Eine Welt des Schmerzes
John Mauldin in Investors Daily
vom 21. Oktober 2002 18:00 Uhr
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Das amerikanische Handelsbilanzdefizit ist angeblich der Hauptgrund, warum der Dollar unter Druck geraten soll. Ähnlich wie Bill Bonner gehe auch ich davon aus, dass der Dollar sein Top bereits gesehen hat und nun weiter fallen wird.
Dies lässt sich unter anderem damit begründen, dass seit dem Frühjahr die Übernahmen amerikanischer Gesellschaften durch ausländische Firmen drastisch zurückgegangen sind. In der letzten Dekade waren diese ausländischen Investments ein wichtiger Faktor, der jede Menge Dollar in die USA gespült hatte. Und deshalb fiel der Dollar.
Der Dollar fiel gegenüber dem Euro um 11 %, und damit auch gegenüber den dem Euro verbundenen Währungen. Aber gegenüber anderen Währungen konnte sich der Dollar ganz gut halten. Die Frage ist: Warum? Und angesichts der Tatsache, dass das amerikanische Handelsbilanzdefizit auf Rekordniveau steht – kann der Dollar dieses Niveau halten?
Wenn der Dollar nicht fällt, dann nur deshalb, weil es große Kapitalimporte in die USA gibt. Aber es gibt keine europäischen Gesellschaften mehr, die amerikanische Unternehmen kaufen, und keine Japaner mehr, die amerikanische Fabriken bauen. Wo kommt das Geld also her? Und warum ist der Dollar angesichts der Schwäche am Aktienmarkt nicht noch weiter gefallen? Die Welt müsste doch sehen, dass es den USA nicht gut geht?
Nun, nicht direkt.
Den anderen Aktienmärkten weltweit geht es schließlich genauso schlecht. Das weltweite Gemetzel ist erstaunlich. Beispiel Neuer Markt. Vor 5 Jahren wurde dieses Segment als der Motor des zukünftigen europäischen Wachstums gelobt. Stattdessen wurde der Neue Markt der Motor von Korruption, Betrügerein und Aktienkursverlusten. Sie wissen, dass zuletzt deshalb das Ende dieses Segments beschlossen wurde.
Wenn Sie in Argentinien oder Brasilien leben würden, dann würde der S&P 500 für Sie wie ein gutes Investment aussehen. Auf einer relativen Basis haben die US-Märkte tatsächlich keine schlechte Performance abgeliefert. Deshalb ziehen sich amerikanische Investoren von ausländischen Investments zurück, und ausländische Investoren suchen nach "sicheren Häfen" für ihr Geld. "Wegen großer Zuflüsse und großer Verkäufe von ausländischen Aktien sind im Juli netto 71 Milliarden Dollar in die amerikanischen Kapitalmärkte geflossen, der zweithöchste Wert überhaupt Bedenken Sie, dass nicht nur ausländische Investoren Geld nach Amerika bringen können – sondern auch Amerikaner, die ihre ausländischen Aktien verkaufen", so eine Analyse von Morgan Stanley. Alleine die japanischen Investoren haben in den ersten 7 Monaten des Jahres rund 40 Milliarden Dollar in die USA geschickt. Sie realisieren, dass die Bank of Japan vielleicht den Yen zerstören wird, um das Land zu retten (das erinnert mich an das Sprichwort "Operation gelungen, Patient tot"). Das intelligente Kapital verlässt Japan. Wenn man auf Korea blickt, dann fällt auf, dass die Wirtschaft dort auch in eine Rezession abfallen könnte. Die koreanische Zentralbank will der Wirtschaft über eine entsprechende Politik die Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Das klingt nach einer Abwertung. Und Südamerika? Der Rest von Asien? Diversifikation scheint in den meisten Teilen der Welt eine gute Idee zu sein.
"Werden die Ausländer nicht den Dollar meiden und stattdessen den Euro bevorzugen, weshalb der Euro steigen und der Dollar fallen sollte?" könnten Sie sich fragen. Meine Antwort: Vielleicht, aber nicht so viel, wie Sie eventuell denken.
