Einmal zu oft um die Ecke gedacht?
Ronald Gehrt in Kapitalschutz Akte zum Thema Kapitalschutz
vom 30. Januar 2007 07:30 Uhr
ENL5454
Guten Morgen, sehr geehrte Leserinnen und Leser!
Ich will mich heute mal kurz fassen. Worte, die Sie von mir sicher nicht erwarten, sagt man mir doch den Hang zum Ausführlichen nach ... aber ich muss Kraft schöpfen. Am Donnerstag wird Sie wohl ein Roman erwarten, wenn die Google-Zahlen, die erste Schätzung des US-Bruttoinlandsprodukts und das Ergebnis der US-Notenbanksitzung gleichzeitig zu besprechen sind. Mag sein, dass dann die Phase allgemeiner Verwirrung an den Börsen beendet ist. Mag sein, dass sie dann noch weitergeht ... nur unter erhöhter Schwankungsfreudigkeit.
Aktuell treten wir am Aktienmarkt auf der Stelle. In den USA mag keiner kaufen, verkaufen aber offenbar auch nicht so gerne. Das Resultat sind Aktienmärkte, die nach geringen Schwankungen kaum verändert schlossen. Hierzulande kommt zwar per saldo das selbe dabei heraus, aber unter höherer Volatilität und Nervosität, da alles und jeder scheinbar Tick für Tick der US-Börsen über die Derivatemärkte nachvollziehen muss.
Der Ausbruch wird kommen
Bislang ist die Woche aber ruhig. Die Infineon-Zahlen waren gut, dafür wurde der Dax aber von der Gewinnwarnung der Telekom gebremst. Wer weiß, ob wir ansonsten nicht zum x-ten Mal ein zweieinhalb Punkte über dem vorigen liegendes Sechs-Jahres-Hoch erreicht hätten. Aber faktisch sind die Trendkanäle eng. Es wird zu einem Ausbruch kommen ... zu einer weiteren Rallye oder zu einer harschen Korrektur. Da man – immer auf kurzfristige Sicht bezogen – alle Fakten an den Börsen positiv wie negativ interpretieren kann, kommt es wie im Wilden Westen einfach darauf an, wer zuerst schießt bzw. das größere Kapital in die Schlacht wirft.
Die Chancen für die Bären liegen nach der gestrigen US-Sitzung dort einen Tick besser, im Dax einen Tick schwächer. Alleine das ist ein Signal dafür, dass momentan kein Trend herrscht, denn der Dax wird ohne wenn und Aber den US-Börsen folgen, nur mit dem typischen doppelten Tempo.
Das Sentiment behauptet „Korrektur-Entwarnung“
Interessant finde ich dabei gerade jetzt die Aussagen der Sentiment-Techniker. Sie wissen ja, die Stimmungen sind, wenn sie recht extrem ausfallen, meist ziemlich gute Kontra-Indikatoren. Sprich wenn alle bullish sind heißt das, dass diese Mehrheit bereits investiert ist. Denn wer ist bullish und hat dann keine Aktien? Aber daraus folgt, dass die Zahl derer, die nun noch kaufen könnten und damit für weiter steigende Kurse sorgen, immer weiter fällt. Und eben das ist ein Warnsignal.
Nun ist es aktuell so, dass die Zahl der bullish ausgerichteten Akteure seit vier Wochen zurückgeht. Sie strömen zu gleichen Teilen in das neutrale und in das bearishe Lager. Das bedeutet, dass eigentlich wieder genug Käufer am Markt vorhanden wären - die von den zu Bären oder Neutralen mutierten Bullen erwartete Korrektur also nicht kommt. Es wird auch berichtet, dass private wie institutionelle Anleger beide ihre Bestände bereits verringert hätten.
Seltsam. Wohin verringert? Wenn alle ihre Bestände verringert haben sollen ... wo sind denn dann die verkauften Aktien hingekommen? Versteckt? Geheime Orte? Wie kann der Dax weniger als ein Prozent unter einem Sechs-Jahres-Hoch stehen, wenn alle Bestände verkauft haben? Ich denke, da haben wir ein kleines Problem. Denn:
Zweimal um die Ecke gedacht ... zum eigenen Wohl?
Angenommen, Sie werden als institutioneller Investor nach dergleichen befragt. Sie wissen, dass diese Sentimentindikationen weit beachtet werden. Und Sie haben eine hohe Investitionsquote, kriegen ihre Aktien aber nicht verkauft ohne Kursverluste erleiden zu müssen, weil die Umsätze in dieser Seitwärtsbewegung zu gering geworden sind und wollen auf keinen Fall eine Korrektur ... weil Sie die nächste Rallye brauchen, um eben ihre Investitionsquote verringern zu können. Würden Sie da nicht vielleicht auf den Gedanken kommen, ein wenig anders zu antworten?
