Ende eines Zwangsurlaubs ...
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 05. Dezember 2005 18:00 Uhr
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Ende eines Zwangsurlaubs ...
So, frisch ans Werk – einigermaßen erholt und mit viel Elan. Ich möchte mich zunächst herzlich für die vielen, vielen Genesungswünsche von Ihnen bedanken und damit auch gleich die Fragen beantworten, was eigentlich passiert ist. Leider wird es mir nicht möglich sein, all Ihre E-Mails zu beantworten. Ich werde/muss es etwas ruhiger angehen lassen. Bitte haben Sie dafür Verständnis.
Doch zuerst zu den Börsen: Zum Glück, als hätte ich es geahnt, hatte ich Ihnen noch am letzten Tag, bevor ich ins Krankenhaus gekommen bin, am 11.11.05 die weitere Prognose für die internationalen Märkte erstellt, ich zitiere meine letzte E-Mail, von vor drei Wochen:
Doch wie geht es weiter? "Noch stehen einige Widerstände an, der Dow muss über die 10.722 Punkte, der S&P 500 muss die 1245 Punkte-Marke schaffen. Bis dahin ist zwar noch etwas Platz, aber nach dem Ausbruch gestern sollten die Indizes diese Ziele bald erreichen. Wenn diese Marken dann auch noch gebrochen werden, dann ist sozusagen nur noch der Himmel das Ziel. Im Dow wird dann das Allzeithoch bei 11.750 Punkten die Kurse anziehen. So könnte es sein, dass wir einen sehr freundlichen Jahresausklang erleben."
Sagen Sie also nicht, ich hätte Sie sträflichst alleine gelassen! Schließlich ist es genauso auch gekommen. Im Moment ist mir allerdings alles fast schon etwas zu bullish, dazu in den nächsten Tagen mehr.
Schließlich habe ich in den letzten drei Wochen fast gar nichts von den Börsen mitgekriegt, und muss mich erst einmal orientieren. Einleben, einfühlen sozusagen. Auch das eigene Day-Traden werde ich noch etwas zurückstellen und wahrscheinlich erst im nächsten Jahr weitermachen.
Im Moment kämpft der Dow mit dem alten Hoch bei 11.000 Punkten. Da mir alles aktuell etwas zu bullish scheint, kann es hier zu einer Konsolidierung kommen. Bricht er diese Marke jedoch nachhaltig, ist das Allzeithoch bei 11.750 Punkten eingepreist. Wie gesagt, mehr dazu in den nächsten Tagen.
Aus heiterem Himmel ist plötzlich alles ganz anders
Die Wege des Lebens sind manchmal seltsam verschlungen. Mein Weg führte mich aus heiterem Himmel, nahezu ohne Vorwarnung, am 11.11.05 direkt vom Schreibtisch ins Krankenhaus. Ein plötzlich unerwartet einsetzender, sehr starker Drehschwindel machte es mir unmöglich zu stehen, zu gehen, zu sitzen oder auch nur die Augen offen zu halten. Damit war ich von einem Tag auf den anderen komplett ausgeknockt. Ich lag einige Tage im Krankenhaus, unfähig zu lesen, fernzusehen oder sonst etwas zu tun. In solchen Momenten macht man sich schon so seine Gedanken. Was wäre wenn – Nein, so etwas passiert doch immer nur den anderen.
Dieses Mal habe ich Glück gehabt, ich bin mit einem "blauen Auge" davon gekommen. Es gibt bisher keinen Befund, mit anderen Worten, es weiß noch keiner, was eigentlich der Auslöser war. Selbst ein Magnetfeld-Resonanz-Blick in mein verzweifeltes Gehirn gab keinen Hinweis. Kein Tumor, kein Schlaganfall, nicht mal eine Aderverengung – alles in bester Ordnung. Lediglich mein linkes Gleichgewichtsorgan hat, aus welchen Gründen auch immer, einfach keine Lust mehr zu arbeiten, so etwas scheint häufiger zu passieren. Wahrscheinlich habe ich es zu schlecht bezahlt ...
Einige der konsultierten Ärzte (die sind sich ja noch uneiniger als unserer Politiker) und ich vermuten, es kommt von meinem Nacken. Diesen habe ich mir samt meines Rückens während meines Studium ruiniert. Ich bin damals, um mir das Studium zu finanzieren, LKW gefahren. Große, uralte Sattelschlepper und Hängerzüge mit Sitzen, die noch vor der Erfindung der Wirbelsäule gebaut wurden. Na ja, für den Studenten war es gerade noch gut genug ...
Das Leben warnt immer schon vorher, nur hört selten jemand zu
Ich werte diesen Vorfall trotzdem als deutlichen Warnschuss. Ein Warnschuss, den ich nicht überhören werde. Der mir zudem aufgezeigt hat, dass es im Leben noch etwas anderes gibt als Börse:
Menschen! Die Arbeit der Krankenschwestern verdient meine Hochachtung. Sie haben in jeder Situation mit größter Freundlichkeit, Verständnis und Ruhe reagiert. Ich frage mich, wie sie es schaffen, bei diesem körperlich wie seelisch unglaublich belastenden Job und der beständigen Konfrontation mit der menschlichen Unzulänglichkeit diese immerwährende Ruhe und Freundlichkeit bewahren zu können (das zudem bei dieser Bezahlung, ich glaube im Express oder der Bild stand heute 77 €/ Tag). Auch wenn ich mich nun vielleicht etwas unbeliebt mache: Vor diesen Krankenschwestern habe ich einen ungleich höheren Respekt, als vor den meisten meiner liebenswerten, geldversessenen Kollegen.
Besonders einer ist mir zurzeit ein Dorn im Auge: Unser lieber Kollege Bill Bonner. Ich hoffe Sie haben sich nicht durch seine beständigen düsteren Warnungen in den letzten drei Wochen einschüchtern lassen und alles verkauft und so den letzten Anstieg verpasst.
Wie einige unter Ihnen wissen, er vertritt schon seit Ende 2002 die gleichen, konformen, sich ständig wiederholenden Thesen und hat damit so ziemlich alles, was mit Aktien und Gewinnen zu tun hat, verpasst. Irgendwann wird auch er wieder eine Zeit lang Recht behalten.
Und auch heute wieder, ich weiß nicht das wievielte Mal das nun in den letzten 3 Jahren gewesen ist, sieht er ein (endgültiges) Top im Dow. Irgenwann wird er damit einmal Recht haben, vielleicht sogar schon dieses Mal. Denn wie heißt es so schön: eine kaputte Uhr zeigt zweimal am Tag die richtige Uhrzeit an ...
Aber mehr dazu und zu den anderen wichtigen Dingen des Lebens, wie gesagt, in den nächsten Tagen! Ich möchte mich erst genauer in den Markt einlesen und einarbeiten, bevor ich hier auch noch haltlose und aufgrund des Zwangsurlaubs eher wenig fundierte Thesen zum weiteren Fortgang des Marktes aufstelle.
Alles wird besser!
Ihr
Jochen Steffens