Wenn Sie mir eine Pistole an den Kopf halten würden und mich fragen würden, in welche Anlageform Sie investieren sollten, dann würde ich Ihnen einen Namen sagen. Aber ohne diesen Druck empfehle ich Ihnen sehr stark, dass Sie diversifizieren sollten. 99,9 % von Ihnen würden mir sicherlich zustimmen. Für einige bedeutet Diversifizierung nur, zwei Kaffeetassen zu haben, aber das Prinzip dürfte klar sein.
Warum sollten ausländische Investoren nicht entsprechend handeln? Warum sollten Sie alles in Euroland investieren, wenn Europa vielleicht in eine Rezession rutscht? Ich habe inzwischen 40 Staaten bereist, und ich kann Ihnen sagen, dass es wenige Menschen außerhalb Amerikas gibt, die alle Eier in ein (Währungs-)Nest legen.
Bei Währungen geht es immer um Relationen. Man investiert in anderen Währungen, weil man davon ausgeht, dass man – wenn man den Betrag irgendwann zurücktransferiert – mehr Kaufkraft in der eigenen Währung gewonnen haben wird. Wenn viele Leute davon ausgehen, dass ihre eigene Währung im Wert fallen wird, und deshalb Dollar als "store of value" kaufen, dann wird der Dollar eben nicht stark fallen. Dies wird noch dadurch unterstützt, dass verschiedene Zentralbanken ihre Währungen unten halten wollen und deshalb einem Dollarverfall entgegenwirken werden.
Eine kleine Deflation ist nicht das Ende der Welt, wenn die Fed die Wirtschaft danach wieder "inflationieren" kann. Lange, systematische Deflation hingegen ist überhaupt nicht gut. Sie würde zu niedrigeren Immobilienpreisen führen, die den Immobilienmarkt verletzten würden. Das würde Jobs kosten, das wiederum den Konsum beeinträchtigen würde, was zu einer ernsten Rezession führen könnte.
"Wenn der Boom auf dem amerikanischen Immobilienmarkt endet, bevor ein neuer Boom beginnt", so Bill Gross von Pimco, "dann wird es der US-Wirtschaft schlecht gehen. Wie lange haben wir noch? Maximal 12 Monate, sogar dann, wenn Greenspan die Zinsen gegen Null fährt." Die Liste der derzeitigen "Blasen" ist lang: Eine Schuldenblase der Konsumenten, eine Dollarblase, eine Handelsbilanzdefizitblase, eine Immobilienmarktblase, und so weiter. Jede dieser Blasen wird irgendwann wieder dem alten Trend folgen. Was wir nur hoffen können, ist, dass nicht alle Blasen zur gleichen Zeit platzen. Es wäre netter, wenn die Luft langsam entweichen würde. Wir haben die Spekulationsblase am Aktienmarkt platzen sehen. Das hat zu einer milden Rezession geführt.
Die Fed hat keine Wahl. Sie wird die US-Zinsen weiter senken. Sie muss das tun, um Refinanzierungen zu erleichtern. Niedrigere Hypothekenzinsen sind wie eine Steuersenkung. Sie führen dazu, dass die Schuldner nach einer Umschuldung mehr Geld für andere Sachen zur Verfügung haben. Dadurch könnte die Volkswirtschaft stimuliert werden. Niedrigere Zinsen werden den Dollar tendenziell fallen lassen. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass die amerikanische Wirtschaft für mehr als ein Jahr so weitermachen kann, mit bescheidenem Wachstum. Die Wirtschaft life im dritten Quartal ganz gut, jedenfalls besser als im zweiten Quartal, aber das vierte Quartal wird schwächer werden. Das Wachstum wird bescheiden bleiben. Und genau dann, wenn es kaum noch Wirtschaftswachstum gibt, und die Inflation sehr niedrig ist (wie jetzt), dann kann sich die Deflation einschleichen.
Die Fed wird bald reagieren und die Zinsen senken. Das kann sich aber nur kurzfristig auswirken. Ausländer werden weiterhin amerikanische Bonds kaufen, die Renditen werden deshalb ohnehin fallen. Solange es keinen Beweis dafür gibt, dass das Problem der drohenden Deflation abgewendet werden kann, werden die Zinssätze weiter fallen. Der Dollar wird sich auf schwachem Fundament etwas ausruhen.