Entscheidende Signale und alles ist ganz "einfach"...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 14. Januar 2008 18:00 Uhr
ENL5454
Diese Woche wird sicherlich die bisher spannendste im Zusammenhang mit der Subprimekrise, denn wir werden einen Einblick in die Bilanzen einiger großer US-Banken bekommen, der uns vielleicht verraten wird, wie schlimm diese Krise wirklich die Finanzinstitute getroffen hat. So sieht es jedenfalls der Markt. Wobei ich nicht wirklich weiß, was da noch kommen muss, um die höchst negativen Erwartungen zu erfüllen...
Doch ganz ehrlich, das muss uns auch nicht interessieren. Ich schätze, die Wenigsten kennen sich mit den Bilanzierungstricks diverser US-Banken und den Kreditkonstruktionen im Subprimesektor aus, um nach Veröffentlichung diverser Daten eine halbwegs verlässliche Analyse erstellen zu können. Und wie gesagt, wenn die Banken, die eigentlich ziemlich genau die Risiken kennen sollten, ihresgleichen schon nicht trauen, warum sollten wir dann irgendwelchen geduldigen Zahlen in diversen Bilanzen trauen?
Nein, das kann es nicht sein. Eine andere Lösung muss her.
Charts und Fundamentaldaten im Einklang
Wie ich es hier schon mehrfach dargestellt habe, bilden Charts und fundamentale Ereignisse oft eine faszinierende Einheit. So auch dieses Mal. Tatsächlich sind viele US-Indizes in eine mögliche Seitwärtsbewegung übergegangen. Das entsprach auch den im Sommer hier vorgestellten Prognosen.
Jetzt wird sich zeigen, ob diese Seitwärtsbewegungen bestehen bleiben oder aber, ob die unteren Begrenzungen nach unten verletzt werden.
Stellvertretend die Seitwärtsbewegung im S&P500:
Noch ist ein klein wenig Platz, aber sollte das blaue Rechteck nach unten verlassen werden, wird es eng in den USA.
Ich habe hier aber auch noch etwas anderes Interessantes eingezeichnet: Man könnte nämlich, wenn man sich die Formation so anschaut, auf die verwegene Idee kommen, hier große Topformationen zu erkennen. Entweder in Form eines Doppeltops oder sogar einer großen Schulter-Kopf-Kopf-Schulter-Formation (SKKS).
Die Umsätze stimmen nicht
Doch beides ist nicht der Fall, es sind keine Topformationen. Denn in beiden Fällen müsste der Umsatz in den jeweiligen Hochs angestiegen sein. Wie man hier aber deutlich erkennen kann, kommt es gerade bei den jeweiligen Hochs stattdessen zu „Umsatzlöchern“. Die höchsten Umsätze finden sich in den Tiefs.
(Hinweis für Charttechniker: Es wird auch ein Diamant als Topformation diskutiert. Aber hier fehlt mir die typische „broadening Formation“ auf der linken Seite, wie auch der vom Hoch typischerweise abnehmende Umsatz auf der rechten Seite, zudem ist durch den Spike im Tief die Nackenlinie entweder zu gerade, oder aber, wenn man nur den Schlusskurs nimmt, nicht fallend.)
Keine falschen Schlussfolgerungen
Nur leider bedeutet das Fehlen einer Topformation nicht, dass die Kurse nun wieder steigen! Das wäre die falsche Schlussfolgerung. Es bedeutet lediglich, dass die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei diesem Kursverlauf um ein Rechteck handelt vergleichsweise hoch ist. Rechtecke (Seitwärtsbewegungen) sind zudem meistens Fortsetzungsformationen. Das entscheidende Signal dabei ist, in welche Richtung sie aufgelöst werden.
Eigentlich ist es vollkommen egal, was es ist
Insgesamt ist es sogar aus charttechnischer Sicht für die kurzfristige Entwicklung egal, ob es sich um eine SKKS, ein Doppeltop oder eine Seitwärtsbewegung handelt. Denn alle Formation haben eins gemeinsam: Beim Bruch der untere Linie des blauen Rechteckes ergibt sich das gleiche Kursziel, hier durch die senkrechten roten Rechtecke gekennzeichnet.
Wir müssen also vollkommen unabhängig davon, um was für eine Formation es sich handelt, beim Bruch der unteren Linie mit Kursen bis 1180 - 1200 Punkten rechnen. Mit einem kleinen Unterschied: Bei einer Seitwärtsbewegung (die wir den Umsätzen zufolge hier vorliegen haben) kommt es wesentlich häufiger zu falschen Ausbrüchen.
Langfristig gesehen, wäre eine Topformation allerdings ein wichtiger Hinweis, für einen Trendwechsel! Dass es sich hierbei also um keine Topformationen handelt, lässt - langfristig gesehen - hoffen.
Die Charttechnik und die Banken
Ich finde diese Analyse deswegen so spannend, weil sich auch in diesem Chart die aktuelle fundamentale Situation widerspiegelt. Sollten die Bilanzen der Banken und deren Ausblick schlechter sein, als ohnehin schon erwartet, sollte sich abzeichnen, dass die Subprimekrise den Bankensektor und damit auch die US-Wirtschaft über mehrere Quartale massiv beeinträchtigt, wird wahrscheinlich die untere Begrenzung der Seitwärtsbewegung nachhaltig nach unten verletzt. Beides wäre ein Verkaufssignal.
Sollte sich alles als nicht ganz so schlimm darstellen, wird die Börse auf Zinssenkungen traden und die untere Linie der Seitwärtsbewegung wird halten, mit der Folge, dass die Kurse wieder zur oberen Begrenzung laufen werden. Der Ausbruch über die obere Linie wäre das Signal für die Fortsetzung der Trends.
Und so werden wir auch ohne genauen Einblick in die Abgründe diverser Unternehmenskennzahlen erkennen, wie der Markt und damit die institutionellen Anleger die Zahlen interpretieren werden, beziehungsweise auf welches Pferd sie setzen.
