Erholung am Aktienmarkt
Alexander Green (US-Korrespondent) in Investoren Wissen zum Thema Aktien & Aktienhandel
vom 31. März 2009, 16:00 Uhr
ENL5454
Erholung am Aktienmarkt: Wie lange kann diese anhalten? Liebe Leser,
das ist zur Zeit die Frage in den Köpfen der Kapitalanleger: Steht diese Erholung am Aktienmarkt auf sicheren Füßen?
Wir wollen die offensichtliche Antwort - keiner weiß es - zunächst beiseite legen und in Erwägung ziehen, was sich viele Kapitalanleger einfach weigern zu glauben: Dass wir die Tiefpunkte des Marktes gesehen haben.
Warum sind so viele bei dieser Betrachtungsweise skeptisch? Weil eigentlich alles, was sie sehen und hören, ihnen sagt, dass die Wirtschaft dabei ist, in den kommenden Monaten noch schlechter zu werden.
Und sie haben Recht. Es wird so kommen.
- Die Wirtschaft verliert 600.000 Arbeitsplätze pro Monat.
- Das Banksystem bleibt dysfunktional.
- Immobilien stecken im Sumpf.
- Der Absatz im Einzelhandel ist blutarm - und weiter rückläufig.
- Und das Vertrauen der Verbraucher ist auf Rekordtiefen.
Man braucht dazu nicht Isaac Newton, um zu sehen, dass die Wirtschaft noch schlechter werden wird. Wenn es eine direkte Korrelation zwischen der Wirtschaft und der kurzfristigen Entwicklung der Aktienbörse gäbe, würden wir genau wissen, was wir mit unserem Geld jetzt tun sollen.
Erholung am Aktienmarkt oder "Der große Demütiger"?
Aber diese gibt es nicht. Abwegigerweise verliert die Aktienbörse häufig, wenn die Zeiten gut sind, und erholt sich, wenn die Aussichten schwach sind. Anlagemanager und Forbes 400 Mitglied Ken Fischer nennt den Aktienmarkt nicht umsonst "Den großen Demütiger".
Beachten Sie zum Beispiel, dass es keine großen Nachrichten gab, die die Markterholung vor zwei Wochen anfachten. (Ja, der Einzelhandelsabsatz war ein wenig weniger schlecht als erwartet und die Frachtsätze sind etwas hochgegangen, aber das sind "kleine Kartoffeln".)
Also warum hob der Markt plötzlich ab und stieg um 17 % innerhalb von sieben Handelstagen? Wir wollen mit der Tatsache beginnen, dass der Markt mehr als 55 % unter seinem Hoch von vor 16 Monaten war. Er war überverkauft und reif für eine "Erleichterungsrallye", oder mehr.
Aber ist das jetzt nur das sprichwörtliche Aufbäumen der Kurse gegen den harten Zug nach unten?
Es könnte sein. Andererseits waren die Bewertungen - wie Kurs/Umsatz und Kurs/Buchwert - vor zwei Wochen so niedrig, dass die Marktpreise sich in eine völlig andere Richtung als eine weitere 1929er Depression entwickelten.
Außerdem sind Kapitalanleger bekanntermaßen in Markttiefen auf Baisse ausgerichtet. Und in letzter Zeit war - um den "Hinterwälder-Weisen" Jed Clampett zu zitieren - die Stimmung schlechter als die „des Kiefers eines Schweins am Markttag".
Ich kann nicht zählen, wie oft ich sogar relativ erfahrene Kapitalanleger habe sagen hören, „lieber verdiene ich einen Bruchteil von 1% in einem Geldmarktfonds, als dass ich Geld am Aktienmarkt verliere."
He, ich wollte das auch. Und wenn ich wüsste, dass der Markt viel tiefer ginge, vielleicht würde ich dann. Aber ich kann das unmöglich wissen. Und genauso wenig kann das irgendjemand sonst.
Der Dow verschafft mehr Gewinn als ein Geldmarktfonds
Inzwischen haben vielleicht jene Leute, die treue Anhänger von Geldmitteln sind, gemerkt, dass der Dow in weniger als zwei Wochen mehr Gewinn gebracht hat als ein Geldmarktfonds, zu aktuellen Zinssätzen rückgerechnet, in mehr als zwei Jahrzehnten.
Wie fühlt sich das an?
Einige Kapitalanleger sagen, dass sie zum Markt später zurückkommen werden, wenn er besser läuft. Aber das ist so ähnlich, wie wenn man sagen würde, dass man warten und den neuen Toyota kaufen würde, wenn er schließlich teurer wird.
Warum sollte das ein kluges Verhalten sein?
