Endspiel – Teil 2
Henrik Voigt in DAX Daily
vom 20. Januar 2012, 08:30 Uhr
ENL5454
weil wir gestern gerade bei Italien und den europäischen Reformerfolgen waren: Die italienische Notenbank Banca d'Italia stuft in ihrem aktuellen Bericht die Probleme mit der Finanzierung der Staaten als Systemkrise ein (ein Reformerfolg?). Die Finanzierung der eigenen Staatsschulden habe sich in den vergangenen Wochen weiter erschwert. Die Zinslast sei auf dem derzeitigen hohen Niveau nicht zu verkraften. Italien steckt zudem wahrscheinlich in einer Rezession. Im dritten Quartal 2011 schrumpfte die Wirtschaft um 0,2 Prozent, im vierten Quartal vermutlich ebenfalls (genaue Zahlen liegen noch nicht vor).
Bleiben die Zinsen auf ihrem jetzigen Niveau, dann schrumpft die Wirtschaft nach Berechnungen der Zentralbank in diesem Jahr um 1,5 Prozent, in 2013 würde das Wirtschaftswachstum stagnieren. Würden die Zinsen hingegen auf das niedrigere Niveau des Sommers 2011 zurückkehren, dann würde das italienische Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 1,2 Prozent sinken und im kommenden Jahr um 0,8 Prozent wachsen. Die Zinsen werden jedoch nur dann sinken, wenn die EZB auf dem Umweg über die europäischen Banken weiter massiv Staatsanleihen auf dem Sekundärmarkt kauft, denen sie dafür massiv Liquidität zur Verfügung stellen muss (die angesprochenen, bis zu 10 Billionen Euro). Das wäre vermutlich der größte Markteingriff in der Geschichte der Menschheit - mit völlig ungewissem Ausgang.
Nächster Reformpunkt: Die Fiskalunion. Auf dem letzten EU-Krisengipfel am 09.12.2011 wurde sie als der ganz große Wurf mit einer Schuldenbremse in Verfassungsrang verkauft. Wenige Wochen später ist von dem ganzen Vorhaben nicht mehr viel übrig geblieben. Die meisten EU-Länder wollen sich dann doch nicht von außen in die eigene Souveränität reinreden lassen (wogegen an sich nichts einzuwenden ist, wer unterwirft sich gern einer nicht demokratisch legitimierten EU-Diktatur). Das Ergebnis heute: Die EU-Kommission hat nun nichts mehr zu bestellen, der EuGH fungiert nur noch als Schiedsgericht in Schuldenfragen, die Schuldenbremse im Verfassungsrang ist freiwillig. Auch dieses Vorhaben, ob nun richtig oder falsch, ist bisher sehr kläglich verlaufen.
Am Mittwoch kam die Einschätzung des IWF, dass weltweit in den nächsten Jahren 1 Billion Dollar zur Haushaltssanierung nötig seien (ich bin sicher, die Zahl wird in regelmäßigen Abständen erhöht werden müssen). Seine Mittelausstattung soll deshalb um bis zu 500 Mrd. Dollar aufgestockt werden, um vor allem die Europäische Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Laut einem Medienbericht drängt der IWF Länder wie China, Brasilien, Russland, Indien und Japan sowie die Ölförderländer, den Großteil der benötigten Mittel zur Verfügung zu stellen. Ob die allerdings zahlen werden, ist äußerst fraglich. Auf dem G20-Finanzminister-Treffen am 25. und 26. Februar will der IWF laut Bericht eine Einigung erreichen.
Man kann es den Ratingagenturen also gewiss nicht vorwerfen, wenn sie jetzt mit ihren Abstufungen versuchen, mit der realen Entwicklung Schritt zu halten, nachdem sie das einige Jahre lang völlig verschlafen haben und im Falle von USA und GB noch immer (sicher nicht unabsichtlich) verschlafen. Im Falle dieser beiden Länder kann sich ja jeder sein eigenes Urteil bilden oder auf die Ratings kleinerer, weniger bekannter Agenturen zurückgreifen. Warum also gleich den Boten köpfen, nur weil er schlechte Nachrichten überbringt? Eine Auseinandersetzung mit der Nachricht selbst wäre zielführender.
P.S.: Heute aus Zeitgründen keine DAX-Analyse
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Kommentare
Kommentar abgeben- Kommentar von Heiner Jächter (20.01. 2012 11:25 Uhr):
Ich lese seit einiger Zeit Ihre Marktanalysen und besonders die Einschätzungen der finanzpolitischen Großwetterlage mit großem Interesse. Vielen Dank, H. Jächter
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