Einstellungssache
Thomas Firley in Investors Daily
vom 01. Dezember 2006 18:00 Uhr
ENL5454
Liebe Leser,
Von (Teil-)Gewinnmitnahmen ist noch kein Aktiendepot zugrunde gegangen. Ich präferiere eher Trailing Stopps, also Stopps, die immer wieder bei positivem Verlauf der Aktie nach oben angepasst werden. Auch bei Index-Tradings mit Endlos-Zertifikaten kann sicherlich mit solchen Stopps gearbeitet werden. Wie aber agieren etwas spekulativere Naturen, also Trader oder gar Zocker?
Ich habe Ihnen hierzu ein Beispiel mitgebracht:
Am 26. Juni schrieb ich in meinem kostenlosen Börsendienst Geldanlage-Strategie: "Zocker könnten mit kleineren Spekulationen ...auf den S&P 500... (die aber wirklich mehr einer Wette ähneln) darauf setzen, dass die Fed-Sitzung mit für die Börse begünstigenden Aussagen (also Aussicht auf ein Aussetzen weiterer Zinserhöhungen) schließt."
Ein entsprechendes spekulatives Instrument auf den S&P 500 habe ich damals herausgesucht und weiter verfolgt. Im folgenden Chart erkennen Sie den Verlauf der Spekulation (blau) im Vergleich zum zugrundeliegenden S&P 500 (roter Verlauf).
Sie erkennen, dass der der spekulative Schein durch die Hebelwirkung im Vergleich zum S&P 500 nach oben schießt. Während der S&P 500 in diesem Zeitraum etwa 11% gestiegen ist, steht die Spekulation aktuell mit etwa 90 % im Plus.
Wann erfolgt der Ausstieg bei spekulativen Instrumenten?
Wer damals aufgrund meiner Vermutung im Juni Zocker-Ambitionen hatte und einen Schein mit ähnlicher Ausstattung gekauft hatte, konnte sich - je nach Ausstieg - über einen schnellen Gewinn von bis zu etwa 20% in einer Woche freuen. Was macht aber aktuell derjenige, der einen solchen Schein nach wie vor hält?
Die Optionnschein- und Zertifikate-Profis unter Ihnen werden sicherlich schon eine entsprechende Ausstiegsstrategie entworfen haben. Denjenigen unter Ihnen, die noch nie mit diesen spekulativen Instrumenten hantiert haben, rate ich dazu zunächst ehrliches Paper-Trading (also so tun als ob) zu betreiben und sich auf einen entsprechenden Trader-Dienst zu stützen. Jochen Steffens "Target Trader", Michael Vaupels "Derivate-Strategie" oder - etwas spezifischer - "Dax Profits" von Axel Retz wären hier z.B. sicherlich gute Ansatzpunkte.
In der Regel wird beim Handel mit Derivaten der zugrundeliegende Wert betrachtet. Das heißt in unserem Beispiel, dass ein Ausstiegskriterium wäre, wenn der S&P 500 unter eine bestimmte Marke fällt. Das hört sich einfach an, ist es aber nicht... Denn bei Optionsscheinen z.B. spielt auch der Zeitwert eine Rolle. Bewegt sich der S&P 500 seitwärts, verlieren besonders spekulative Scheine kontinuierlich (und zum Ende der Laufzeit um so schneller) an Wert. Andersherum "explodieren" entsprechende Optionsscheine ja auch, wenn der zugrunde liegende Index eine verhätnismäßig starke Bewegung vollzieht. Aber Vorsicht: Statt zu "explodieren" kann der Schein natürlich ebenso schnell ins Minus laufen, wenn der Index sich in die entgegengesetzte Richtung bewegt.
Eine Entscheidungshilfe kann auch die Charttechnik sein. Einigen Analysten wird sich jetzt der Magen umdrehen, aber auch die Derivate können charttechnisch betrachtet werden. Im obigen Beispiel erkennen Sie die rote Trendlinie, welche kürzlich von dem spekulativen Instrument touchiert wurde. Würde diese Linie als Ausstieg definiert werden, wäre der Spekulant also "gerade noch" weiter investiert. Bei einem Durchbrechen der Linie würde er aussteigen.
Beachten Sie die Verhältnisse
Aber auch - und gerade - hier mahne ich zur Vorsicht. Das Chartbild verzerrt manchmal ein wenig die Verhältnisse. Bei manchen Chartvergleichen (wenn Sie nebeneinander gelegt werden) kann eine 5%-Bewegung genauso spektakulär aussehen wie eine Kursverdopplung. Im oberen Chart ist zu erkennen, dass der Spekulant vom Hochpunkt seines Scheins bis zum letzten vorläufigen Tief etwa wieder 25% seines Gewinns abgeben musste...
Zu guter Letzt: Das Entscheidende bei der Wahl (oder eigenständigen Erarbeitung) von Ausstiegskriterien ist weniger die Strategie an sich. Das Entscheidende und mental Schwierige ist die unbedingte Disziplin, sich auch an die selbst auferlegten Regeln zu halten. Wir alle können sicherlich ein Lied davon singen, dass dies nicht immer klappt. Das Gute: Durch jede Erfahrung, und sei sie noch so schlecht, werden wir jedes Mal etwas schlauer.
Ein schönes Wochenende
Ihr
Tom Firley