Andere Kapitalanleger sind bis an die Grenze getrieben worden. Sie sagen, dass sie nun genug haben. Sie sind mit dem Aktienmarkt für immer fertig.
Hmm. Das klingt so misstrauisch wie ich, wenn ich auf die Badezimmerwaage steige. „Ich bin fertig mit all den Kohlehydraten. Zukünftig gibt es nichts als Eiweiß und Thunfisch-Salate für mich."
Ja, schon recht ...
Betrachtung von Alternativen zu Investments am Aktienmarkt ...
An irgendeinem Punkt werden Kapitalanleger ruhig und vernünftig genug, um ihre Alternativen zu Investments am Aktienmarkt zu betrachten.
- Werden Sie Ihre Ruhestandsziele erreichen, indem Sie Ihr Geld in Immobilien anlegen, obwohl diese fast sicher weiter fallen werden, da so viele Verkäufer Null Eigenkapital haben und deshalb ihre Preise noch nicht gesenkt haben ? (Viel Glück auch bei Ihrem Finanzierungsantrag.)
- Werden Sie Ihr Geld in Schatzanweisungen stecken, die nicht eben "schmackhafte" 3% abwerfen ? (So verdoppelt sich Ihr Geld in 24 Jahren.)
- Werden Sie es in einen Geldmarkt-Fonds stecken, der nach Steuern und Inflation ein negatives Ergebnis bietet?
- Werden Sie es in Gold ummünzen, das sich im Laufe der letzten sechs Jahre verdreifacht hat, eigentlich nichts über die letzten 29 Jahre verdient hat, und nur ein bisschen mehr als die Inflation über die vergangenen 2.000 erbracht hat?
Vielleicht sieht der US-amerikanische Aktienmarkt - der auch schon früher Nieten-Jahrzehnte gehabt hat, aber durchschnittlich 10% pro Jahr für die vergangenen 200 Jahre gestiegen ist - schließlich nicht so schlecht aus.
Aber zurück zu unserer ursprünglichen Frage: Sollten Sie bei dieser Markterholung kaufen ?
Natürlich sollten Sie. Aber - unserer altbewährten Devise folgend - bleiben Sie bei Qualität, variieren Sie und verwenden Sie nachgezogene Limits (für unbegrenztes Potenzial nach oben mit Risikobeschränkung nach unten) für jede Position.
Gutes Investieren,
Alex Green
KOMMENTAR ZUM ARTIKEL VON HERRN GREEN:
Ich sehe die aktuelle Lage absolut nicht als großartige Kaufmöglichkeit, wie Herr Green es hier schreibt. An wirklichen Böden im Markt sieht man gewöhnlich ein breites Kapitulieren und niemand mehr hat Lust irgendwelche Aktien zu kaufen. In den Medien ist das Thema absolut unpopulär und kaum jemand möchte etwas von der Börse wissen.
Was sehen wir stattdessen? Diskussionen in den Medien, ob das jetzt schon (endlich) der Boden sei und aus ihren Löchern kriechende "Experten", die - wie bei jeder Bärenmarktrallye - bereits vom nächsten Bullenmarkt sprechen, nur wenn die Börse ein paar Tage wieder grüne Zahlen macht.
Auch lese ich nichts vom Risiko längerfristiger US-Staatsanleihen und massiver Verschuldung für das gesamte Finanzsystem in Herr Greens Artikel; noch sind Punkte wie die Goldpreisinterventionen an der COMEX oder die "Gute-Laune"-Kampagnen der US Regierung berücksichtigt. Folglich erscheint mir sein Kommentar zum Thema Gold auch nicht sonderlich gut durchdacht, so sehr ich auch Herr Greens sonstige Artikel hoch schätze.
So sieht aus meiner Sicht kein nachhaltiger Boden in diesem Bärenmarkt aus. Darüber hinaus gibt es noch genug fundamentalen Sprengstoff, den die Masse eben noch nicht sieht bzw. der sich jederzeit weiter entwickeln kann und höchstwahrscheinlich wird und ich denke genau hier liegt der Trugschluss in Herr Greens prinzipieller Argumentation. Es sind mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine große Reihe von Fakten noch nicht auf dem Tisch. Und genau hierin sehe ich das Potential, welches die Märkte (zumindest gemessen an realen Werten wie dem Preis von Gold oder Silber) weiter in die Tiefe reißen wird.
Der Einsatz von Trailing Stops ist - unabhängig davon betrachtet - natürlich stets sinnvoll.
Ich bleibe dabei: Äußerst vorsichtig lässt sich die aktuelle Rallye (die durchaus auch etwas andauern kann - wer weiß das schon) sicherlich traden, aber die wirklich große Profitmöglichkeit kommt beim nächsten Sturz abwärts.
Beste Grüße
Alexander Hahn
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