Eisenerz: Harte Verhandlungen
Michael Vaupel in Traders Daily
vom 09. Februar 2006 12:00 Uhr
ENL5454
Der Bullenmarkt bei den Rohstoffen geht weiter ...
... nehmen wir nur die aktuellen Preisverhandlungen bei Eisenerz. Die stehen jedes Jahr um diese Zeit an. Im letzten Jahr konnten die Eisenerz-Produzenten Preiserhöhungen von bis zu 90 % durchsetzen (das schaffte die brasilianische Companhia Vale do Rio Doce CVRD).
Und die Nachfrage wächst weiter. Entscheidende Größe ist nach wie vor China. Die Zahlen sind eindeutig: 2004 kaufte China 35 % des auf dem Weltmarkt verfügbaren Eisenerzes, im letzten Jahren waren es 44 % und in diesem Jahr könnte es die Hälfte werden (Quelle: Eigene Berechnungen, Macquarie Bank). Die Hälfte des auf dem Weltmarkt verfügbaren Eisenerzes! Der chinesische Drachen hat nach wie vor Hunger, und sein Hunger ist noch lange nicht gestillt.
Deshalb mehr zum wichtigsten Nachfrager, China.
Vor mir, auf meinem Schreibtisch, liegt eine Prognose der "China Metallurgical und Mining Association", derzufolge die chinesischen Eisenerz-Importe dieses Jahr um 45 Millionen Tonnen auf 320 Millionen Tonnen steigen werden. Ein Plus von 16 %. Dieser Anstieg basiert auf einer sehr konservativ geschätzten Steigerung der chinesischen Stahlproduktion. Und das zusätzlich benötigte Eisenerz kann China nicht aus dem eigenen Land beziehen, denn da reicht die Produktion bei weitem nicht aus. Das Reich der Mitte muss vielmehr mehr als die Hälfte (55 %) seines Eisenerz-Bedarfs durch Importe decken.
So ist die Situation bei den derzeitigen Preisverhandlungen zwischen Anbietern und Nachfragern.
Offiziell wollen die Chinesen diesmal keine Preiserhöhungen akzeptieren. Und die Produzenten wollen nach den drastischen Erhöhungen im letzten Jahr nochmal rund 20 % mehr.
Ich weiß nicht, wie die Verhandlungen ausgehen werden. Ich tippe aber mal darauf, dass es zu einer Preiserhöhung von vielleicht 15 % kommen wird. Denn die Anbieter (die sich auch organisiert haben und versuchen, sich abzusprechen) haben die Trümpfe in der Hand.
Und es gibt ein Signal, das meiner Ansicht nach recht aussagekräftig ist.
Ich war ja zu Jahresbeginn im Rohstoff-Paradies Westaustralien, wo ich mich unter anderem mit einem chinesischen Eisenerz-Einkäufer unterhalten hatte. Alleine die Tatsache, dass er dort war, war bezeichnend. Denn früher waren es beim Eisenerz die Verkäufer, die zu ihren Kunden kamen. Wenn nun auf einmal die Käufer zu den Verkäufern kommen (Westaustralien ist ein großer Eisenerz-Produzent) ... wer hat dann wohl die besseren Karten?
Viele Grüße,
Michael Vaupel