Wäre es nicht denkbar, dass Sie antworten, bearish zu sein und nur noch 60% investiert zu sein, obwohl sie auf die Rallye hoffen und zu 95% investiert sind? Einfach in der Hoffnung, dass dies ein wenig dazu beiträgt, dass andere denken, jetzt kann die Korrektur ja nicht kommen, bei den vielen Bären?
Klingt das so abwegig? Ich selbst nehme ebenfalls an diesen Sentiment-Umfragen teil. Und mir kam dieser Gedanke des „leichten Mogelns“ durchaus schon. Und man darf nicht vergessen: Hier werden nicht Zehntausende befragt, sondern nur ein paar Hundert. Zehn, zwanzig mit diesem Hintergedanken können reichen, um das Bild zu beeinflussen.
Mir fiel auch auf, dass das kurzfristige Sentiment sehr bearish geworden ist. D.h. alle warten angeblich jetzt auf eine Korrektur. Conclusio der Auswertenden: Damit ist die Wahrscheinlichkeit extrem gering, dass sie wirklich kommt. Weil eben alle angeblich keine Aktien mehr haben. Aber wer hat sie denn dann? Einer muss sie ja gekauft haben, nicht wahr? Ob die Kurse nun steigen oder fallen .. die Zahl der Aktien verändert sich nicht.
Mittelfristig bearish, aber bullishe Dax-Kursziele?
Interessant aber auch, dass das mittelfristige Sentiment deutlich gefallen ist. D.h. angeblich sieht man auch für die nächsten sechs Monate schwarz. Und – nicht vergessen, hier sind viele Institutionelle dabei – hat zeitgleich Prognosen für einen klar steigenden Dax in 2007. Aha. Na dann. Zudem wird festgestellt, dass ein so niedriges mittelfristiges Sentiment meist den Beginn einer Korrektur indiziert. Ja was denn nun?
Ich persönlich habe den Eindruck, dass die Sentiment-Messungen mittlerweile so sehr beachtet werden, dass sie sich selbst zum Teil neutralisieren. Immerhin kann hier jeder etwas behaupten, aber etwas anderes denken und tun. Das darf man nicht außer Acht lassen.
Sicher ist nur eines: Es wird in den kommenden Tagen, mit all den wichtigen Daten und Zahlen vor uns, zu massiven Kursausschlägen kommen. Es kann durchaus nach oben gehen. Wie bereits mehrfach gesagt: Nur weil die Bären einen Hauch mehr Vorteile haben ... an den Börsen „kann“ alles, aber es „muss“ gar nichts. Meine aktuell bearishe Ader wurde indes mit frischem Blut genährt als ich den von mir sehr geschätzten Joachim Goldberg vom Sentiment-Institut cognitrend sagen hörte (sinngemäß, weil schon ein paar Tage her):
3% nach oben oder unten utopisch?
‚Wir haben mal errechnet, wo das Niveau ist, wo die Leute beim Dax im Schnitt kaufen würden, die jetzt auf eine Korrektur warten. Das ist bei 6.530. Glauben Sie, dass wir kurzfristig so weit fallen würden?’
Oha. Ich meine, das sind 3% vom aktuellen Niveau aus. Herr Goldberg weiß grundsätzlich, wovon er spricht. Er gehört in meinen Augen zu den Leuten, denen man immer zuhören muss. Aber was ist an 3% nach unten so abwegig? Ich glaube, wir alle fangen aufgrund des kümmerlichen, aber nervtötenden Auf und Ab in engen Bahnen an, uns geistig in diesem Mini-Kästchen von 1,5% Spannweite im Dax einzurichten. Dabei pflegen die Anleger in normalen Börsenphasen nicht einmal aufzusehen, wenn Kursbewegungen von 100 Punkten an einem Tag nach oben oder unten berichtet werden.
Und gerade dieses Gefühl, dass +/-0,5% schon eine beachtliche Kursbewegung sind, macht mich so sicher, dass es in den kommenden zwei Wochen auch mit +/-3% nicht getan sein wird. Denn die Kurse, die immer mehr Akteure für unwahrscheinlich halten, sind auch mal binnen eines Tages erreicht ... obwohl sie jetzt langsam wie Utopien klingen. Dax von gestern ab gerechnet +3% bedeutet 6.930; -3% bedeutet 6.530. Warum denn nicht? Und ist ein solcher Weckruf erst erschallt, geht es endlich wieder rund!
Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag – bis morgen!
Ronald Gehrt