Was für Wege?"

Das will ich nicht sagen... aber in der heutigen Welt muss man wissen, wie man Dinge unoffiziell erledigt. Denn die Autoritäten versuchen immer, einen aufzuhalten oder zu besteuern. Du erinnerst dich, dass du kein Unternehmen finden konntest, das für dich die Fensterläden gestrichen hätte... nicht so, wie du es gemacht hast. Du hast einfach aus dem Fenster gegriffen und die Fensterläden ausgehängt.

Für einen zugelassenen Unternehmer wäre das illegal gewesen... Sie hätten ein Gerüst aufstellen müssen... und sie hätten Handwerker mit Qualifikationen gebraucht und Helme, um die Arbeit zu machen. Und wenn sie dann mehr als 35 Stunden in der Woche gearbeitet hätten, dann hätten sie Strafe zahlen müssen oder wären aus dem Geschäft geflogen. Und das ist der Grund, warum du all das vermeiden musst."

Ich habe nie herausgefunden, welche Wege er geht. Aber es ist illegal, die Tiere selber zu schlachten - außerhalb eines zugelassenen Schlachthofes. Ich gehe davon aus, dass unser Rindfleisch auf die altmodische Art zubereitet wurde.

Das Mittagessen hat seine Zeit gedauert. Im Büro denke ich oft gar nicht darüber nach, zu Mittag zu essen. Ich werde dadurch langsamer. Aber im vergangenen Monat hat das Mittagessen oft zwei Stunden gedauert... Es gab eine Vorspeise, eine Hauptspeise, Salat, Käse, einen Nachtisch und zu guter Letzt Kaffee.

Diese langen Mittagessen stellten sich als sehr nützlich heraus, denn sie haben mir dabei geholfen, bei den Familienangelegenheiten auf den neusten Stand zu kommen. Während ich länger über dem Kaffee verweilte, stellte ich fest, dass ich sechs Kinder habe. Ich lernte ihre Namen und erfuhr, was sie gemacht haben. Ich stellte fest, dass meine Frau Elizabeth im vergangenen Jahr an der Sorbonne Geschichte studiert hat und alle ihre Tests mit guten Noten gemacht hat.

Ich hatte auch Zeit, meiner Mutter, meinen Cousins und Cousinen, Neffen, Brüdern, Schwestern... und vielen Leuten zuzuhören, die einfach ohne irgendeine Beziehung zu irgendwem gegen Mittag aufgetaucht sind.

Was tun Sie hier?", wollte ich fragen. Aber das wäre unhöflich gewesen. Stattdessen habe ich mich einfach an ihrer Gesellschaft erfreut.

Ich habe heute einen Brief von Margarets Sohn bekommen", fing meine Mutter eines Tages an, Ich wusste genau, was es war."

Was?"

Nun, wenn man in meinem Alter ist, dann weiß man so etwas. Ich hatte Margaret einige Briefe geschickt und darauf keine Antwort erhalten. Wir sind schon seit dem Zweiten Weltkrieg befreundet. Damals waren wir beide bei der Armee... bei den WACs (Women's Army Corps)."

Warum hast du dich bei der Armee gemeldet?", fragte eine Enkeltochter.

Das war der Krieg. Jeder wollte tun was er konnte. Ich bin damals zu Hause gewesen und habe mich um meine Mutter gekümmert, die sehr krank gewesen ist. Sie ist, ist... nun... Ich gehe davon aus, dass man es heute als Nervenzusammenbruch bezeichnen würde. Aber es war sehr ernst und ich konnte sie nicht allein lassen."

Jedes Familienhaus hat ein dunkles Zimmer... und jede Familiengeschichte hat einige düstere Kapitel. Ich habe das Gefühl, dass ich es euch erzählen muss, denn ich bin die Letzte. Ich bin die Letzte aus meiner Generation, die ihr vermutlich kennen werdet... zumindest in dieser Familie."

Aber dann hat sich mein Vater zur Ruhe gesetzt... das muss 1942 gewesen sein... also war ich in der Lage, mich bei der Armee zu melden. Und sie haben mich nach Texas geschickt, wo ich die Aufgabe hatte, den jungen Soldaten Filme zu zeigen.

Die Idee hinter dem Women's Army Corps war, dass die Frauen Aufgaben übernehmen sollten, die zuvor von Männern erledigt wurden, wir haben es getan, damit die Männer kämpfen konnten. Ich habe den Projektor betrieben und Filme von den Deutschen gezeigt und was sie taten und wie sie kämpfen. Ich kann mich nicht mehr erinnern, aber ich gehe davon aus, dass es darauf hinauslief, dass wenn man sie nicht umbringt, sie einen umbringen.

Ich habe ein bisschen Deutsch sprechen können, das ich in der Schule gelernt habe... sehr wenig. Deswegen haben sie mich später eine Zeitlang bei den Deutschen Gefängnisinsassen arbeiten lassen... und sie waren sogar sehr nett. Aber ich gehe davon aus, dass sie nicht wollten, dass unsere Soldaten in den Krieg ziehen, und dabei denken, dass sie nette Leute bekämpfen würden."

Ich habe euren Vater gleich nachdem ich angefangen getroffen. Das war an Heiligabend. Und er hatte so etwas an sich. Ich weiß nicht, was es war. Aber ich hatte dieses Gefühl. Und dann wollten wir sofort heiraten. Ich weiß nicht warum. Die Leute haben es früher einfach so gemacht. Er ist in Pearl Harbour gewesen, als dort die Bomben fielen... und er war gerade an den Pazifik geschickt worden. Wir wussten nicht wohin genau... und auch nicht wann... oder ob er zurückkommen würde. Egal, wir wollten sofort heiraten."

Und Margaret war damals meine beste Freundin. Und ich war so naiv... ich wusste gar nichts. Das könnte ihr euch heute überhaupt nicht mehr vorstellen. Ich meine, heute gibt es das alles sogar im Fernsehen. Aber meine Familie war extrem einfach... und extrem verschwiegen. Also musste mir Margaret alles erklären, unmittelbar bevor ich geheiratet habe."

Aber wir standen uns auch sehr nah... und wir haben einander im Laufe der Jahre immer wieder besucht. Doch dann habe ich nichts mehr von ihr gehört. Und als heute dieser Brief kam, habe ich gesehen, dass er aus Oregon kommt, und dorthin ist sie mit ihrem Mann gezogen, ehe er gestorben ist... der Brief kam von ihrem Sohn und nicht von ihr. Deswegen habe ich es gewusst."

Und so ist das, wenn man alt wird. Die Freunde und die Verwandten, die Leute, mit denen man aufgewachsen ist, sterben. Einer nach dem anderen verschwinden sie. Und dann ist man irgendwann die einzige, die noch da ist... und man sagt sich, nun, ich glaube, wir werden uns wieder treffen. Wie in diesem Lied... don't know where, don't know when..."

von
Bill Bonner
Bill Bonner

Bill Bonner ist einer der anerkanntesten Finanzexperten der USA und Bestseller-Autor. Bei uns schreibt er regelmäßig im Börsen-Newsletter Kapitalschutz Akte.


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