Eine unvollständige Rezession Teil 1
Jochen Steffens in Investors Daily
vom 08. März 2004 18:00 Uhr
ENL5454
Es waren wirklich enttäuschende Nachrichten. Ein Arbeitsmarkt, der im Zweimonatsschnitt nur knapp 60.000 neue Stellen je Monat geschaffen hat. Man rechnet in den USA damit, dass jeden Monat 150.000 neue Arbeitskräfte auf den Markt strömen. Das heißt, es müssten mindestens 200.000 neue Stellen je Monat geschaffen werden, damit sich der Arbeitsmarkt stabilisiert. Bei einer anziehenden Konjunktur sollten es sogar mindestens 250.000 neue Stellen sein. Faktisch bleibt es dabei, es werden immer noch Stellen vernichtet.
Jetzt räumte sogar US-Finanzminister Snow in einem Interview ein, dass die aktuellen Zahlen enttäuschend seien. Er betonte aber, dass in den nächsten Monaten mit einem "sehr viel stärkerem Beschäftigungszuwachs" zu rechnen sei. Ein Satz, den wir auch schon seit mehreren Monaten jedes Mal bei schlechten Arbeitsmarktdaten zu hören bekommen. Irgendwann wird er mit dieser Aussage sicherlich auch einmal richtig liegen.
In den letzten Wochen war in den USA zunehmend die Idee diskutiert worden, die Abwanderung der Arbeitsplätze ins Ausland (z.B. Indien) durch entsprechende Maßnahmen zu verhindern. Snow lehnte in diesem Interview solche Maßnahmen ab.
Die US würden von einer zunehmend erstarkenden Weltwirtschaft so stark profitieren, dass solche Maßnahmen unverantwortlich auch gegenüber den Arbeitnehmern seien, so Snow. Ob hier die Erfahrungen aus den Stahlzöllen eingeflossen sind oder es bereits Wahlkampf geprägter Optimismus ist – wer weiß. Sicher ist, die Amerikaner brauchen ausländisches Kapital, um ihr Zwillingsdefizit zu finanzieren. Eventuell macht sich deshalb die US-Regierung auch Sorgen darüber, welche Folgen solche Maßnahmen auf diesen empfindlichen Prozess des internationalen Gebens und Nehmens haben könnten.
Auch hier in Deutschland zeigten sich viele, besonders die bullish orientierten Volkswirte großer Banken nach den US-Arbeitsmarktdaten überaus verwundert darüber, dass es trotz des Konjunkturwachstums zu keiner Erholung auf dem US-Arbeitsmarkt kommt. Das grundlegende Problem dieser Wirtschaftserholung ist jedoch, dass es keine normal gewachsene Wirtschaftserholung, sondern sozusagen eine durch niedrige Zinsen "erzwungene" Wirtschaftserholung ist.
Schlagwort ist und bleibt: Überproduktion. Normalerweise entsteht eine Rezession dann, wenn durch die sprudelnden Gewinne einer Hausse immer mehr Firmen immer mehr produzieren. Dadurch entsteht eine Überproduktion, die Produkte stoßen nicht mehr auf genug Nachfrage. Verstärkt wird dieser Prozess durch eine Konsummüdigkeit, im Moment könnte man das Technologiemüdigkeit nennen.
Die Überproduktion führt dazu, dass die Preise im Konkurrenzkampf in den Keller gehen. Das lässt die Gewinne der Firmen sinken, bei gleichzeitig expansiv ausgerichteter Unternehmenspolitik führt das meistens zunächst zu einer starken Verschuldung. Verluste lassen die Börsenkurse einbrechen, das belastet die Gewinne zum Teil zusätzlich. Die Baisse, die Rezession ist da. Arbeitnehmer verlieren ihre Jobs, können weniger konsumieren, dadurch sinkt die Nachfrage noch mehr. Der Preiskampf wird härter, die Preise sinken weiter ... Ein Kreislauf, den wir seit vier Jahren beobachten.
In der Wirtschaft kommt es zu einem Reinigungsprozess, der dazu führt, dass einige/viele Firmen pleite gehen, die anderen Firmen ihre Unternehmensstruktur straffen. Hier setzt dann auch ein kreativer Prozess ein, die Krise mobilisiert die Firmen zu neuen Ideen, zu neuen Konzepten, um sich gegenüber der Konkurrenz zu behaupten.
Durch die Vielzahl von Firmenpleiten, Abbau von Produktionsüberschüssen, Konzentration auf neue Gebiete, sinkt das Angebot, die Überproduktion wird abgebaut. Irgendwann übersteigt dann die Nachfrage das Angebot.
Ein steigende Nachfrage bei geringem Angebot, führt natürlich sofort zu steigenden Preisen. Deswegen sollte die Inflation am Anfang einer Konjunkturerholung auch zulegen. Die anziehenden Preise und der geringere Konkurrenzkampf lässt die Gewinne der Unternehmen wieder anziehen. Auch die Produktion nimmt zu, es müssen neue Arbeitskräfte eingestellt werden, um die erhöhte Nachfrage zu bewältigen. Diese neuen Arbeitskräfte können wieder mehr konsumieren, die Nachfrage wird noch mehr angekurbelt. So lange bis wieder Überproduktionen entstehen.
Das ist der sehr vereinfachte und etwas idealisierte Prozesse eines normalen Konjunkturzyklus. Die USA hat jetzt ein großes Experiment gestartet: Sie bekämpfte die Rezession, bevor der reinigenden Prozess abgeschlossen war mit historisch niedrigen Zinsen.
Das führt dazu, dass die Firmen ihre Kredite refinanzieren konnten und mit entsprechenden Kostenreduzierungsmaßnahmen ihre Verluste wieder in Gewinne wandeln konnten. Optisch sieht alles gut aus. Nur, es herrscht immer noch ein "Klima" der Überproduktion. Das heißt, der Umsatz steigt nicht entsprechend an. Es entsteht ein harter Konkurrenzkampf um die durch die Arbeitslosigkeit geringere Menge der verbliebenen Konsumenten.
Und genau hier begründet sich das Problem. Um im diesen Konkurrenzkampf bestehen zu können, müssen Kosten gesenkt werden, die Produktivität zu Lasten der Arbeitnehmer gesteigert werden. Anstatt neue Arbeitskräfte einzustellen, werden Arbeitskräfte entlassen, wo dies nicht möglich ist, lagert man sie ins Ausland aus.
Es ist und bleibt die fehlende Nachfrage und die immer noch starke Konkurrenz, die es fast unmöglich macht, dass in den USA neue Arbeitsplätze in dem Maße entstehen, wie sie für eine sich selbst tragende Konjunkturerholung gebraucht werden.
Das wird dazu führen, dass eine Konjunkturerholung erst verspätet, wenn überhaupt kommen wird. Lesen Sie dazu morgen im zweiten Teil mehr.