Erholung: Hose runter!
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 25. September 2003 18:00 Uhr
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"Wirtschaftlicher Optimismus weitverbreitet", so ein Artikel in der Financial Times vom Dienstag. "Eine weltweite Umfrage von Merrill Lynch unter Fondsmanagern, letzte Woche veröffentlicht, zeigte, dass 87 % der Befragten damit rechnen, dass die Weltwirtschaft in den nächsten 12 Monaten wachsen wird, und die meisten rechneten mit einem 'deutlich' stärkeren Wachstum."
Die Arbeitslosigkeit ist niedrig. Die Inflation ist keine offensichtliche Bedrohung. Die Fed ist frei, die Zinssätze eine "bemerkenswert lange Periode" niedrig zu halten, um sicherzustellen, dass die Wirtschaft nachhaltig auf Erholungskurs einschwenkt. Auch die US-Regierung steht bereit, zu helfen – solange es jemanden gibt, der ihr das Geld dazu leiht – mit einem 500 Milliarden Dollar schweren Ausgabenprogramm. "Es wird weithin erwartet, dass die Wachstumsrate im dritten Quartal aufs Jahr hochgerechnete 5 % erreichen wird", so die Financial Times weiter. Sie kennen meine Meinung, liebe(r) Leser(in). Jedes Mal, wenn vor mir eine "Erholung" auftaucht, dann will ich am Bart dieser Erholung reißen, denn ich bin mir sicher, dass er falsch ist. Heute ziehe ich der Erholung die Hosen runter und suche nach Muttermalen.
Wenn man der populären Presse glaubt, dann befinden sich die amerikanischen Fabriken und Geschäftszeilen in einem vollen Aufschwung. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im 2. Quartal um 3,1 % – zweimal so schnell wie erwartet.
"Die Konsumausgaben stiegen so schnell wie nie seit dem Herbst; die Unternehmensinvestitionen wuchsen so schnell wie seit 3 Jahren nicht mehr, und die Bauausgaben waren stärker als erwartet", so schließt das Wall Street Journal.
Ich habe bereits betont, dass mehr als die Hälfte des Wachstums des Bruttoinlandsproduktes im zweiten Quartal das Ergebnis der erhöhten Militärausgaben war. Ohne diese wäre das BIP gegenüber dem ersten Quartal kaum gestiegen. Ich habe auch den kuriosen Effekt der schön gerechneten IT-Ausgaben erwähnt. Ein Computer, der heute gekauft wird, geht demnach mit dem Wert, den er im Jahr 1996 gehabt hätte, in das BIP ein. Und 1996 hätte ein heutiger PC mit durchschnittlicher Technologie einen deutlich höheren Wert gehabt. Fazit: Wenn heute IT-Ausgaben von z.B. 10 Mrd. Dollar anfallen, dann steigt dadurch das BIP um ein Vielfaches!
Deshalb findet der "Boom" bei den IT-Ausgaben real gar nicht statt. Die IT-Ausgaben sind durch die Statistiker um mehr als 600 % nach oben gerechnet worden. Wenn man diese Schönrechnung herausrechnet, dann erhält man einen ganz anderen Eindruck vom amerikanischen Wirtschaftswachstum. Dann wuchs das BIP im zweiten Quartal nur um magere 0,27 %. "Selbst wenn man den großen Betrag der Verteidigungsausgaben mit berücksichtigt, dann ist das kaum besser als die Wachstumsraten im Rest der Welt", meint Dr. Richebächer (den Sie als Gastautor im Investor's Daily kennen) dazu.
Wenn ich der Erholung die Hose runterziehe, dann entdecke ich die hässliche Wahrheit. Da finde ich die Arbeitslosenzahlen. Und nicht eine der 7 oder 8 Nachkriegserholungen schaffte keine neuen Jobs, so Dr. Richebächer. Aber in den 20 Monaten nach dem offiziellen Ende der letzten Rezession sind in den USA etwa 1 Million Jobs abgebaut worden. Im zweiten Quartal gingen 260.000 Jobs verloren. Selbst das ist eine kleine Lüge. Denn die Leute, die es aufgegeben haben, nach Arbeit zu suchen, werden dabei nicht berücksichtigt – eine Zahl, von der man sagt, dass sie zweimal so groß sei.
Und wo Herr Erholung schon die Hosen unten hat – da finde ich noch eine größere Enttäuschung. "Die Regierung fügt jeden Monat 30.000 bis 50.000 imaginäre Arbeiter zu der Zahl der Beschäftigten hinzu", so Dr. Richebächer. "Das basiert auf der Annahme, dass die Leute sich in einer wirtschaftlichen Erholung selbstständig machen ... und einmal pro Jahr revidieren die Statistiker ihre Schätzungen anhand der wirklichen Zahlen. Als sie das im Mai 2003 taten, verschwanden auf einmal 400.000 neue Jobs, die vorher gemeldet worden waren, einfach so. Solche Revisionen finden natürlich außerhalb der monatlichen Bekanntgabe der Arbeitslosenzahlen statt. Insgesamt denke ich, dass diese statistischen Tricks die Zahl der Arbeitsplatzverluste in den letzten zwei Jahren um über 100.000 pro Monat untertrieben haben."