Ende der Geschichte? Nein!
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 18. Oktober 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Es war im Jahre 1806, dass Friedrich Wilhelm Hegel als erster ausrief, dass die Geschichte an ihr Ende gekommen sei. Er sah in Preußens Niederlage gegen Napoleon in der Schlacht bei Jena denselben Sieg, den auch Fukuyama im Sommer des Jahres 1989 auszumachen glaubte – den Triumph der Ideale der Französischen Revolution. Die Beteiligung der Massen an ihrer Regierung und Verwaltung, so dachten Hegel und Fukuyama, brächten ewigen Frieden und Wohlstand. Die Geschichte musste folglich der Geschichte angehören.
Doch endete die Geschichte im Jahre 1806 nicht, genauso wenig wie im Jahre 1989. Man kann im Gegenteil sagen, dass 1806 die Geschichte, wie wir sie heute kennen, kaum begonnen hatte. Niemals zuvor waren so viele Menschen in gemeinschaftliche Prozesse eingebunden, die Historiker faszinieren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahmen aufgrund der wachsenden Zahl von demokratischen Versammlungen und Parlamenten immer mehr Menschen an politischen Entwicklungen teil. Die Demokratisierung der westlichen Welt bedeutete keinen Stolperstein auf dem Weg der Geschichte. Im Gegenteil.
Es bereitete den Weg für das historischste aller Jahrhunderte in der Erfahrungswelt der Menschheit. Es war im 20 Jahrhundert, da die Welt durchtränkt war mit Politik, Demokratie und – nicht zufällig – mit Krieg. Zum ersten Mal standen Armeen, die sich aus der gesamten Bevölkerung zusammensetzten, fast allen Europäischen Mächten zur Verfügung ... zusammen mit allen Ressourcen einer gründlich kollektivierten Gesellschaft.
Dank der modernen Kommunikationsmittel – Schienenverkehr, Telegraphen, Telefone, Zeitungen, Fernseher – die Menschen, die bis dahin auf Mund zu Mund Propaganda beschränkt gewesen waren, konnten jetzt zeitzonenüberspannend kommunizieren. Ganze Nationen folgten plötzlich einem Herdentrieb, der sie in Abenteuer verstrickte, die man nur als hoffnungslos beurteilen konnte.
Fukuyama lag in Bezug auf Wirtschaft und Demokratie genauso daneben wie im Falle seiner Vorhersage der geschichtlichen Entwicklungen. Die gängige Sichtweise, die er aufgriff war, dass mit dem Fall des Kommunismus sowjetischer Prägung das gesamte marxistische Gedankengut ausgemerzt worden sei.
"Das Jahrhundert, das mit so viel Selbstbewusstsein mit dem endgültigen Triumph des liberaldemokratischen Gedankenguts westlicher Prägung begonnen hatte, scheint in einer Kreisbewegung dorthin zurückzukehren, wo es begann" so schrieb er "nicht als 'Ende der Ideologie' durch die Annäherung von Kapitalismus und Sozialismus, sondern durch den unerschrockenen Sieg des wirtschaftlichen und politischen Liberalismus."