Einige traurige Geschichten
unserem Korrespondenten Bill Bonner in Investors Daily
vom 04. Mai 2004 18:00 Uhr
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Meiner Ansicht nach wird die Auswirkung der Zinspolitik der Fed auf die Gesamtwirtschaft eindeutig überschätzt. Das zeigen z.B. einige traurige Geschichte, die kurz nach dem Platzen der Hightech-Spekulationsblase im Internet die Runde machten. Eine der traurigsten Geschichten kam aus Philadelphia und handelte von Warren "Pete" Musser, der während der Internet-Manie einer der aggressivsten Wall Street Promoter gewesen war.
Musser war kein Depp. Der 73jährige Investor hatte eine der erfolgreichsten Internet-Holdings der USA aufgebaut – mit so bekannten Unternehmen wie ICG, VerticalNet und U.S. Interactive. Dafür hatte er eine Weile gebraucht. Seine Firma hatte er bereits Jahrzehnte zuvor gegründet, und er kannte sein Business gut. "Die Jungs hätten es eigentlich besser wissen müssen", meint Howard Butcher IV, ein Investor, der dem Internet-Boom immer kritisch gegenüber gestanden hat. "Ich hätte gedacht, dass er als super-versierter Promoter seine Aktien rechtzeitig ablädt, um sich damit eine goldene Nase zu verdienen, anstelle jetzt mit Schulden dazusitzen."
Musser erlag jedoch der Fehleinschätzung, der alle Aktien-Promotor (vielleicht sogar Alan Greenspan) verfallen. Er begann, an den von ihm (mit)inszenierten Hype selbst zu glauben. Natürlich zu seinem eigenen Nachteil. Er war schließlich gezwungen, 80 % seines Aktienbestands zu verkaufen, um eine konventionelle Nachschusspflicht bedienen zu können. Die Aktien, die im März 2000 noch 738 Millionen US$ wert waren, brachten ihm beim Verkauf gerade noch einen Erlös von 100 Millionen US$. Für Musser war es also schon zu spät, während die Finanzpresse rund um den Globus weiter kolportierte, dass Greenspan kurz davor sei, den Kapitalmärkten Beistand zu leisten.
Auch die Aktienanleger hingen weiter dem Glauben an, dass Greenspan noch über die große Put-Option verfügen würde, die sie vor Verlusten bewahren könnte. Aber hatte er die wirklich noch? Konnte ein Wechsel der geldpolitischen Vorzeichen die Mussers dieser Welt wirklich retten? Oder waren ihre Investments derart selbstmörderisch und hoffnungslos, dass sie vor der Selbstzerstörung auf keinen Fall bewahrt werden konnten? Im Finanzgewerbe gibt es smartes und dummes Geld, und dann auch noch Geld, das derart geistesschwach ist, dass es regelrecht nach seiner Vernichtung schreit.
Pets.Com gab 179 US$ für den Kauf eines jeden Hundefutter-Kunden aus. Als die Gesellschaft Kiel oben schwamm, was war da noch zu retten? Wie hätte ein Wechsel der Zinspolitik die Millionen zurückbringen können, die zum Fenster hinaus geworfen worden waren? Genauso TheStreet.com: Die Gesellschaft verlor in den ersten neun Monaten des Jahres 2000 37 Millionen US$ – umgerechnet auf jeden zahlenden Kunden waren das 400 US$ pro Nase. Daraufhin kündigte TheStreet.com die Schließung seiner britischen Büros und die Entlassung von 20 % seiner Mitarbeiter an, um die Suche nach einem möglicherweise erfolgreichen Business-Modell noch eine Weile fortsetzen zu können. Wie hätte hier ein niedrigerer Leitzins der Fed den Investoren dabei helfen können, die verlorenen 37 Millionen US$ wieder zu sehen? Und wie, fragt man sich, hätten niedrigere Zinsen die 100 Milliarden US$ zurückbringen können, die AOL/Time Warner im Jahr 2002 versenkt hatte?
Eine Senkung der Leitzinsen macht ja Schuldner nicht auf einen Schlag wieder kreditwürdiger. Niemand, absolut niemand wäre scharf darauf gewesen, Gesellschaften wie TheStreet.com oder Amazon selbst nach einer Zinssenkung Geld auszuleihen. Weil jemand, der mehr ausleiht als er sich eigentlich leisten kann – und das Geld dann auch noch für überkandidelten Konsum anstelle von produktiven Investitionen ausgibt – auch bei niedrigeren Zinsen von niemand mit frischem Geld versorgt wird. Er muss erst mal seine finanziellen Hausaufgaben machen – und das geht eben nicht, indem er sich noch mehr Geld leiht.